Vendée Globe: Deutsch-Französin Isabelle Joschke im Interview – „wir denken darüber nach!“

„Es ist viel einfacher, alleine zu segeln!“

Nach der Vendée Globe ist vor der Vendée Globe? Isabelle Joschke stellt im Gespräch mit SR klar, dass sie zwar nicht mehr ans Aufhören denkt, sich derzeit aber auf das Wesentliche konzentriert: Die Rennen, die noch dieses Jahr anstehen! 

Weil es so schön war – Isabelles Vendée Globe in acht Minuten. Auch wenn in Französisch: Bilder sagen mehr als 1.000 Worte!

Während der letzten Vendée Globe war Isabelle Joschke lange als die mit Abstand schnellste Frau unterwegs. Doch nach dem Southern Ocean, nach Rundung des Kap Hoorns und wieder zurück im Atlantik, musste sie mit einem schweren Kielschaden 10 Tage lang Richtung Sao Paulo „eiern“.  Der Pendelkiel ihres IMOCA MACSF nahm seinen Job allzu wörtlich, ließ sich nicht mehr fixieren und pendelte buchstäblich unter dem Boot hin und her.

Nach mehrtägiger Reparatur beendete Isabelle Joschke zwar ihre Weltumseglung, wurde wegen des unerlaubten Stopps in Brasilien jedoch nicht mehr gewertet. 

Starke Seglerin

Aufgrund ihrer hervorragenden seglerischen Leistung hat sie in Frankreich, aber auch in Deutschland viele Fans begeistert und bei ihrem Hauptsponsor MACSF ganz offensichtlich bleibenden Eindruck hinterlassen. Obwohl man in der Szene munkelte, dass Isabelle Joschke sich nach ihrer Vendée Globe-Kampagne – dem erklärten Ziel ihrer seglerischen Karriere – anderen, weniger maritimen Dingen zuwenden würde, machte sie doch weiter und gab eine Teilnahme am Fastnet Race und beim Transat Jacques Vabre 2021 bekannt. Auf dieser „Kaffeerouten“-Atlantik-Regatta hat sie noch eine Rechnung offen, da sie bei der letzten Ausgabe wenige Seemeilen nach dem Start, nach Rundung der ersten, separierenden Luvtonne auf einen Felsen lief und das Rennen aufgeben musste. 

Frau Joschke bei der Arbeit © miku

Bei den kommenden Regatten segelt Joschke im Zweihand-Modus gemeinsam mit ihrem Kollegen Fabien Delahaye. Die beiden kennen und schätzen sich aus Figaro-Zeiten. 

Im Gespräch mit SegelReporter – nach einer gemeinsamen Trainings-Ausfahrt – berichtet Isabelle von ihrer Eindrücken nach der Vendée Globe und lässt bei ihren Fans ein wenig Hoffnung aufkeimen, dass es doch nochmals zu einer Vendée Globe-Kampagne mit ihr kommen wird. 

„Alles ist viel einfacher!“

SegelReporter: Isabelle, Stichwort „Transat Jacques Vabre“ – nach der lange vorbereiteten Einhand-Weltumseglung Vendée Globe nun eine Zweihand-Transat – die Umstellung dürfte nicht ganz einfach sein, oder?

Isabelle Joschke: Doch, doch im Gegenteil: Alles ist viel einfacher! Ich brauche deutlich weniger Energie für die Vorbereitungen, bin nicht mehr auf mich alleine gestellt, kann mich mit meinem Kollegen austauschen. alles ist entspannter – schon weil es sich „nur“ um eine Atlantiküberquerung handelt. Das Rennen ist bereits nach zwei Wochen vorbei. Da bin ich bei der Vendée Globe ja erst „warm“ geworden. 

Nochmals Vendée Globe? Ich denke darüber nach © miku

SegelReporter: Wenn frau eine Weltumseglung hinter sich hat – gehst du an die folgenden Rennen  lockerer heran oder sind die Anspannungen und nervösen Phasen vor den Starts immer die gleichen?

„Ich mag die Vorbereitungszeit.“

Isabelle Joschke: Da hat sich nicht viel geändert bei mir. Ich mag die Zeiten der Vorbereitung vor egal welcher Regatta. Ich finde das angenehm, wenn sich Aufregung bemerkbar macht. Es gibt dann auch unterschiedliche Phasen bei mir, ich bin zum Beispiel einen Monat vor dem Start grundsätzlich der Meinung, dass alles schon 100 Prozent vorbereitet und fertig sein muss. Was natürlich nicht funktionieren kann, Auch wenn man ein noch so gutes Team im Hintergrund hat. Also: Aufregung ja, aber keine Nervosität! Nur jetzt beim anstehenden Fastnet-Race ändert sich die Situation für mich ein wenig, weil ein Faktor dazu kommt, auf den ich nur wenig Einfluss habe: Der heftige Verkehr im Solent, diese vielen Boote um uns herum, Das könnte anspruchsvoll werden. Ach ja, und natürlich die Startphase beim Transat Jacques Vabre (Isabelle grinst – Grund siehe oben) – die werde ich diesmal wohl übervorsichtig hinter mich bringen. 

„Danach ist alles einfacher“

Aber natürlich spielt hier auch die Vendée Globe eine wichtige Rolle. Wer sowas geschafft hat, ganz egal ob mit oder ohne technischen Stop zwischendurch, geht die meisten nachfolgenden Rennen deutlich entspannter an. Das war richtig viel Stress über einen langen Zeitraum – hinterher  erscheint einem alles andere deutlich einfacher. 

