Vendeé Globe: Dalin in der Flaute, Bestaven schafft Absprung – Joschke überholt Herrmann

"Keine große Hoffnung mehr"

An der Spitze der Vendée Globe scheint sich eine Vorentscheidung anzubahnen. Jannick Bestaven ist kaum noch zu bremsen. Dalin muss eher in den Rückspiegel sehen.

Apivia bei der Passage von Feuerland. © Cpl Phil Dye/BFSAI

“Ich habe keine große Hoffnung mehr, Yannick einzuholen”, sagt der Vendée-Globe-Drittplatzierte Thomas Ruyant, und verringert dadurch relativ früh den Druck auf den Führenden Bestaven. Dabei ist Ruyant ziemlich gut von seinem Extremschlag gen Westen zurückgekommen, war in 24 Stunden Schnellster des Spitzentrios und hat sogar gut 50 Meilen nach vorne gutgemacht.

Situation am 6.12. Bestaven hat an der Spitze die Flaute überwunden, Dalin (gelb) steckt mittendrin, Seguin (rot) wird bald gebremst.

Aber Bestaven ist im Begriff mit seiner Maître Coq IV ein stabiles Nordost-Windfeld zu erreichen, das ihn schnell beschleunigen wird. Manche Prognosen sprechen davon, dass er bis zu 450 Meilen wegspringen kann. Leidtragender ist insbesondere der Zweite Charlie Dalin (Apivia), der gerade auf dem langsamsten Boot des gesamten Feldes sitzt. Sein Rückstand auf Bestaven erhöht sich minütlich und Ruyant liegt nur noch knapp 70 Meilen zurück. Nominell drängt sogar Damien Seguin im Süden vorbei, aber der wird bald noch stärker von der Flaute eingebremst.

Dalin macht aus der Not eine Tugend und nutzt die ruhige Phase für eine Kletterpartie zum Masttopp. Die Aufgabe: Eine kleine Reparatur an den Windinstrumenten.

In dieser Situation scheint nun eine Vorentscheidung für den Regattasieg gefallen sein zu können. Dalin hat im Moment keine Chance, den angekündigten Angriff zu starten. Ob er noch eine weitere Möglichkeit erhält?

Echter Foiler-Modus sieht anders aus. © Cpl Phil Dye/BFSAI

Yannick Bestaven dagegen könnte schon mit dem Träumen beginnen. Kein Wunder, dass er sich in Hochstimmung befindet. Zwar liegen noch 6000 Meilen vor seiner Maître CoQ aber er bekundet: “Ich bin in großartiger Form. Diese Atlantiküberquerung wird sich wie eine Figaro-Regatta gestalten. Jeder Meter ist wichtig, um etwa ein wenig schneller aus einem Hochdruckgebiet zu entkommen.”

Auf diesem Bug kann Dalin zu 100 Prozent puschen. © Cpl Phil Dye/BFSAI

Für viele Beobachter der Regatta mag es eine der größten Überraschungen dieser Vendée Globe sein, dass Bestaven so komfortabel an der Spitze liegt. Für den Skipper selber gilt das aber offenbar nicht. “Ich bin wirklich zufrieden, und in meinem Kopf habe ich nie auch nur eine Minute daran gezweifelt, dass es so laufen könnte. Wenn ich bei einem Rennen an den Start gehe, dann, um an der Spitze zu segeln.” Auch wenn sein Boot eigentlich nicht so herausragt wie einige andere.

“Der Rest ist nur noch Bonus”

“Aber ich bin gerade nicht besonders aufgeregt. Es ist ja noch ein weiter Weg… Ich weiß nur, dass ich bereits ein gutes Rennen gesegelt bin. Der Rest ist nur noch ein Bonus. Es ist eine ähnliche Situation wie 2001, als ich das Mini-Transat gewonnen habe. Niemand sah mich als Favoriten und doch gewann ich beide Etappen. Die Vendée Globe ist allerdings ein anderes Rennen, ein Marathon…”.

Das Backbord-Foil ist seit der Reparatur immer noch voll ausgefahren, kann aber nicht mehr angestellt werden. © Cpl Phil Dye/BFSAI

Boris Herrmann hat sich noch nicht von seinem Missgeschick am Kap Hoorn erholt. Er bekundet zwar, das Schiff wieder voll einsatzfähig zu haben, konnte bei leichterem Wind im Schatten der Falkland-Inseln aber noch nicht Gas geben, wie erhofft. Isabelle Joschke segelte weiter in Lee trotz ihres beschädigten Kiels an Herrmann vorbei auf Rang 10.

Schnellster im Feld war wieder einmal Louis Burton (Bureau Vallée), der nach seinem Reparatur-Stopp jetzt schon wieder auf Platz fünf liegt. Auch der Italiener Giancarlo Pedote kommt zum Ende des Rennens immer besser in Fahrt. Er segelt mit der ex “StMichel-Paprec” einem Foiler der ersten Generation, mit der Jean-Pierre Dick 2017/18 Vierter bei der Vendée Globe wurde. In zwei Tagen schob er sich von Rang 11 auf 8 vor.

Angriff des Plattbug-Foilers

Dahinter ist es in den vergangenen Tagen etwas ruhig um Armel Tripon (L’Occitane en Provence) geworden, der sich mit seinem neuen Plattbug-Foiler anschickte, noch einmal zur Spitzengruppe aufzuschließen. Tatsächlich schaffte er es aber zuletzt nicht mehr, das Potenzial seines Schiffes auszusegeln und etwa die direkt vor ihm platzierte Clarisse Cremer zu überholen.

Tripon im Flugmodus. © carli

Er erklärt bei seiner Kap-Hoorn-Rundung: “Die vergangenen 4-5 Tage verliefen ein bisschen zäh. Die Bedingungen waren nicht einfach bei meist 30-35 Knoten Wind. Die Wellen erzeugten ein Chaos. Mal surfe ich wie verrückt, dann werde ich von Wellen in Gegenrichtung gestoppt. Sie treffen mich aus allen Richtungen. Ich konnte nicht viel Segelfläche setzen, weil es für das Boot einfach nicht funktioniert hat.”

Aber bis zum Ziel in Les Sables d’Olonne hat er sich noch viel vorgenommen. Angesichts der geringen Abstände erwartet er ein knappes Finish im Stil der Solitaire du Figaro. “In 48 Stunden werden wieder 10 Boote eng zusammenliegen. Im Südatlantik wird noch eine Menge passieren. Ich bin gut ausgeruht, lese Bücher, bin ruhig. Denn ich weiß, dass man für die kommende Phase hellwach sein muss. Es werden in diesem Spiel viele Züge zu ziehen sein.”

Benjamin Dutreux begrüßt die Zivilisation:

Tracker

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *