Vendée Globe: Burton parkt, Herrmann fliegt – die Karten werden neu gemischt

"Ich hätte es fast versaut"

Während die beiden Spitzenboote bei der Vendée Globe das Bremsmanöver einleiten, wird Boris Herrmann auf Platz zwei geführt. Aber auch er muss sich durch die nächste Flaute kämpfen. Ob es diesmal besser klappt?

Boris Herrmann über den Seaexplorer-Yacht Club de Monaco © Jean-Marie Liot / Azimut

Gut sieben Tage vor dem erwarteten Zieleinlauf bei der Vendée Globe spitzt sich das Geschehen am 73. Tag auf See zu. Denn die Führungsgruppe ist im Begriff, die stabilen östlichen Passatwinde zu verlassen. Sie positioniert sich für das heran rauschende Tief im Nordatlantik.

Vorher muss die Flaute des Azoren-Hochs bewältigt werden und der am weitesten nördlich segelnde Louis Burton hat diesen Bereich bereits erreicht. Seine Geschwindigkeit lässt abrupt nachg. In den nächsten Stunden wird sich entscheiden, ob sich sein hoher Einsatz mit dem einsamen Schlag auf die linke Kursseite auszahlt. Er segelt 75 Meilen in Lee von seinem ärgsten Gegner Charlie Dalin. Alles kommt darauf an, ob sich die Wettersysteme mit den prognostizierten Geschwindigkeiten vorwärts bewegen.

Burton parkt auf seinem West-Kurs, Herrmann (grau) wird auf Rang zwei geführt.

Ebenso spannend ist es, ob der 40-Meilen-Querabstand von Boris Herrmann zu Dalin einen Unterschied ausmachen wird. Kann der deutsche Verfolger diesmal bei leichterem Wind eine schnellere Route finden? Zuletzt war das nicht seine Stärke. Vielleicht ist Rasmus diesmal mehr auf seiner Seite.

Die Einsätze werden höher

In seinem jüngsten Bericht von Bord berichtet er noch einmal offen, was ihm durch den Kopf geht. Er freue sich sehr auf das Azoren-Hoch und “etwas ruhigeres Segeln”. Aktuell gebe es jeden Tag einen Grund für massiven Stress. “Irgendwas ist immer extrem. Extrem leichter Wind, extrem drehend… vielleicht wird aber auch mein Nervenkostüm schwächer. Die Wahrheit ist wohl: Die Einsätze werden immer höher.”

Dabei geht ihm immer noch ein möglicher später Ausfall durch den Kopf. “Das würde sich für mich jetzt noch tragischer anfühlen als zuvor. Mit jedem Tag, den ich dem Ziel näher komme, mischt sich zu der positiven Aufregung dieser latent paranoide Angst. Es ist ein Rodeo der Gefühle.”

Denn manchmal liegt die Gefahr so nahe. “Gestern Abend hätte ich fast alles versaut. Wasser im Motorraum. Mein Fehler. Der Watermaker-Filter war undicht. Die halbe Nacht habe ich mich mit dem Schlamassel herumgeschlagen. Jetzt ist alles wieder in Ordnung. Ich habe einen neuen Watermaker angeschlossen. Der alte ist vom Wasser zerstört. Dies hätte so leicht das Ende der Geschichte sein können.”

“Dieses seltsame Gefühl, als ob ich weinen müsste”

Schlafen sei so schwierig. Extreme Erschütterungen in schlecht geformten Wellen, ständig wechselnder Wind, das alles helfe nicht. Aber man müsse diesen erstaunlichen Moment des Loslassens finden. “Dabei versucht mein Verstand hyperaktiv mögliche Problemen mit dem Boot zu lösen. Sollte ich einen kleineren Foil-Winkel einstellen? Einen anderer Kurs steuern? Besser die J3-Fock setzen? Ein zweites Reff einbinden?…Die Gedanken verschwimmen. Der Verstand produziert keine klaren Anweisungen mehr…

Nur noch wenige Stunden bis der Wind nachlässt und wir elegant über das Meer segeln. Dann ist da aber wieder diese laute Stimme. JETZT PUSCHEN. Du darfst nicht schlafen Manchmal findet man tatsächlich einen Modus, der schneller und trotzdem besser an Bord zu ertragen ist. Das wäre jetzt die J2. Wie oft habe ich diesen Wechsel in letzter Zeit vorgenommen? 6 oder 8 mal?”

Die Windstärke liege genau zwischen beiden Vorsegeln. Der Durchschnitt-Speed ist etwa gleich. Bei stärkerem Wind sei die Beschleunigung mit der kleineren J3 besser. “Ich lasse sie jetzt erst einmal stehen und schlafe.”

“Ich spüre die Grenze der Schlafentzugs. In meinem Hinterkopf entwickelt sich dieses seltsame Gefühl, als ob ich weinen müsste. Das ist dann immer das Zeichen: Schlaf jetzt!”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

2 Kommentare zu „Vendée Globe: Burton parkt, Herrmann fliegt – die Karten werden neu gemischt“

  1. avatar PL_koch.sven sagt:

    Nur noch sieben Tage und es kann noch soviel passieren, einfach unglaublich……..unglaublich spannend.
    Danke für die zeitnahen und sehr interessanten Berichte im Segelreporter

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 16 Daumen runter 0

  2. avatar Volker Domres sagt:

    Kaum auszuhalten, die Spannung zwischen Vorsicht und Kampf um den Sieg.
    Zur Zeit ist Boris ein Platz unter den „Besten Fünf“
    sicher!
    Ja ankommen soll Boris!
    Egal ob er auf Platz 1 oder Platz 5.
    durchs Ziel fährt.
    Bei dem engen Wetterschlauch ins Ziel
    ist auch viel Glück im Spiel!
    Für mich ist Boris schon jetzt ein Sieger.
    Klar wenn er nicht ganz vorne landet, werden einige Stimmen sagen, da hättest mehr Gas geben müssen, doch die hatten auch nicht den Fuß am Gaspedal, sondern haben gerade eben ihren Weihnachtsbaum entsorgt! 😂

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