Vendée Globe: Erste Flüge von “L’Occitane” – Skipper Tripon zeigt seinen Plattbug IMOCA

"Schwierig, die Bremse zu finden"

Den Vendée Globe-Skippern mit neuen Booten läuft die Zeit davon. Sie testen im Akkord. Erstmals zeigt Armel Tripon seinen außergewöhnlichen Scow-Neubau in voller Fahrt.

Hübsch ist dieses Schiff nicht, auf dem sich Armel Tripon präsentiert. Der dickbäuchige Rumpf vermittelte Behäbigkeit als er Anfang Februar 2020 als siebter und letzter IMOCA-Neubau für die Vendée Globe vom Stapel lief. Seine Form ist radikal. Schmal, platt, negativer Deckssprung und mehr noch als die Konkurrenz auf weit ausladende Foils angewiesen. Ob dieses extreme Design aus der Feder vom Mini- und Class40-Spezialisten Sam Manuard auch bei einem IMOCA funktioniert?

Zumindest fliegt das Ding. Ob es auch schnell ist, muss sich noch zeigen. Tripon ist ohnehin spät dran mit seinem Stapellauf. Da wäre es ein Wunder, wenn er in der verbliebenen Zeit noch in Fahrt kommt.

© PIERRE BOURAS

Aber nach den im Lockdown zusätzlich verlorenen Segelstunden gibt der Franzose jetzt mit seiner L’Occitane seit einer Woche mächtig Gas. Das erste Video zeigt ihn bei Bedingungen zwischen 16 und 22 Knoten Wind und etwa 1,5 Meter hohen Wellen im Seegebiet um die Belle Ile südlich von Lorient.

Daten sammeln

Das Schiff hebt sich stabil über die Wellen. Ob es auch schnell ist im Vergleich zur Konkurrenz, muss sich noch zeigen. Bisher gehe es noch darum, Daten zu sammeln sagt Tripon im Interview mit Voiles et Voiliers. Das Schiff verhalte sich unter Autopilot schon sehr leichtfüßig, wenn der Längstrimm passe. Dafür müsse man aber die richtige Menge des Wasserballastes ermitteln.

Der jüngste IMOCA hebt sich erstmals aus dem Wasser. © PIERRE BOURAS

Überhaupt sei das Segeln nach Gefühl mit dieser jüngsten IMOCA-Version kaum noch möglich. Bei den Testfahrten sind immer zwei Computerspezialisten an Bord, die vor ihren Rechnern sitzen.

L’Occitaine zieht schon eine mächtige Spur durchs Wasser vor Lorient. © PIERRE BOURAS

„Es ist im Vergleich zu früher eine anderen Welt: Wir sind auf konkrete Daten angewiesen. Bei diesen Booten der neuen Generation ist es schwieriger, die Bremse zu finden als das Gaspedal. Das Schiff ist mit Sensoren übersät. Sie gebe dem Skipper mehr Informationen als früher das ‘Gefühl’. Diese Fliegerei ist eine neue Dimension. Aber es handelt sich immer noch ein Segelboot. Man muss die Segel richtig trimmen und die richtigen Anstellwinkel finden.” Dabei gehe es insbesondere um Auftrieb und Widerstand der Tragflächen aber auch des Kiels.

Bis zum Start der ersten Atlantik-Regatta am 4. Juli kann Tripon sicher nicht das Maximum aus seinem Schiff herausholen. Es geht darum, diesen Kurs ohne allzu große Schäden zu absolvieren und die Qualifikation abzuschließen. Aber erst im Vergleich wird sich zeigen, ob das radikale Scow-Konzept auch bei einem IMOCA funktioniert.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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