Vendée Globe: Das harte Los von Armel Tripon – Plattbug funktioniert, segelt aber weit hinter

Hauptsache "Zen bleiben"

Eines der härtesten Schicksale dieser Vendée Globe erlebt Armel Tripon mit seiner “L’Occitane en Provence”. Erst lag der Plattbug ganz vorne, dann drehte er mit einem Schaden um, machte doch weiter, stieg in den Mast, reparierte erfolgreich, landete in der Flaute.

Armel Tripon beim Aufstieg in den Mast. © Tripon

Was er sich für ein Boot bei diese Vendée Globe wünschen würde wenn er denn dabei wäre, wurde Charles Caudrelier gefragt, amtierender Volvo-Ocean-Race-Sieger-Skipper mit Dongfeng. Die Antwort: “L’Occitane en Provence”. Diese revolutionäre Scow-Konstruktion, die in völlig neuem Look daher kommt und gerade fast 1500 Meilen der führenden “Hugo Boss” hinterher segelt. Auf Platz 26.

Auch Boris Herrmann sinnierte schon, dass dieser Neubau eigentlich am besten für einen vorderen Platz bei dieser Regatta geeignet sei müsste. Dieses hässliche Entlein mit der platten Nase.

L’Occitaine zeigt eine extreme Flügelform © PIERRE BOURAS

Wenn nur dieser Zusatz “eigentlich” nicht wäre. Denn bis zum Ende dieser Vendée Globe wird sich der Skipper Armel Tripon fragen müssen, was eigentlich alles möglich gewesen wäre. Bei einem früheren Projekt-Start, früherer Finanzierung, früherem Neubau und mehr Testmeilen. Erst am 31 Januar 2020 lief der radikale IMOCA aus der Feder von Plattbug-Spezialist Sam Manuard vom Stapel. Nur Troussels Corum wurde noch später ferting – und ist nun auch schon raus aus dem Rennen.

Vielleicht hätte er die Schwachstelle mit dem Vorsegel-Fall schon vorher entdeckt, wenn er mehr gesegelt wäre. Wenn er nicht noch mehr Zeit durch eine Kollision im Juli verloren hätte.

Tripon (schwarz, l.) lag nach zwei Tagen weit vorne im Feld kurz bevor der Schaden passierte.

So aber startete er bei dieser Vendée Globe bärenstark, zeigte, dass sein Boot funktionierte, und raste gleichauf mit dem aktuell zweitplazierten Thomas Ruyant in den ersten Sturm. Dann kam seine J3-Fock von oben. Die Verbindung zwischen Fall und Mast brach am Top.

Der gebrochene “Haken” des J3 Vorsegels. © L’Occitane en Provence

Tripon dreht um, kündigt an, an vor der spanischen Küste an einer Boje festmachen zu wollen, um in den Mast zu steigen. Es ist das Aus für seine Ambitionen, einen Platz ganz vorne im Feld zu belegen. Er segelt ein Stück zurück, scheint sich zu besinnen, und geht dann doch wieder auf Kurs. Mit seinem Team hat er eine Möglichkeit ausgeknobelt, wie er das gebrochene Teil ersetzt werden könnte.

Seine Fans atmen auf. Tripon wartet eine Flaute ab, steigt in den Mast, ersetzt das gebrochene Teil und liegt gut 600 Meilen zurück. Damit ließe sich noch etwas anfangen. Er nimmt den ersten Belastungstest voll mit. Segelt direkt in die Überreste vom Sturm Theta – und bleibt dahinter in der Flaute stecken.

Es dauert, bis er wieder in Fahrt kommt. 1500 Meilen liegt das Feld voraus, als er sich wieder vorwärts bewegt. Die vorderen Plätze sind weg. Dem Anspruch des Mitfavoriten muss er jetzt hinterher segel. Die Situation ähnelt der von Rennfavorit Beyou. Sie hat nur weniger Potenzial für einen Helden-Status. Niemand bejubelt Tripon beim Hinterherfahren.

Die Leidensgeschichte von Armel Tripon dargestellt als Speedkurve im Vergleich zu der von Alex Thomson (oben). Am Anfang war er schneller.

Der 45-jährige Vater dreier Söhne kann nicht mehr ganz nach vorne kommen – aber seine erste Weltumsegelung schaffen. Vielleicht dabei noch den 24-Stunden-Rekord brechen? Oder sollte er auf Charal warten, um einen größeren Ansporn zu haben? Wenn einer mit einer solchen psychisch anspruchsvollen Situation zurecht kommt, dann Tripon.

Er hat sich mit seinem Mentaltrainer Ronan gewissenhaft auf das Abenteuer vorbereitet. Vor dem Start begab er sich mit ihm sogar früher in Quarantäne als gefordert. “Er fordert mich immer wieder heraus, stellt mir die richtigen Fragen”, erklärt Tripon vor dem Start- “Wir teilen die gleichen Überzeugungen. Für uns besitzt diese Regatta eine einzigartige Ethik. Sie ist ein spiritueller Weg, auf dem wir unser inneres Gleichgewicht als unsere eigene Wahrheit finden müssen.”

Armel ist ein Meister der Meditation. © Pierre Bouras

Mit Sport, Wetterbriefings, Yoga- und Meditationssitzungen bereitet er sich in der Abgeschiedenheit auf das Rennen vor. Er visualisiert Manöver und versucht, dabei Ruhe und Gelassenheit zu bewahren. “Wenn es mir gelingt, diese Geisteshaltung beizubehalten, werde ich schöne Dinge erleben. Man stellt sich alle möglichen Situationen vor, die während des Rennens passieren können und überlegt wie man darauf reagieren kann. Meditation hilft mir, Zen zu bleiben.”

Ob ihm das auch aktuell gelingt? Die komplizierte Schaden-Problematik war kaum vorher zu sehen. Aber seine jüngste Meldung von Bord deutet darauf hin, dass man sich um ihn keine Sorgen machen muss. “Wir sind in den Passatwinden, wir haben einen reparierten Mast, und alles ist in Ordnung! Ab geht’s Richtung Süden. Die Jagd kann beginnen. Die Bedingungen sind außergewöhnlich gut, das Boot befindet sich zu 100 Prozent in Bestform und der Skipper ebenfalls.”

Ein Ziel hat er jedenfalls schon erreicht. Er konnte bestätigen, dass seine “L’Occitane en Provence” eines der besten Designs der IMOCA-Flotte ist. Vielleicht werden bald schon alle Neubauten eine platte Nase haben.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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