Vendée Globe: Conrad Colman ist der Mac Gyver zur See – Mit dem Notrigg ins Ziel

"Ich bin froh über die Probleme"

Conrad Colman hat allen Widerständen zum Trotz diese Vendée Globe beendet. Dabei hat er sich das vielleicht schönste Notrigg aller Zeiten gebastelt. Ein Gegner, den es ebenso hart erwischte, schlüpfte kurz vor dem Ziel noch durch.

Conrad Colman

Mit gestutztem Flügel ins Ziel. © Oliver Blanchet/DPPI/VG

Solche Stories lieben die Franzosen. Zu Tausenden säumen sie den Pier in Les Sables d’Olonne als Conrad Colman (33) die Vendée Globe beendet. Er ist der erste Neuseeländer auf der großen Runde und der Erste, der sich alleine auf natürliche Energie verließ. Aber besonders geht er durch seine Bastelkünste in die Geschichte dieser Regatta ein. Nach seinem Mastbruch gut 700 Meilen vor dem Ziel hat er das wohl effektivste Notrigg gebaut, das je für solch einen Fall installiert wurde.

Am Ende brachte das Notrigg noch bis zu acht Knoten Schub.

Colman konnte damit auch in der Biskaya aufkreuzen und doch noch diese Regatta beenden. Kurz vor dem Ziel schlüpfte zwar noch der Franzose Romain Attanasio vorbei und belegte vier Stunden vor ihm Rang 15, aber auf die Platzierung kommt es bei den meisten der zuletzt fast einen Monat hinter den Führenden segelnden Vendée-Globe-Absolventen nicht mehr an.

Großes Leistungsgefälle

Von Anfang an ist klar, dass sie mit ihrem betagten Material und geringem Budget quasi eine andere Klasse segeln. Vor dem Start wurde das Leistungsgefälle, das in diesem Jahr besonders groß ist, von einigen Spitzenseglern durchaus moniert. Aber die Abenteuer-Geschichten, die auch ein Colman geschrieben hat, machen einen großen Reiz der Vendée Globe aus. Es ist eben immer noch eine große Leistung, die Welt nonstop und alleine zu umsegeln.

So haben die Franzosen den Neuseeländer, der schon seit zehn Jahren in ihrem Land lebt und perfekt die Sprache spricht, längst in ihr Herz geschlossen. Denn er präsentierte sich nicht nur als Mac Gyver zur See, sondern zeigte viele Tage lang, dass er auch seglerisch, taktisch größeren Aufgaben gewachsen scheint.

Conrad Colman

Am Ziel der Träume. © Oliver Blanchet/DPPI/VG

Von seinem 12 Jahre alten Schiff, dass vom wenig bekannten Südafrikaner Angelo Lavranos für zwei Brasilianer konstruiert worden ist und zuletzt Charter-Fahrten in Frankreich unternommen hatte, konnte er nicht viel erwarten. So schlug er sich mit Rang 14 bei der Passage Afrikas – als noch 24 Boote im Spiel waren – deutlich mit Gegnern über seiner Gewichtsklasse.

Feuer an Bord

Dabei wurde er mehrfach durch Probleme gebremst, bestieg dreimal in 24 Stunden den Mast und musste am 4. Dezember sogar ein Feuer an Bord löschen. Ein Apparat zur Kontrolle der Solarenergie ging in Flammen auf. Das gesamte elektrische System fiel samt Autopilot aus und das Boot steuerte in eine Patenthalse.

Conrad Colman

Das Notrigg am Großbaum. © Oliver Blanchet/DPPI/VG

Aber er blieb dran, fand sich nach den zahlreichen Ausfällen plötzlich auf Rang 9 wieder und griff im Pazifik sogar seinen alten ungarischen Mentor Nandor Fa (63) an, mit dem er das Barcelona World Race gesegelt ist. Fa hat immerhin mit einem Neubau von 2014 zur Verfügung.

Doch dann geriet Colman nach dem Point Nemo in einen 60 Knoten Sturm und brach den Bolzen des Vorstags an der Deckverbindung. Er muss warten bis der Wind nachlässt und verbringt dann insgesamt sechs Stunden im schwankenden Rigg, um die verknoteten Segelfetzen abzuschneiden. In vier Tagen verliert er fast 1000 Meilen auf den Ungarn, liegt am Kap Hoorn aber noch auf Rang 10. Von da an geht es nur noch ums Ankommen. 700 Meilen vor dem Ziel muss der Neuseeländer dann noch einmal die ultimative Bastelstunde einlegen.

Hypothek auf die Wohnung

Für den Neuseeländer, der mit 15 Jahren mit seinem Stiefvater in den USA zog und dort später Wirtschaftwissenschaften studierte, hat sich ein Kreis geschlossen. Denn vor zehn Jahren war er mit dem Ziel nach Frankreich gezogen, um einmal die Vendée Globe zu bestreiten. Er arbeitete in verschiedenen Branchen Marine Industrie unter anderem als Rigger und Segelmacher, sparte das Geld, nahm eine Hypothek auf seine Wohnung auf und hatte zehn Tage vor dem Start doch immer noch nicht das Budget für die Vendée Globe beisammen.

Conrad Colman

Yessss!!! © Oliver Blanchet/DPPI/VG

Erst in letzter Minute sprang die Londoner Investmentfirma Foresight als Namensgeber ein. Zwei Tage vor dem Startschuss bekam das Schiff sein neues Branding.

Zu seinen Schwierigkeiten sagt Colman: “Ich bin dankbar , dass ich so viele Probleme hatte. Der Autopilot, das Feuer, mehr geht eigentlich nicht. Aber das war dann fast gar nichts sondern eine fortlaufende Entwicklung der Probleme.” Sie haben ihn darauf vorbereitet, was noch kommen sollte. “Deshalb war ich nicht so niedergeschmettert, als der Mast brach. Ich bin jetzt viel stärker.” 

Eine große Motivation sei auch seine Familiengeschichte gewesen. “Ich weiß, wie es ist, wenn in Familien etwas fehlt.” Als Baby habe er schon den Vater verloren und vor zwei Jahren beging sein Bruder Selbstmord. Er habe während des Rennens viel an ihn gedacht.

Attanasio mit schweren Ruderschäden

Bei der großen Geschichte von Conrad Colman ging fast unter, dass nur vier Stunden zuvor Romain Attanasio (39) seine Vendée Globe auf Platz 15 beendet hat. Der Franzose segelte ein ordentliches Rennen bis er am 5. Dezember mit einem nicht identifizierten Objekt kollidierte und schwere Ruderschäden erlitt.

Die gebrochenen Ruder von Attanasio © Attanasio

Sein Rennen war eigentlich beendet, aber Attanasio schaffte es, nach Kapstadt zu segeln, er ankerte in der Bucht von Simonstown und schaffte es, in drei Tagen seine beiden Ruder und einen Delaminination-Schaden am Rumpf ohne fremde Hilfe zu reparieren.

Roman Attanasio bei seiner Begrüßung in Les Salbes d’Olonne. © Oliver Blanchet/DPPI/VG

Danach ging es nur noch darum, diese Vendée Globe zu beenden. Wie verlockend muss es sein, diese Weltumsegelung abzubrechen, wenn man so nahe vor der verlockenden Küste liegt und das Regattafeld längst nicht mehr in Reichweite ist. Aber dieser Wille eint die Skipper der Vendée Globe. Und so sind alle Finisher echte Sieger.

Der Colman Empfang im Hafen von Les Sables d’Olonne:

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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