Vendée Globe: Boris Herrmanns’ PK von Bord – Chancen auf den Sieg? “Definitiv!”

"Zwei Wochen noch. Dann reicht es auch"

Boris Herrmann holt bei der Vendée-Globe immer weiter auf. Bei der Pressekonferenz erklärt er seine Ambitionen. Er müsse die Zähne zusammenbeißen bei dem hohen Speed.

Es rauscht hinter Boris Herrmann. Pünktlich zur Pressekonferenz hat sein Schiff mächtig Fahrt aufgenommen. So wie er es hofft, die 20 Knoten-Marke überschritten. Kurz verschwindet er vor der Kamera, ein Alarm hat auslöst aus, dann stellt er sich wieder den Fragen.

Boris Herrmann ist guter Dinge. © Boris Herrmann / Seaexplorer – YC de Monaco

“Die Chancen auf den Sieg bestehen definitiv”. Überraschend deutlich spricht der deutsche Skipper aus, was die Theorie besagt. Er hat das schnellste Schiff der Spitzengruppe bei den Bedingungen, die in den nächsten Tagen zu erwarten sind. Und er macht keinen Hehl daraus, dass er jetzt auch endlich sein Potenzial ausspielen will.

Es wäre ja auch zu schön, wenn sich die 600.000 Euro-Investition in ein neues Paar Flügel doch noch lohnen sollte. Dann würden die zunehmende Fragerei aufhören, warum so viele Nicht- und Kurz-Flügler bei dieser Vendée Globe viel zu weit vorne segeln. Warum das neueste Material nicht funktioniert. Warum es nicht auch viel günstiger gegangen wäre.

Tatsächlich bestätigt der gepimpte IMOCA, der lange unter dem Namen Malizia firmierte, immer mehr seine Leistungsfähigkeit in der kleineren zwei-Meter-Atlantik-Welle. Am Abend ist Herrmann Schnellster der Spitzengruppe mit 17 Knoten Speed, einen Knoten schneller als der Führende Charlie Dalin. Er knackt jetzt immer öfter die 20 Knoten-Marke und verzeichnet mit 347 Meilen in 24 Stunden auch zehn mehr gesegelte Meilen als Dalin und Burton ganz vorne. Sie segeln nur noch 73 Meilen voraus.

“Zähne zusammenbeißen”

Dabei empfindet er nach eigenem Bekunden das Segeln als sehr angespannt. “So wie fast noch nie. Ich muss mich an die harten Schläge gewöhnen. Die Zähne zusammenbeißen.” Schließlich habe er diese Bedingungen, für die das Boot eigentlich gemacht ist, bei dieser Regatta noch nie gehabt. Im Foiling-Modus ist der 60-Fußer laut. Es kreischt und kracht. Zuvor war nach der Entwicklung dieses neuen Flieger-Typus vermutet worden, dass nicht die Maschine, sondern der Mensch zum limitierenden Faktor wird.

“Das Foiling unter voller Last erzeugt große Anspannung.” Bisher war der Backbord-Flügel im Schnitt mit vier Tonnen belastet worden, nun muss er zehn Tonnen aushalten. Das habe nichts mit einer größeren Risikobereitschaft zum Ende des Rennens zu tun. “Ich habe mich selbst beobachtet und glaube nicht, dass ich nun anders segle als am Anfang. Ich bewege das Boot anhand der Lastwerte, die wir beim Training entwickelt haben.” Viel Spielraum zum besonders harten Puschen bleibe da nicht. “Ich lasse mich nicht von der einmaligen Situation verrückt machen, dass wir nun gewinnen können.”

Ohnehin habe die Leistung und auch seine Aufholjagd nach der Kap-Hoorn-Rundung wenig mit seiner Leistungsfähigkeit zu tun, etwa seiner Stimmung oder der Motivation.”Der Skipper macht nur 1 bis 5 Prozent aus. Der Rest wird vom Wetter und Boot vorgegeben.” Dass er nun vorne mitspielt, sei durch den gute Zustand des Bootes und die Windbedingungen möglich.

Kein Mitleid für Bestaven

Ein solche Situation im Atlantik, die große Meilengewinne erlaube, empfindet er aber nicht als so ungewöhnlich. Tatsächlich hat Alex Thomson vor vier Jahren nach Kap Hoorn trotz fehlendem Steuerbord-Foil 800 Meilen auf Armel Le Cleac’h gutgemacht. Da seien die 430 Meilen Verlust von Yannick Bestaven relativ normal. “So etwas passiert regelmäßig. Das ist Pech für Yannick und Glück für uns.” Mitleid empfinde er nicht. Bestaven habe anderswo auf dem Kurs Glück gehabt. “Bei so einer Regatta gleicht sich so etwas immer aus. Und am Ende sind dann doch die Guten wieder vorne.” So wie jetzt Charlie Dalin.

Die Entwicklung des Abstandes zwischen Bestaven (rot) und Herrmann.

Bestaven habe mit seiner Route kaum eine andere Möglichkeit gehabt. Herrmann weist allerdings darauf hin, dass es vielleicht sogar besser gewesen wäre, vor der Flaute abzustoppen und zu warten. Tatsächlich hätte sich der Franzose dann besser vor der heranstürmenden Meute platzieren können. Allerdings sei das auch ein Problem der Routenprogramme. “So eine Option können sie nicht berechnen.”

Nun ist Bestaven sehr weit nach Westen abgedriftet und verliert immer mehr, weil er einen spitzeren Winkel als die Konkurrenz steuern muss. Er liegt nun schon 100 Meilen zurück auf Platz sechs hinter dem Deutschen. Man dürfe ihn aber längst nicht abschreiben. Besonders die Zeitgutschrift mache ihn weiterhin zu einem gefährlichen Gegner.

