Vendée Globe: Bellion im Ziel nach 70 Knoten-Sturm – Porträt eines Träumers und Machers

Die Kraft des Unterschieds

Jeder Vendée Globe-Segler hat seine Visionen, die ihn antreiben. Eric Bellion ist überzeugt vom „Miteinander“ – auch wenn er nun nach 99 Tagen die Vendée alleine beendet hat. 

Zuletzt wurde es noch mal richtig eng. Nein, nicht weil Eric Bellion etwa die Nerven verloren hätte, nachdem er ein paar Hundert Seemeilen vor dem Ziel auf Höhe Portugal mit 70 Knoten Windstärke den stärksten Sturm dieser Vendée Globe genießen durfte. Oder als vor zwei Wochen der Motor den Geist aufgab und die Stromversorgung sich verabschiedete. Und schon gar nicht, weil er auf der Zielgeraden durch die Biskaya sein Großsegel nicht mehr setzen konnte – die Schiene war im oberen Bereich während der Sturmböen aus dem Mast gerissen – und er mit Genua bei 30 Knoten Windstärke gegenan kreuzen musste.

Nein, es wurde aus einem ganz anderen Grund richtig eng: Eric Bellion hatte nur für 100 Tage Nahrungsmittel an Bord. Und als er schließlich nach 99 Tagen, 4 Stunden und 56 Minuten die Ziellinie dieser Vendée Globe vor les Sables d’Olonnes überquerte, soll er nach all’ dem Jubel, dem Freudengeheule, dem fassungslosen „Ich hab’s geschafft“ als ersten, zusammenhängenden Wortschwall gesagt haben: „Ohne Essen hätte ich sofort aufgegeben. Und wenn es einen Tag vor dem Ziel gewesen wäre! Die Mahlzeiten, wenn man diese Pampe im Beutel so nennen darf, waren die Höhepunkte des Tages. Ohne wäre ich eingegangen wie eine Primel.“ 

Vorher Karmapunkte gesammelt

Doch das Schicksal, das ihn während dieser Vendée Globe mitunter hart rangenommen hatte, war nochmals gnädig mit Eric Bellion. Was mit seiner Vorgeschichte, mit seinem seglerischen Lebenslauf zu tun haben mag. Und mit seinem Motto, unter das er seine gesamte Vendée Globe-Kampagne gestellt hatte: Die Kraft des Unterschieds! 

Vendée Globe, Bellion, Miteinander

Ein Mann, ein Boot, eine Vision © vendée globe

Liest sich ein wenig esoterisch? Mag sein, ist aber eine spannende Sache, nicht nur für Nachdenker unter den Seglern. Oder anders formuliert: Wer an Karma glaubt, der wusste sowieso, dass ein Eric Bellion ins Ziel kommen MUSSTE. Weil er eben anders war und den gewissen Unterschied ausmachte. 

Doch schön der Reihe nach. Wie alle anderen Vendée Globe Segler auch, war Eric Bellion nahezu sein ganzes Leben lang ein fanatischer Segler. Doch im Gegensatz zu vielen anderen VG-Kollegen, wurde er nicht in Kindheits- oder Jugendjahren von älteren Hochseehelden entdeckt und gefördert (das kam erst viel später), sondern ging seinen ganz eigenen, sehr speziellen „Weg über die Wasser“. 

Bellion kommt aus einer dieser „bonnes familles“ in Versailles: Es mangelte nicht an Geld, er ging auf die besten Schulen des Landes, machte Anfang des Jahrtausends seinen Abschluss auf der Lyon Business School. Doch statt sich sofort ans Geldverdienen zu machen, verlustierte sich Bellion erstmal mit dem, was er am liebsten macht(e): Segeln. 

Behinderte und Nichtbehinderte im 8,60m-Boot

Mit zwei Kumpeln beginnt er mal eben eine Weltumseglung. Nicht auf einem dicken Pott, der von Papa gesponsert wurde, sondern auf einem uralten 8,60 Meter kurzen Stahlschiff. So weit, so normal für hochseesegelnde Franzosen. Doch Bellion entwickelte mit einer gewissen Penetranz (wie seine Mitsegler später behaupten sollten) eine Art Motto bei dem gemeinsamen Törn. Da die Drei auf engstem Raum zusammen waren, kam es logischerweise zu Reibereien. Die Bellion schlichtete, indem er die Unterschiede, die von den einzelnen Charakteren ausgingen, sozusagen als Friedensstifter einsetzte. 

Vendée Globe, Bellion, Miteinander

Ende Januar verabschiedet sich der Motor © bellion

„Der Unterschied zwischen den einzelnen Individuen ist das größte Geschenk, das wir im Leben erhalten,“ sagte Bellion einmal Jahre später. Und schon damals begann er aus diesen Unterschieden in der Extreme zu lernen. Bei jedem Stopp während der Weltumseglung nahmen die drei Freunde körperlich und geistig Behinderte an Bord, um mit ihnen 14 Tage durch die Weltgeschichte zu schippern.