Kurbeln, kurbeln, immer wieder kurbeln. Hier mit Fabien Delahaye © miku

SegelReporter: Wie ist es zur Zusammenarbeit mit Fabien Delahaye gekommen? 

Isabelle Joschke: Wir sind schon auf dem Figaro viel gegeneinander gesegelt und 2018 war er für die Route du Rhum mein „Performer“. Er hat sich also um meine Navigations-Software gekümmert, Programme zusammengestellt, mich darauf aufmerksam gemacht, wenn ich zwar zwischendurch tolle Zeiten segelte, letztendlich aber mein Durchschnitt eher schlecht war. Solche „Mitdenker“ sind bei Hochseeregatten extrem wichtig, sie steuern viel im Hintergrund und sind maßgeblich am Erfolg beteiligt (Isabelle musste die Route du Rhum jedoch nach Mastbruch aufgeben, die Red.).

„Man trainiert nie genug!“

SegelReporter: Während unseres gemeinsamen Segeltags war für mich besonders beeindruckend, wie viel es letztendlich immer wieder zu kontrollieren und letztendlich neu einzustellen gab. Wo siehst du die neuralgischen Punkte auf MACSF für die kommenden größeren Regatten?

Isabelle Joschke: Zunächst gilt: Man trainiert nie genug. Wir müssen also noch so oft wie möglich „raus“ aufs Wasser. Rein technisch betrachtet sind wir noch nicht zufrieden mit allen Einstellungen an den Foils, hier gibt es für die Reaching-Kurse noch einiges zu lernen. Außerdem kennt Fabien das Boot zwar gut, aber eben noch nicht in allen Details. Zudem müssen wir die schnellen Manöver mehr trainieren. Denn wer weniger gut vorbereitet schnell arbeitet, macht auch schneller Fehler. Das kann bei einem Rennen wie dem Fastnet, bei dem viele Manöver rasch gefahren werden müssen, entscheidend sein!

SegelReporter: Kleiner Schwenk nach Deutschland oder besser gesagt zum Ocean Race Europe… 

isabelle Joschke: Ja, hey, das war cool, wie es die Deutschen da den anderen gezeigt haben. Klar, es waren genau die Windverhältnisse, die sie gebraucht haben, aber das gehört nun mal zu einer Regatta dazu! Das hat mich daran erinnert, als wir 2018 auch noch ohne Foils unterwegs waren und wir – gemeinsam mit Alain Gautier – Zweiter vor Monaco geworden sind. Das war auch sehr vorteilhaft ohne Foils im leichten Wind! Natürlich wäre das Ergebnis auf dem Atlantik ein anderes gewesen – aber so fand ich das richtig cool für die Deutschen! 

Stimmt alles? © miku

SegelReporter: Könnte das Ocean Race nicht auch etwas für Dich und Dein Team sein? 

Isabelle Joschke: Also ich kann da nur für mich reden. Und ich finde, dass es viel einfacher ist, alleine oder zu Zweit zu segeln, als in einem größeren Team. Außerdem dauert das Ocean Race sehr, sehr lange. Nein, ehrlich, ich will Spaß haben beim Segeln. Und in größeren Teams gibt es zuviel Stress. 

„Ich denke darüber nach“

SegelReporter: Bei einem unserer letzten Gespräche hattest Du erwähnt, dass Du nach der Vendée Globe mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Schlusspunkt unter deine seglerische Karriere setzen wirst. Nun bist Du jedoch weiter dabei, hast noch zwei große Regatten in diesem Jahr auf dem Programm – und dann?

Isabelle Joschke: Stimmt, ich hatte das damals so erwähnt. Aber heute sehe ich das ehrlich gesagt weniger rigoros. Auch nach meinen Erlebnissen bei der Vendée Globe. 

SegelReporter: Könnte also auch eine erneute Teilnahme bei der nächsten Vendée Globe für Dich möglich sein?

Isabelle Joschke (lächelnd): Sagen wir es so: ich denke darüber nach. Und mit den Sponsoren wird auch darüber geredet…

Isabelle Joschke – zur Person: 

Geburt: 27. Januar 1977 in München

Vater Deutscher, Mutter Französin – Isabelle hat die französische und deutsche Staatsbürgerschaft

Die ersten Schläge auf einem Optimist segelt sie als Sechsjährige auf österreichischen Seen, wo sie mit ihren Eltern Urlaub machte. 

Als 15-Jährige absolviert sie einen Segelkurs auf den berühmten Glenans-Inseln (SR-Porträt der Segelschule)

Isabelle Joschke studiert Französisch an der Sorbonne in Paris und in Freiburg/Deutschland. Sie lässt sich zudem zur Sportlehrerin und Skipperin ausbilden. Ihre ersten Törns führen sie zu den Antillen, die USA, durchs Mittelmeer

In Lorient entdeckt sie die Minis, auf denen sie ihre Hochsee-Regatta-Karriere einläutet. Weitere Stationen: Figaro, Class 40 und schließlich IMOCA.

Vorläufiger Höhepunkt ihrer Karriere: Teilnahme bei der Vendée Globe 2020, die sie   nach Kielschaden unterbrechen und somit offiziell aufgeben musste. Usabelle brachte ihr Boot dennoch nach Les Sables d’Olonne zurück.

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Vendée Globe: Deutsch-Französin Isabelle Joschke im Interview – „wir denken darüber nach!““

  1. avatar Joscha sagt:

    Schönes Interview!

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