“Geheimiskrämer” Dalin und Ruyant

Jean Le Cam dagegen, der ebenfalls mit massiver Zeitgutschrift unterwegs ist, scheint sein Pulver verschossen zu haben. Der 61-Jährige fällt mit seinem Nicht-Foiler immer weiter hinter dem deutschen Skipper zurück. Ihm fehlen jetzt schon 156 Meilen. Herrmann sagt, dass er bei einem Windwinkel (TWA) von mehr als 65 Grad bis zu 30 Prozent schneller sei.

Aber er könne ohnehin nur sein eigenes Rennen bestimmen. “Es liegt nicht in meiner Hand, wie die anderen segeln.” Louis Burton überrasche ihn. Der sei deutlich besser unterwegs als sonst. Bei den “Geheimniskrämern” Dalin und Ruyant wisse man nie, wie es um die wirklich steht. Ruyant scheint tatsächlich Probleme zu haben auf Backbordbug, Dalin dagegen foilt auf hohem Niveau.

Dieser bekundet allerdings selbst: “Ich muss mit den Waffen kämpfen, die ich habe” und bekundet, sein Foil nicht mehr ganz ausfahren zu können. Ob es wirklich so ist? Die Fotos von der Feuerland-Passage scheinen etwas anderes auszusagen.

Das Backbord-Foil von Apivia ist seit der Reparatur immer noch voll ausgefahren, kann aber wohl nicht mehr angestellt werden. © Cpl Phil Dye/BFSAI

Apivia bei der Passage von Feuerland. © Cpl Phil Dye/BFSAI

Es ist aber nicht klar, wie die Reparatur dauerhaft unter voller Last reagiert. “Ich kann mit meinem Foil bei einem bestimmten Krängungswinkel Auftrieb entwickeln, aber längst nicht so viel als wenn es voll ausgefahren wäre. Es ist ein Kompromiss. Der aktuelle Speed ist aber nicht mit dem vergleichbar, den das Schiff sonst in der Lage ist zu erreichen.”

Ob das ausreicht, um die Konkurrenz in Schach zu halten? Dalin bemüht sich die Situation in der richtigen Perspektive sehen. “Meine Vendée Globe hätte in Australien oder Neuseeland enden können, aber nun bin ich einen Monat später immer noch dabei und führe das Rennen an. Das ist großartig! Ich bin sehr glücklich und werde alles tun, um die Führung zu behalten”.

“Eigentlich sollten die vorne wegsegeln”

Boris Herrmann glaubt allerdings, dass er dem Favoriten vielleicht tatsächlich noch in die Suppe spucken kann. Er hält es für ein gutes Zeichen, dass sich sein Rückstand zu Apivia nicht vergrößert. “Eigentlich sollten die vorne weiter wegsegeln. Sie haben mehr Wind.” Dafür sieht er eine Chance in der Doldrum-Flautenzone. Die ist zwar nicht sehr aktiv und schnell zu durchqueren. Aber die Führenden sollten abgebremst werden.

Jetzt erwartet er, mehr als eine Woche bei ähnlichen Bedingungen auf Backbordbug vorwärts zu rauschen. Danach könnte sich für den Nordatlantik noch einmal ein heftiges Tief entwickeln. “Zwei Wochen noch. Die halte ich noch durch. Dann reicht es auch. Dann habe ich die Schnauze voll.”

Nach 80 Tagen winke dann die Zielankunft. Proviant muss er nicht rationieren. Es ist genug für 90 Tage an Bord. Die Freude auf Zuhause ist ihm anzumerken. Die frische Rasur habe allerdings nichts damit zu tun. “Das ist eher eine kleine mentale Erholungsübung.” Es helfe, mal wieder in den Spiegel zu sehen, mal etwas für sich selbst zu tun.

Gedankliches Abdriften in die Welt des Fußball gehört nicht dazu. Ob er sich über den Pokalsieg der Kieler gegen Bayern gefreut habe, fragt es aus dem Off. “Holstein hat einen Verein? In der Bundesliga?” Nee, das habe er nicht gewusst. “Bei Fußballwissen bin ich eine komplette Niete.”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

6 Kommentare zu „Vendée Globe: Boris Herrmanns’ PK von Bord – Chancen auf den Sieg? “Definitiv!”“

  1. avatar meerkater sagt:

    Das Backbord Foil von Dalin ist auf dem Foto eingefahren. weiter geht es nicht rein. Ausgefahren steht es einen Meter weiter raus.

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  2. avatar meerkater sagt:

    Hier gibt es Fotos wie das ausgefahren aussieht:
    https://www.imoca.org/en/boats/apivia

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  3. avatar T.B. sagt:

    Fun Fact:
    Isabel Joschke ist die/der 3 deutsche Segler*in die die Welt einhand Nonstop umrundet hat!
    Sie hat ihre Kurslinie gekreuzt und damit m.E. die Bedingung für eine Umsegelung erfüllt!
    Herzlichen Glückwunsch!!!
    @Segelreporter: wäre das nicht eine Meldung wert?

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 1

    • avatar Wolfgang Roeske sagt:

      Bin ganz deiner Meinung- Gratulation Isabel
      Leider sind wohl alle so auf das , zugegeben, spannende Finale fokussiert, das es diese Meldung nicht auf die erste Seite schafft.

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  4. avatar uwe schramm sagt:

    Boris ist ein toller TYP und MENSCH !!! Ich hoffe er gewinnt !!

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  5. avatar PL_mai.eisenach sagt:

    Unglaublich, was Boris hier leistet.
    Unabhängig von der Platzierung ist er einer der größten Segler und als Sportler ein Vorbild für Ehrlichkeit, Mut, realistischem Denken und Siegeswillen.
    Ich fiebere mit ihm.

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