„Das waren Menschen, die oftmals noch nie eine selbständige Aufgabe zu erfüllen hatten, die noch nie innerhalb einer Gruppe einen Job, von dem auch andere profitieren, erledigt hatten,“ erklärte Bellion später. „Wir waren mitunter ein so irrer zusammengewürfelter Haufen, indem aber permanent einer vom anderen lernte. Auch wir etwa von den körperlich Behinderten, die mit ihrem Handicap auf dem Schiff umgehen mussten und dabei auf die pfiffigsten Ideen kamen.“ 

Nach dreijährigem Törn um die Welt und schließlich wieder zurück in Paris war Bellion davon überzeugt, dass eines der größten Probleme unserer Gesellschaft die „Angst vor dem vermeintlich anderen“ ist. Würde man mehr aufeinander zugehen und voneinander lernen, könnte in den einzelnen Individuen viel mehr Potential geweckt und umgesetzt werden. Ein Aspekt, den der ehemalige  Business-Schüler Bellion auch in die Köpfe von Unternehmern bringen wollte. 

Funktioniert das auch in Unternehmen?

Mit dem körperlich durch Tetraparese behinderten, französischen Abenteurer Laurent Marzec baute Bellion zunächst ein Team aus drei schwerbehinderten und drei nichtbehinderten Seglern auf und segelte mit ihnen 2010 nonstop in 68 Tagen von der Bretagne zur Insel Mauritius. Ein Törn, der in Frankreich für reichlich Medienaufmerksamkeit sorgte.  

Vendée Globe, Bellion, Miteinander

Großer Rummel bei der Ankunft © vendée globe

„Voneinander lernen und friedlich miteinander leben“. Diese Idee rückte Bellion in den Mittelpunkt seines Lebens. Nach dem Mauritius-Abenteuer trieb er seine Vision auf die Spitze, als er mehrere Jahre lang auf einer (von unterschiedlichen Sponsoren gecharterten) IMOCA wilde Crew-Mischungen bei internationalen Hochseeregatten einsetzte: Menschen, die sich vorher nie kennengelernt hatten, aus den unterschiedlichsten sozialen Milieus, behindert und nichtbehindert, jung und alt, Frauen wie Männer, Segler oder Nicht-Segler. Höhepunkt war Rang Acht overall beim Fastnet Race 2013, als die bunt zusammengewürfelte Crew reichlich Profiteams hinter sich lassen konnte. 

In dieser Zeit gelang es Eric Bellion, die Ideen vom „Miteinander statt Gegeneinander“ und vom „Unterschied, der Kräfte verleiht“ auch in einigen französischen Business-Branchen vorzustellen. Wo er in manchen Unternehmen auf völliges Unverständnis stieß, bei anderen jedoch offene Tore einrannte. 

Voneinander lernen

„Gemeinsam ein Projekt durchführen, ganz egal ob man aus einer anderen Branche kommt oder vielleicht sogar einen Mitbewerber im Projektteam hat… das ist eine der größten Herausforderungen, die es im Geschäftsleben geben kann. Wenn es sich dann auch noch um ein Projekt handelt, das auf den ersten Blick ziemlich verrückt erscheint… umso besser!“ 

Vendée Globe, Bellion, Miteinander

Zwischen diesen beiden Bildern… © bellion

Verrücktes Projekt? So verrückt wie eine Vendée Globe Kampagne? 

Tatsächlich träumte Bellion schon seit Jahren von der Nonstop-Weltumseglung einhand. Und als sich vor drei Jahren tatsächlich genügend Unternehmen fanden, die sich für die Idee einer gemeinsam gesponserten und entwickelten VG-Kamapgne begeistern ließen, war das Projekt „comme un seul homme“ geboren. „Gemeinsam für Bellion“ könnte man das (sehr frei) übersetzen – 14 Unternehmen, die noch nie irgendwas miteinander zu tun hatten, arbeiten gemeinsam an dem einen Projekt. Und lernen voneinander.

Apropos lernen. Kein geringerer als der legendäre Michel Dejoyeaux war begeistert von der Idee des Eric Bellion und von „comme un seul homme“. Der „Professor“ gab jedoch zu bedenken, dass „segeln mit Crew“ das Eine sei… einhandsegeln jedoch eine ganz andere „Qualität“ erfordere.

Vendée Globe, Bellion, Miteinander

… liegt eine Weltumseglung © bellion

Also öffnete Desjoyeaux für Eric Bellion die Türen seiner Firma „Mer Agitée“, lieh Bellion seine Figaro für intensive Trainingseinheiten, vermittelte ihm Sam Goodchild (mit dem Bellion später die Transat Jacques Vabre segelte) und der ihm das Handwerk eines Soloseglers beibrachte.

Der Rest ist Geschichte. Die Geschichte einer Idee, die sich zunächst seltsam anhören mag, die aber funktionieren kann. Eine Geschichte, die vom Miteinander lebt – auch wenn man 99 Tage lang alleine um die Welt segelt.

 

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Vendée Globe: Bellion im Ziel nach 70 Knoten-Sturm – Porträt eines Träumers und Machers“

  1. avatar Buten-Bremer sagt:

    Toll zu sehen, wie vielschichtig die Teilnehmer (und Finisher!) bei der VG sind.
    Habe mit Vergnügen die täglichen Video-Schnipsel der Teilnehmer verfolgt und die passten bei Eric Bellion auch zur Story im Artikel.

    Freue mich schon auf die Nachrichten von Boris bei der nächsten Ausgabe!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

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