Vendée Globe: Boris Herrmanns Pressekonferenz – Warum er etwas langsamer segelt

"Ein paar Tränen verdrückt"

Boris Herrmann hat eine Vendée-Globe-Pressekonferenz von Bord der „Seaexplorer -Yacht Club de Monaco“ im Southern Ocean abgehalten. 20 deutsche Journalisten waren im Teams-Chat vertreten. Das Interesse an dieser Welt-Regatta wird auch in Deutschland immer größer.

Boris Herrmann im Bastel-Modus. © Boris Herrmann / Seaexplorer – YC de Monaco

Das liegt auch daran, dass Herrmann im Fokus der Öffentlichkeit die gewohnt gute Figur macht, die er schon beim Greta-Törn zeigen konnte. Aber auch auf dem bockenden IMOCA im Southern Ocean hindern ihn die Umstände nicht daran, gewohnt eloquent, offen und ehrlich über seine Erlebnisse zu berichten.

Während sich in früheren Zeiten leistungsstarke Einhand-Hochseesegler überwiegend durch Verschlossenheit auszeichneten – es galt eher als unprofessionell, zu viele Informationen über den eigenen Zustand oder den des Schiffes preis zu geben, die den Konkurrenten helfen konnten – so wird der moderne Vendée-Globe-Segler immer mehr zum Medien-Presenter seines Abenteuers.

Das hängt insbesondere mit Alex Thomson zusammen, der durch seine positive Präsenz vor der Kamera den eigentlichen Mehrwert für Sponsor Hugo Boss generiert. Der mündete schließlich in ein großes Budget und ein schnelles Boot.

Sensationelle neue Ansichten

Auch der rasante Fortschritt bei der Übertragungstechnik spielt eine große Rolle, aber ebenso die neue Erwartungshaltung, die sich insbesondere nach dem vergangene Volvo Ocean Race entwickelt hat. Ein Markenzeichen dieser Crew-Regatta um die Welt sind längst die mitsegelnden Medienmänner, die nur mit der Berichterstattung beschäftigt sind. Sie haben insbesondere mit ihren Drohnen-Aufnahmen für sensationelle neue Ansichten vom Segelsport gesorgt.

Daran muss sich auch die Vendée Globe messen lassen. Bisher gab es nur zufällige, immer noch sensationelle Außenaufnahmen wie vor vier Jahren bei der Vendée Globe, als der Helikopter einer französischen Fregatte auf Höhe der Kerguelen Inseln das Duell zwischen Alex Thomson und Armel Le Cleac’h filmte.

Nun liefert jeder Skipper regelmäßig Video-Schnipsel von Bord. Der Sponsor, die Fans und die Organisatoren finden es gut. Aber auch die Skipper nutzen die Bühne, insbesondere wenn sie sich noch profilieren müssen. Bei dieser Vendée Globe können sie sich selbst als Marke entwickeln und den weiteren Verlauf ihrer Karriere bestimmen. Wohl auch, weil diesmal so viele Newcomer um die Welt segeln, nutzen sie diese Chance deutlich mehr als die Generation vor ihnen.

Der Welt zeigen, was er tut

Dabei ist es ein Wunder, dass es funktioniert. Die Pressekonferenz von Boris Herrmann ist ein gutes Beispiel. Man könnte ja denken, dass es für einen Skipper auf einem bis zu 30 Knoten schnellen IMOCA genug anderes zu tun gibt, als 30 Minuten mit Journalisten in Deutschland zu sprechen – zum Beispiel schlafen. Aber er federt auch die Journalistenfrage nach seinem derzeitigen Aufentaltsort ab. “Bitte auf den Tracker schauen”. Herrmann soll am Tag fast drei Stunden mit Medienarbeit verbringen.

Herrmann bei der Mediean-Arbeit. © Boris Herrmann / Seaexplorer – YC de Monaco

Er ist eben nicht nur ein einfacher Teilnehmer dieser Regatta, sondern der erste Deutsche, der sich auf dieses Niveau hochschwingen konnte. Er muss und will der Welt da draußen zeigen, in was für einer Welt er lebt. Was für einen unglaublichen Sport er betreibt.

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Die Fans können sich glücklich schätzen, plötzlich so hautnah dabei sein zu dürfen. Es gibt etwas zum Mitfiebern. Der Mainstream entdeckt den Sport. In allen großen Medien wird berichtet – wohl auch weil in Corona-Zeiten die Konkurrenz durch die arrivierten Sportarten geringer ist. Nun gibt es eine Alternative. Einen Sport, den viele so noch nie gesehen haben. Ein echtes Abenteuer mit Dramen und Höchstleistungen, bei dem man sich um Covid-19 keine Gedanken machen muss.

Herrmann versus Riechers

Herrmann wächst auch immer besser in seine Rolle hinein. Früher musste er sich oft vorwerfen lassen, manchmal zu “gelackt” aufzutreten, zu sehr als BWLer, der er ja auch ist. Als Gegenbeispiel galt Jörg Riechers, der einige Zeit lang auf einem besseren Weg war, der erste Deutsche bei der Vendée Globe zu werden. Er schien ehrlicher, emotionaler, chaotischer und mit der gewissen Verrücktheit ausgestattet, die man vielleicht für diesen Sport brauchen könnte.

