Vendée Globe: Der Italiener Giancarlo Pedote bleibt dran – Porträt eines segelnden Denkers

Der rasende Philosoph

Ein Mann, der sich emotional und physisch in diese Vendée Globe reinhängt und dennoch ein kühler, ja weiser Denker ist – Giancarlo Pedote erstaunt auf eine ganz besondere Weise! 

Neulich bei der Vendée Globe. Südwestlich des Point Nemo im Pazifik, Wind aus Ost-Nord-Ost, 21 Knoten Windstärken, in Böen mehr. Seegang vier Meter, Lufttemperatur 4- 6 Grad C. – und Giancarlo Pedote muss hoch in den Mast! 

Schon seit mehr als zwei Wochen bereitet dem Italiener die Windmessanlage im Masttopp Sorgen: Das Gerät fällt kurzfristig aus, liefert mitunter ungenaue Daten, irritiert den Autopiloten. Kurz, das Teil ist unzuverlässig. Aber zum Glück ist Ersatz an Bord.

„Ich schob die Kletterei schon ein paar Tage vor mir her, entschuldigte mich immer mit den schlechten Wetterbedingungen. Aber nun war die See ruhiger als zuvor und ein richtiger Hack stand bevor. Jetzt oder nie!“ Also hoch in die Palme. 

Das Problem war nur: Pedote hatte das zuvor lediglich ein paar Mal gemütlich am Steg vertäut in La Base, dem Heimathafen seiner „Prysmian Group“ geübt. Egal, es gibt immer ein erstes Mal. Der Italiener packt den Ersatz-Windmesser, Scotch-Klebestreifen, Klebstoff, Werkzeug, ein Messer und los geht’s, nur mit der Kraft der Arme und Beine in bester Freeclimber-Manier 27 m vertikal aufwärts. 

27 m aufwärts

„Ich hatte gleich reichlich Muffensausen,“ schreibt Pedote später an die Rennleitung der Vendée Globe, die er zuvor pflichtgemäß über seinen Mastgang informiert hatte. „Schon auf halber Höhe schwankte ich im Mast gefühlt fünfmal so stark, wie ich es mir in meinen schlechtesten Träumen vorgestellt hatte. Ich dachte nur: Mann, hättest du das mal unter Hochsee-Bedingungen trainiert!“ 

Pedote hat allen Grund zur Nervosität. Die Windmessanlage ist äußerst filigran, muss heil nach oben gebracht werden und der Austausch ist kniffelig – auch weil mehrere Kabel angeschlossen werden müssen. „Als ich oben ankam, war ich völlig fertig. Körperlich und mental. Wegen der Kälte und dem Zug an der Leine hatte ich kein Gefühl mehr in den Händen. Das war mir zuvor noch nie passiert, auch nicht im Winter in den Bergen. Die Durchblutung wollte einfach nicht wieder funktionieren. Nach ein paar Minuten Hin- und Hergeschaukele riss ich mich zusammen und wagte ein paar Schnitte mit dem Messer (die Windmesser sind auch auf IMOCA zusätzlich mit Klebeband abgesichert – die Red.). Alles in der Hoffnung, dass ich mit meinen unbrauchbaren Fingern nicht auch noch die Kabel durchschnitt!“ 

Giancarlo Pedote – immer Daumen nach oben, immer gut gelaunt © pedote

Giancarlo Pedote hat „mehr Glück als Verstand“ bei dieser Aktion. Trotz eiskalter Hände platziert er den Windmesser, befestigt ihn gut genug für den auffrischenden Wind vor Kap Hoorn, seilt sich heil wieder auf Deck ab. Tage später schreibt er: „Danach musste ich mich stundenlang erholen. Das war eine dieser Erfahrungen, die ich für immer im Gepäck dabei haben werde.“ 

Erlebnis und Erfahrung

Überhaupt, die Erfahrungen. Bei diesem Thema zeigt sich ein gewisser Widerspruch, der den Italiener bereits ein halbes Leben lang begleitet. Schon als kleiner Junge war ihm klar geworden, dass er alles erfahren, ausprobieren will. Keine Abenteuerbücher lesen, sondern Abenteuer erleben. Nichts über das tolle Leben anderer hören, sondern selber leben. „Ich mag nicht über die Dinge sprechen, die ich nicht selbst erfahren habe. Das ist so eine Eigenart von mir. Das Erlebnis war schon immer eine meiner liebsten “Sportarten”. In der Lage sein, starke, grenzwertige, paradoxe, einfache und komplexe Situationen zu leben. Der Mensch ist aus Erfahrungen gemacht, durch Erfahrungen wächst er. Erlebnisse, Stimmungen waren schon immer die Dinge, die mich bewegt haben.“ 

