Vendée Globe: Herrmann Vierter im Pazifik – Le Cams „heißen Atem“ im Nacken

„Bis jetzt einer der besten Segeltage!“

Selbst bei ruhiger Wetterlage bleibt die Vendée Globe aufregend: Burton schafft Reparatur, Dalin und Ruyant matchracen, Bestaven zieht davon, Hermann und Joschke genießen. 

Southern Ocean – noch zeigt er keine Zähne! © bestaven

Seit gestern Abend sind 12 Vendée Globisten im Pazifik angekommen – und das unter deutlich ruhigeren Bedingungen, als vorhergesagt. Ausgerechnet der gefürchtete Southern Ocean empfängt die Segler und Seglerinnen mit Sonnenschein, mit eher leichtem bis moderatem Wind aus der (fast) richtigen Richtung und langen Surf-Wellen.
Das genießt Boris Herrmann auf seiner Sea-Explorer ganz offensichtlich.

Nice sailing 

In einer Sprachnachricht an die Vendée Globe-Race-Redakteure redet er von einem der besten Segeltage während dieser Weltumseglung. Kunststück: Der Deutsche hat es sich auf dem vierten Rang regelrecht bequem gemacht und zeigt in den letzten Tagen eine durchgehend gute bis hervorragende Performance. Sowas macht Laune und bereitet mental auf das vor, was noch kommen mag. 

Denn so richtig sicher ist Herrmanns Platzierung für die nächsten Tage noch nicht. Es gibt zwar die „alte“ Vendée Globe-Regel, dass sich die Reihenfolge der meist homogen segelnden Spitzengruppe nach Einfahrt in den Pazifik bis zum Kap Hoorn vorerst nur noch durch Havarien, UFO-Kollisionen und sonstigen Bruch ändern kann. Doch sowas gilt nur, wenn der Southern Ocean sich auch tatsächlich so gebärdet, wie er gefürchtet wird. 

Dalin im Halsen-Kampf-Modus © dalin

Derzeit sind die Spitzensegler auf ihren IMOCA allerdings in Leichtwindzonen unterwegs, die ganz andere Taktiken verlangen, als für diesen Seebereich vorgesehen. So halste sich das Spitzentrio Bestaven, Dalin und Ruyant durch Windzonen mit 18 bis 12 Knoten Windgeschwindigkeit. Immer auf der Suche nach dem richtigen Winkel, um auf die Foils zu steigen und dabei bloß nicht in die allzu soften Bereiche hinein zu geraten.

Halsen-Duelle

Yannick Bestaven zeigt sich hier beeindruckend stark: Mittlerweile segelt er erneut mit einem Vorsprung von (rechnerischen) 136 sm auf den Zweitplatzierten Dalin auf einer sehr günstigen Außenposition am Rande des Hochdruckwirbels, wo ihn 2-3 Koten mehr Wind als bei den Verfolgern erwarten. Dann wird er wohl an der Eisgrenze entlang schlittern, um in den kommenden 12 Stunden in eine Zone mit 16-17 kn Windstärke zu gelangen. Dort dürfte sich der Abstand zu seinen Verfolgern nochmals vergrößern. 

Ruyant beim morgendlichen Appell mit der Rennleitung © ruyant

Dalin und Ruyant scheinen sich dagegen allzusehr mit sich selbst zu beschäftigen. Auf dem Tracker machen die beiden jedenfalls eher den Eindruck von zwei Matchracern, die sich gegenseitig belauern, als von Weltumseglern, die gerade mal das „Bergfest“ ihrer Regatta feiern konnten. Offiziell behaupten sie zwar in ihren Mitteilungen, dass sie „auf der Suche nach den richtigen Windzonen“ seien. Inoffiziell ist allzu deutlich, dass die beiden regelrecht aufeinander fixiert sind und keiner den anderen „aus den Augen verlieren will“. Ruyant geht sogar noch einen Schritt weiter: „Charlie ist der bessere Windfinder. Ich muss einfach nur dran bleiben!“ Dass dabei einer noch besser den Wind riecht und auf und davon segelt, scheint ihnen entgangen zu sein! 

Wer findet den Wind?

In der vergangenen Nacht konnten die drei Führenden gerade mal zwischen 78 und 102 Seemeilen absolvieren, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 11,1 bis 14,7 kn entspricht. Dalin schaffte eine Spitze von 18 Knoten, aber die war nur von sehr kurzer Dauer.

Von wegen Sommer in der südlichen Hemisphäre! Yannick Bestaven im Kühlschrank © bestaven

Zu langsam, um überhaupt noch an irgendwelche Rekorde zu denken. Die Segler liegen bereits Tage hinter dem Rekord von Armel Le Cleac’h zurück – uneinholbar, wie sich nicht nur die Rechner sondern auch die Bauchgefühlsegler unter den Vendée Globe-Stars einig sind. 

Hinzu kommen die erwähnten, immer mit langen Vorbereitungen garnierten Halsen, die ebenfalls Zeit und Speed kosten. Thomas Ruyant feixt schon in Anspielung auf seine Essensrationen, die er für 80 Tage auf See ausgelegt hat: „Seht Ihr, ich hab’ doch Recht gehabt. Wäre Alex Thomson bis hierher gekommen, müsste er schon rationieren!“ Thomson ging das Rennen mit geplanten 59 Tagen Gesamtzeit deutlich optimistischer an, hat aber mittlerweile bereits wegen UFO-Kollisionsschaden an seiner Hugo Boss aufgegeben.

Auch Boris Herrmann dürfte derzeit einen gewissen „heißen Atem im Nacken spüren“. Denn Vendée Globe Legende Jean le Cam verfolgt ihn mit gerade mal 28 Seemeilen Abstand. Und der alte Haudegen ist bekannt für freche Leichtwindtaktiken, wobei er die Vorteile seines Nicht-Foilers „Yes, we cam“ gegenüber Foilern wie Herrmanns „Sea Explorer“ gnadenlos auszunutzen weiß. 

Joschke: “Bin im Erhol-Modus!” 

Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke profitiert derzeit ebenfalls von der eher ruhigen Wetterlage: „Im Moment läuft es ganz gut, ich bin im Ruhemodus. Ich schlafe bestens, tanke Energie. Es ist sonnig, die Temperaturen sind angenehm, der frühe Nachmittag ist wunderbar! Ich mache das Beste daraus, denn am Ende des Tages, wenn es dunkel wird, wird’s gleich eiskalt, und die Arbeit an Deck ist bei der Kälte echt hart. Der Ozean meint es gut mit mir, ich lade meine Batterien wieder auf. Und diesem Indischen Ozean mit seinem miesen Wetter, den widrigen Wellen und den vielen Reparaturen bei mir an Bord weine ich keine Träne nach!“ 

Bei Isabelle Joschke bessert sich die Stimmung nach dem Indischen Ozean nun ebenfalls zusehends! © joschke

Der erklärte Held des Wochenendes ist jedoch Louis Burton auf seiner Bureau Vallée. Am Mast der IMOCA war ein Teil der Mastschiene ausgebrochen. Dabei wurde auch die Elektronik im Masttop beschädigt. Nachdem Burton mit einem derart irreparabel erscheinenden Schaden an Bord zunächst an Aufgabe gedacht hatte, entschied er sich nach Rücksprache mit der Rennleitung zu einem Reparatur-Versuch im Windschatten der kleinen Insel Macquarie, einem streng geschützten Naturschutzflecken südlich von Neuseeland mitten im Nirgendwo. 

Held des Wochenendes

Doch um sich dem Eiland überhaupt nähern zu dürfen, müssen verschiedene Behörden um Erlaubnis gebeten werden. Nach Aussagen der Rennleitung, die sich eine Nacht lang ans Telefon klemmte, zeigte man zunächst eher wenig Verständnis für die Nöte eines Weltumseglers: „Naturschutzgebiet ist Naturschutzgebiet. Basta!“ Zuletzt lenkte man doch ein und Burton durfte mit seiner Bureau Vallée bis 500 m vor der Inselküste ankern. Dass dort immer noch ein dicker Schwell wogte und der Wind reichlich pfiff, ist auf obigem Video unverkennbar. 

Kann richtig zufrieden mit sich sein: Louis Burton. © Louis Burton / Bureau Vallee 2

Drei Mal kletterte Burton in den Mast, drei Mal zeigte der nicht gerade als besonders engagierter Bastler bekannte Burton, dass man in der Not wirklich Berge respektive Mastschienen versetzen, neue Großfallsysteme einziehen bzw. austauschen kann. Sein Glücksschreie am Masttopp hängend sind jedenfalls sehr gut nachvollziehbar. Er werde nun „wieder angreifen“ brüllt er in die Kamera. Man solle ruhig weiter mit ihm vorne rechnen. 

Eine klare Kampfansage, wenn auch mit einem gewissen Unwahrscheinlichkeitsgrad, zumindest was die vorderen Plätze betrifft. 938 Seemeilen lautet der Rückstand auf den Führenden Bestaven. Aber wer weiß schon, was noch alles passieren kann und wird! 

Tracker

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Ein Kommentar „Vendée Globe: Herrmann Vierter im Pazifik – Le Cams „heißen Atem“ im Nacken“

  1. avatar Hartmut sagt:

    Die Vendée Globe ist die grösste sportliche, mentale und physische Herausforderung im ganzen Sport! Meine Hochachtung für alle!
    The Vendée Globe is the biggest sporty’ mental and physical challenge in all sports. I admire all of them.
    La Vendée Globe est le plus grand challenge sportif’ mental et physique dans le monde des sorts. Chapeu!

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