Vendée Globe: Dalins erster Angriff gescheitert – Herrmann Achter einen Tag vor Kap Hoorn

"Jede Träne aus dem Körper gepresst"

Die Spitzengruppe der Vendée Globe hat Kap Hoorn passiert. Paralympics-Sieger Damien Seguin von Emotionen überwältigt. Boris Herrmann folgt in Schlagdistanz mit 100 Meilen Abstand.

Damien Seguin freut sich über seine erste Kap-Hoorn-Rundung. © Damien Seguin / Groupe APICIL

Um 3:40 Uhr in der Nacht bricht der zweimalige Paralympics-Sieger Damien Seguin in Tränen aus. Die Gefühle übermannen ihn. Es ist sein Moment. Zum ersten Mal umrundet er Kap Hoorn. Nach 56 Tagen, 13 Stunden und 20 Minuten allein auf See. Er liegt mit seinem zwölf Jahre alten IMOCA Groupe Apicil auf einem unglaublichen vierten Platz nur zwei Stunden hinter dem drittplatzierten Neubau LinkedOut Thomas Ruyant.

Der 41-Jährige aus Nantes prügelt sein Schiff mit einem Speed um den Vendée-Globe-Kurs den vorher niemand für möglich gehalten hat. Allein den Pazifik bzwang er in der schnellsten Zeit der Spitzengruppe. Mit einem Schiff, das 2008 als DCNS für Marc Thiercelin gebaut wurde und als Unglücksschiff galt, weil es in fast zehn Jahre keine einzige große IMOCA-Regatta beenden konnte. 2017 segelte es der unerfahrene Eric Bellion bei der Vendée Globe lange dem Feld hinterher und kam schließlich in 99 Tagen im Ziel an. Und auch Seguin erreichte bei der Transat Jacques Vabre mit Rang 14 einen Platz, der nicht auf seine aktuelle Leistungsfähigkeit deutete.

“Augen ausgeweint”

Umso unglaublicher ist für Seguin, dem seit der Geburt die linke Hand fehlt, dass er nun so weit vorne segelt. “Das ist verrückt!” Am Kap Hoorn scheint es ihm für einen kurzen Moment bewusst zu werden. “Ich habe mir die Augen ausgeweint, jede Träne aus meinem Körper gepresst. Es war so viel Aufwand, um bis hierher an diesen Punkt zu kommen. Es war so schwer. Es ist grau, es ist kalt, aber ich habe es bis hier hin geschafft. Auch wenn noch ein langer Weg vor uns liegt.”

Situation am 4.1. Dalin (gelb) ist ins Kielwasser von Bestaven eingeschwenkt. Seguin (rot) und Ruyant (blau) haben Kap Hoorn passiert.

Vor ihm ist der erste Angriff von Charlie Dalin auf den Spitzenreiter Yannick Bestaven erst einmal gescheitert. Die Abkürzung durch die Lemaire Straße hat nichts gebracht. Er segelte langsamer und musste in das Kielwasser von Maitre Coq einschwenken mit einem Rückstand von gut 180 Meilen.

Das ist ziemlich viel, urteilt Armel Le Cléac’h, Vendée-Globe-Gewinner 2016. Er erwartet aber, dass sich die beiden Duellanten am Dienstag wieder deutlich näher beieinander befinden, weil der Führende durch ein Hochdruckgebiet nördlich der Falkland-Inseln eingebremst wird. Dabei glaubt er nicht, dass die Gruppe dahinter ebenfalls aufschließen wird.

Burton macht Druck

Le Cléac’h erwartet ein sehr taktisches Rennen um den Sieg und glaubt, dass sich Dalin nicht alleine auf seinen höheren Speed verlassen kann. Denn dessen Zeitbonus von zehn Stunden, “sind eine Menge”. Die nächsten zwei Wochen bis zum Äquator seien nun entscheidend. Dalin sollte sein größeres Potenzial aussegeln können, “aber das ist nur die Theorie”, sagt Le Cleac’h. “Und bis jetzt wurde die Theorie in diesem Rennen viele Male widerlegt. Wir kennen auch nicht das wirkliche aktuelle Potential ihrer Boote.” Dalin etwa kann sein Backbord-Foil nach einer Reparatur nicht zu 100 Prozent einsetzen.

Herrmann vor der Kap-Hoorn-Rundung. © Boris Herrmann Racing

Ähnlich spannend wird dahinter der Kampf um das Podium. Thomas Ruyant war zuletzt Schnellster im Feld, aber Le Cleac’h hält es für möglich, dass die Gruppe dahinter noch einmal aufschließt. Allen voran Louis Burton, der von hinten mächtig Druck macht. Aber auch Jean Le Cam kann noch seinen einen großen Zeit-Bonus von 16:15 in das Spiel mit einbringen, je länger er dran bleibt an der Spitze.

Die Wetterbedingungen im Südatlantik seien physisch nun nicht mehr so hart aber nervlich und psychisch sehr belastend. Es gebe viele taktischen Optionen, der Wind   ändert sich sehr schnell, und die Wetterdaten seien ungenau.

Arbeit auf dem Vordeck. © Boris Herrmann Racing

“Es ist gefährlich, sich jetzt nach Kap Hoorn zu schnell zu entspannen. Jetzt kommt ein wichtiger Moment im Rennen. Es bleibt jetzt keine Zeit zum Ausruhen. Man kann viel verlieren.”

Kommt jetzt Herrmanns Angriff?

Ob jetzt die Zeit von Boris Herrmann kommt? Hat er nach der Kap-Hoorn-Rundung tatsächlich noch etwas zulegen, so wie er es sich erhofft? Zuletzt musste er auf Rang acht wieder einige Meilen abgeben. Louis Burton etwa nahm ihm an einem Tag 43 Meilen ab.

Boris Herrmann verabschiedet sich vom Albatross:

Aber im Atlantik werden die Karten neu gemischt. Zahlreiche Hoch- und Tiefdruck-Zonen bilden sich über dem Festland von Argentinien und Brasilien und bewegen sich östlich über den Regattakurs. Gutes Timing und hoher Speed werden belohnt. Diese Vendée Globe bleibt unglaublich spannend.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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