Die Einsamkeit des Denkers © pedote

Paradox daran ist nur, dass dies ein studierter Philosoph sagt, der zudem von sich behauptet, sein Leben durchaus nach philosophischen Prinzipien und Theorien auszurichten. „Wie viele andere auch, mache ich mir eben permanent Gedanken, wie ich zu dem wurde, was ich geworden bin. Wie bin ich hierher gekommen. Warum ausgerechnet Segeln? Warum dieser kaum beherrschbare Drang, bei dieser Vendée Globe dabei zu sein?“ äußerte sich Giancarlo Pedote gegenüber einer Psychologie-Fachzeitschrift. 

Und dann dies: „Interessanterweise hat die Übersetzung des Wortes „experiènce“ im Deutschen zwei Bedeutungen: Erlebnis UND Erfahrung!

Erlebnis bezeichnet die Erfahrung, innere Erlebnisse oder Wahrnehmungen des Geistes, die den Zugang zur Erkenntnis universeller “Essenzen” ermöglichen. Erfahrung ist dagegen eine Tatsache, deren man sich bewusst ist, Erinnerung und Gedächtnis, die Erfahrung des Handelns. Das eine vervollständigt das andere. Und heute bin ich hier, süchtig nach diesem modus vivendi an Bord dieses schönen Bootes zwischen Erlebnis und Erfahrung.“ 

Uff, das sind nicht unbedingt Sätze, die wir von den Vendée Globe-Protagonisten täglich lesen oder hören!

Italienischer Strahlemann

Szenenwechsel. Begegnet man Giancarlo Pedote in seiner Wahlheimatstadt Lorient in der Bretagne, kommt kaum einer auf den Gedanken, dass man es mit einem Philosophen zu tun hat. Auch wenn sich Klischees rund um bestimme Berufs- und Interessengruppen eigentlich verbieten sollten. Nein, Pedote kommt eher wie der Prototyp eines Italieners daher (schon wieder so ein Klischee): Strahlemann, gut aussehend, immer einen lockeren Spruch auf den Lippen, permanent gute Laune, dauernd von Freunden und Familie umgeben. Die eher athletische Form und Ausdauer holt er sich beim Triathlon-Training – keineswegs selbstverständlich in der Hochsee-Szene. Man sieht und spürt sofort, dass er sich wohl fühlt in dieser vom Hochseesegeln geprägten Umgebung. Seit 12 Jahren lebt er in der südbretonischen Stadt; ungefähr so lange, wie er sich der Regatta-Hochseesegelei verschrieben hat. 

Die Prysmian Group, ex Virbac © van melleghem

Der heute 45-Jährige hat eine eher klassische Hochsee-Karriere hinter sich, die er jedoch typisch italienisch würzte. Pedote stieg gleich mit einem Paukenschlag in die französische Szene ein. Nachdem er 2009 die Mini-Transat in der Serienwertung auf Rang 4 beendete, kaufte er sich 2011 nach einem kurzen Ausflug zu den Figaros den ersten Plattbug-Mini, mit dem David Raison bei den Prototypen überlegen gewann. Nach zwei Jahren intensiver Vorbereitungszeit und einigen markanten Auftritten in der Mini-Regatta-Szene, ging Pedote schließlich bei der Mini Transat 2013 als eindeutiger Favorit an den Start.  Und trotz einiger Probleme – Pedote musste relativ früh bereits mit ausgiebigen Laminier-Arbeiten seinen Transat-Alltag versüßen – segelte er bei der legendären Atlantik-Überquerung (2013 fuhren die Minis wetterbedingt ohne Zwischenstation nach Point a Pitre auf Guadeloupe) bis ca 300 sm vor dem Ziel auf Rang 1. Doch dann brach der Bugspriet und der Italiener musste dem Franzosen Benoit Marie mit knapp 3 Stunden Rückstand den ersten Platz überlassen. Zwischendurch segelte Pedote mal noch eben den Mini-Etmal Rekord von 273 Meilen in 24 Stunden – der Plattbug war endgültig in die Szene eingeführt. 