Deutsche Segelfans teilten sich in beide Lager. Aber Herrmann hat mit seiner Art diesen Wettlauf klar für sich entschieden. Die größte Auszeichnung: Er wird als einer der wenigen Deutschen auch ehrlich in der französischen Offshore-Szene geachtet.

Eine Voraussetzung dafür: Er parliert längst fließend Französisch. Auch deshalb wurde er von Francis Joyon für die Jules Verne Trophy als Navigator geheuert, nachdem er mit dem inzwischen verstorbenen Chinesen Chuang die Nordost-Passage bezwungen und sich unter anderem etwa bei Jochen Schümann als Profi-Navigator fortgebildet hatte.

Er stellte auch solides IMOCA-Projekt auf die Beine, überzeugte Förderer, erhielt Zugriff auf eines der schnellsten Schiffe der vergangenen Vendée Globe, modifizierte diese Yacht effektiv, nachdem sie mit den Neubauten nicht mehr mithalten konnte, scharte ein gutes Team um sich, behandelt es gut und ist nun mittendrin statt nur dabei. Der Erfolg eines Vendée-Globe-Projektes entscheidet sich mehr noch an Land als auf See. Die Besten sind gute Segler aber insbesondere auch Ingenieure und Rennstall-Manager.

Schon mal emotional

Dabei hat er auch in der Außendarstellung gelernt. Er brauche den Kontakt nach außen, sei nicht so der typische Eigenbrödler wie andere Einhandsegler. Ihm helfe das Interesse von außen und das positive Feedback. Höflich bedankt er sich für die Berichterstattung und das Interesse. Ein echter Herrmann.

Aber immer öfter gibt er sich auch emotional. Flucht schon mal, wenn er einen taktischen Fehler gemacht hat und lässt nun auch in der Pressekonferenz keinen Zweifel aufkommen, dass es ihm wahrlich nicht immer gut geht.

Nachdem er Tage brauchte um die physische und auch psychische Erschöpfung durch den Mast-Aufstieg trotz Höhenangst zu verarbeiten nahm ihn auch die Rettungsaktion von Kevin Escoffier sehr mit. Er habe ein paar Tränen verdrückt, als sich die Anspannung nach dem positiven Ausgang löste. Er empfand, dass die Rettung “auf Messers Schneide” stand und es nur “haarscharf” geklappt habe. Escoffier war es wohl nicht so bewusst. Er werde es vielleicht später realisieren.

Nun mache ihm der konfuse Seegang zu schaffen. “Schlimmer kann es nicht werden. “Meine Güte”, sagt er. “Ich bin froh, wenn ich wieder zuhause bin.” Er brauche viel innere Kraft, um den Alltag an Bord zu bestehen. Aber es solle ja wieder besser werden. Der Indische Ozean sei durchaus bekannt für seine hackige Welle. Im Pazifik rolle die Dünung dann länger an.

Am Morgen 40 Meilen verloren

“Es ist im Moment schwierig eine hohe durchschnittliche Geschwindigkeit hinzubekommen.” Da suche er noch nach dem besten Trimm. Er ärgert sich, dass er am Morgen wieder 40 Meilen verloren habe, aber das hänge auch damit zusammen, dass er das mittelgroße Vorsegel J2 so lange nicht benutze, bis er den Reißverschluss am Vorstag wieder nach unten ziehen könne.

Boris Herrmann bei perfekten Foiling-Bedingungen. © borisherrmannracing

Das Segel ist nicht für ein Bergen vorgesehen. Das Vorstag, an dem es hängt,  stabilisiert den Mast nach vorne. Wenn dieser sich weiter bis ganz nach oben öffnet, fliegt das Vorliek frei und er muss er am Stag hochklettern um den Zipper wieder nach unten ziehen – keine schöne Vorstellung. Die kleinere J3 Fock scheint jedenfalls nicht so gut zu den Bedingungen zu passen.

Der maximale Speed ist auf 26 Knoten – das Maximum für die beiden Energie erzeugenden Hydro-Generatoren am Heck – eingestellt. Der Autopilot fällt automatisch ab, wenn dieser Wert erreicht wird. Als es dann doch mal mit über 30 Knoten bergab geht reißt ein Generator ab – kurz danach auch der andere nachdem sich eine Schraube gelöst hatte. Die Reparatur schiebt er erst einmal auf, wenn es etwa in vier Tagen ruhiger und weniger gefährlich werden soll. Eine Flex komme dabei zum Einsatz. Bis dahin muss die Stromversorgung mit Solar- und Dieselenergie erfolgen.

“Es geht nicht spurlos an mir vorüber, wenn ich Meilen verliere.” Dabei habe er sich so krummgelegt, in den vergangenen Jahren, ein schnelles Boot an den Start zu bringen und in anderen Phasen des Rennens habe man um jeden einzelne Meile gekämpft. “Das ist schwer”.

Nichts aufs Spiel setzen

Aber Herrmann bekundet auch, dass sich seine Wahrnehmung des Rennens verändert. “Die Ausfälle sorgen für eine gewisse Demut.” Er verspüre eine große Sehnsucht, überhaupt heil zuhause anzukommen. Deshalb trete die Regatta teilweise in den Hintergrund. Im Moment seien die Foils etwa komplett eingezogen.

“Ich will auf keinen Fall irgendetwas aufs Spiel setzen…Wir sind noch nicht bei der vollen Quote der Ausfälle.” Die liegt bei der Vendée Globe historisch zwischen 35 und 60 Prozent.

Die Erlebnisse der vergangenen 12 Stunden hätten ihn immer wieder überrascht. Drei Sonnenschüsse seien passiert. Einmal ist das Schiff einen Brecher mit 38 Knoten abgesurft. “Es ist in die nächste Welle reingedonnert, und da hat man nach der Geschichte von Kevin und denen der anderen Angst, dass etwas kaputt geht. Alle Alarme gehen an. Die Computertastatur ist vom Schoß etwa zehn Meter weit ins Vorschiff geflogen. So sehr bremst das Schiff ab. Natürlich läuft es dann auch aus dem Ruder. Ich musste das Groß fieren. Keine schönen Erlebnisse. Deshalb bin ich im Moment auch so stockend langsam unterwegs.”

Race-Tracker

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

6 Kommentare zu „Vendée Globe: Boris Herrmanns Pressekonferenz – Warum er etwas langsamer segelt“

  1. avatar breizh sagt:

    Eigentlich ein ganz guter Artikel mit etwas Emotionen, Insights und Allgemeinen drum herum. Aber bei diesem Satz stellen sich mir irgendwie die Nackenhaare auf “Die größte Auszeichnung: Er wird als erster Deutscher auch ehrlich von der französischen Offshore-Szene geachtet.”. Insbesondere wenn vorher noch der Vergleich mit Jörg Riechers gemacht wird. Beide sind exzellente Segler und haben im Offshore Segeln neue Dimensionen erreicht und werden von Ihren Segelfähigkeiten in der (französischen) Offshore geschätzt. Sie sind bestimmt charakterlich sehr verschieden und nicht jeder mag jeden aber die seglerischen Fähigkeiten (hier in Form von Achtung) abzusprechen ist wirklich sehr schwach (feundlich formuliert). Aber das ist ja nicht das erste Mal hier. Äußerst traurig.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 26 Daumen runter 7

  2. avatar Le cam Tiphaine sagt:

    Salut le journaliste….
    Trop top vos articles à la con ! Désolée, mais il serait temps que vous apprenniez votre sale métier de merde…(oui, je déteste les journalistes)…toujours là pour polémiquer plus que se renseigner…je connais Boris et Jörg et je ne vois absolument pas le besoin de les comparer… très différents, l’un chichi et chochotte…l’autre marin et performant…à vous de deviner qui est qui….
    Il y en a qui n’ont vraiment aucun talent d’écriture, ni d’investigation…mais bon, ce ne sont que des journalistes, on ne peut pas trop leur en demander….

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 5 Daumen runter 7

    • avatar C.Hansen sagt:

      Bravo Frau Riechers, weiter so, denn so was lesen auch Sponsoren,
      Boris segelt und verkauft sich 10 x besser als diese alte abgestandene Subkultur Riechers.

      Ahoi aus der Heide

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  3. avatar prospero sagt:

    Bonsoir Tiphaine,
    je ne doute pas que vous êtes la compagne de Jörg Riechers et que vous vous précipitez comme une lionesse sur le journaliste que vous soupçonnez de mauvaise fois à l’égard de votre mari. Moi, apès avoir lu l’article, je ne vois pas pourquoi tant s’échauffer. Personellement, je suis fan des deux marins à la fois, et je trouve plutôt bien que Boiris utilise son éloquence (qu’on peut trouver “chichi et chochotte” – mais qui est aussi très efficace) pour rendre le sport plus populaire en Allemagne. Comme ça, il serait peut-être aussi plus facile pour Jörg de trouver un sponsor allemand pour le VG 23/24. Dans un sens, l’article met de la lumière au fait qu’il y a depuis un certain temps déjà d’autres skippers talentueux et expérimentés outre-Rhin. Pas besoin donc d’ouvrir une espèce de querelle entre les deux marins. Peace, man!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

    • avatar C.Hansen sagt:

      Bravo cher Prospero, tu as eu de la chance qu’elle ne t’ait pas traité de connard …

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  4. avatar brahms sagt:

    Hallo zusammen,
    ich habe da doch noch eine Verständnisfrage zu folgendem Teil:
    “Das Segel ist nicht für ein Bergen vorgesehen. Das Vorstag, an dem es hängt, stabilisiert den Mast nach vorne. Wenn dieser sich weiter bis ganz nach oben öffnet, fliegt das Vorliek frei und er muss er am Stag hochklettern um den Zipper wieder nach unten ziehen – keine schöne Vorstellung.”

    Also: Was genau macht denn der Zipper? Das J2 ist doch ein Rollsegel, oder nicht? Irgendwie verstehe ich es nicht ….

    Danke für eine kleine Erklärung,

    Steffen

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