Vom Mini über Multi 50 zum IMOCA

Danach ging’s weiter mit Mini-Erfolgen: Sieg bei allen großen Mini-Rennen in 2014, inklusive Les Sables – Acores – Les Sables, Segler des Jahres in Italien, Einhand-Champion de France und schließlich Route du Rhum auf Class 40 (Rang 10). 2015 eine erfolgreiche Saison auf dem Multi 50 (Sieg bei den sechs wichtigsten Regatten, u.a. Transat Jacques Vabre), 2016 erneut Segler des Jahres in Italien, seit 2017 zeigt er in der IMOCA-Klasse Flagge (u.a. Rang 3 beim Bermudes 1000-Race). 

Eine mehr als solide Karriere, die dem Italiener durch eine nunmehr seit 12 Jahren bestehende Partnerschaft mit dem Sponsor Prysmian Group erst möglich gemacht wurde. Die Gruppe produziert Kabel, Energie- und Kommunikationssysteme und will Pedote erklärtermaßen noch möglichst lange bei weiteren Projekten unterstützen. Kunststück, beide sind zusammen groß geworden – Prysmian Group hat es in ihrem Segment immerhin zum Weltmarktführer gebracht. 

© prysmian group

Und der Erlebnis- und Erfahrungs-Philosoph Giancarlo Pedote schaffte immerhin die drei Kaps dieser Vendée Globe und segelt nun auf Rang Acht unter den Jägern der drei Erstplatzierten. Seit Wochen hält er konsequent eine Top Ten-Position, lieferte sich schöne virtuelle Duelle mit Boris Herrmann und Isabelle Joschke und hat nun gute Chancen, im Top-Feld diese Vendée Globe zu beenden. 

Das liegt auch daran, dass er sich mit der Prysmian Group auf ein bewährtes, vor allem aber robustes Boot verlassen kann. Der IMOCA ist die ehemalige Saint-Michel Virbac, mit der Jean-Pierre Dick 2016-2017 (erneut) den vierten Platz in der Vendée Globe belegte. Er gewann auch die Transat Jacques-Vabre 2017. Und 2018 schaffte Yann Eliès damit den 2. Platz bei der Route du Rhum. Als Riss von Guillaume Verdier und VPLP, gebaut bei Multiplast, wurde dieser IMOCA als einer der ersten für den Einsatz von Foils entworfen. Was 2016 noch eine Neuheit war, ist heute bekanntlich ein Muss bei den IMOCA. Im Gegensatz zu einigen anderen Booten dieser Generation, wurde die heutige Prysmian Group nach der Vendée Globe 2016-2017 verstärkt, wodurch der IMOCA zu einem der zuverlässigsten Boote der Flotte wurde. Ein kraftvoller Renner, sehr schnell vor dem Wind und folgerichtig zwischen der aktuellen und letzten Vendée Globe eines der begehrtesten Boote auf dem Markt. 

Licht und Schatten

Und auf diesem Boot will es Giancarlo Pedote nochmals wissen. Hier und jetzt auf der Atlantischen Zielgeraden bei der Vendée Globe 2021. Der Regatta, für die er sich seit mehr als einem Dutzend Jahren voll in die Segelei „reingehängt“ hat. Doch Pedote weiß, dass er bis zum Schluss auch von einer Menge Glück abhängig ist. Der Abbruch von seiner unmittelbaren Konkurrentin Isabelle Joschke hat ihn schwer getroffen.

Giancarlo Pedote, der segelnde Philosoph © pedote

Es sei immer dieses Abwägen zwischen „Boot so hart pushen, dass möglichst nichts kaputt geht“ und die „Wettergötter so gnädig stimmen, dass sie man immer  noch irgendwie durchflutscht“. Doch dann kommt nochmals der Philosoph durch: „Du musst dich auf Weiß konzentrieren, nicht auf Schwarz. Um das Licht zu nähren, nicht den Schatten. Man muss vernünftig bleiben und so wenig Emotionen wie möglich einbringen. Aus diesen Gründen ist für mich Segeln wie eine große Schule des Lebens. In der wiederum eines der wichtigsten Fächer der Umgang mit dem Unvorhersehbaren ist!“ Weise Worte, Giancarlo, weise Worte! 

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Vendée Globe: Der Italiener Giancarlo Pedote bleibt dran – Porträt eines segelnden Denkers“

  1. avatar meerkater sagt:

    Das Boot ist das Schwesterschiff von Boris Herrmanns Malizia, mit dne alten Foils.

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