Vendée Globe: Herrmann “mental erschöpft” – Isabelle Joschke rückt vor – Dalin bleibt dran

"Manchmal denke ich zu viel"

Boris Herrmann (7.) bekennt, dass er im starken Wind wieder sehr vorsichtig segelt bei der Vendée Globe. “Wenn ich nur loslassen könnte.” Acht Verfolger befinden sich innerhalb von 80 Meilen.

Die Vendée Globe ist wieder in eine neue Phase eingetreten. Nach dem ungewöhnlich flauen Abschnitt im Süd-Pazifik segelt die Flotte nun in “echten” Southern-Ocean-Bedingungen bei starkem Wind zwischen 35 und 40 Knoten mit schwerem Seegang. Ab dem 2. Januar wird das Führungsduo am Kap Hoorn den Blinker links setzen können.

Dabei weisen die jüngsten Berechnungen darauf hin, dass dem führenden Yannick Bestaven (Maître CoQ IV) wohl doch noch nicht die Vorentscheidung gegenüber Charlie Dalin (Apivia) gelingt. Er hat seinen Vorsprung zwar auf 133 Meilen ausgebaut, aber der letzte Sieger Armel le Cléac’h glaubt, dass Bestaven durch komplizierte Starkwindbedingungen direkt vor dem Kap etwas ausgebremst werden wird.

Der Stand am 28.12. Die Spitzengruppe segelt eng beisammen in starken Südwestwind.

Aktuell verliert Dalin noch, auch weil er sich mit Wind von Steuerbord ähnlich wie Konkurrent Thomas Ruyant nicht zu hundert Prozent auf seine Tragfläche verlassen kann. Nach der Reparatur der Foil-Aufnahme lässt immer mal wieder zwischen den Zeilen durchblicken, dass er auf diesem Bug Probleme hat. Sicher kann er nicht wie bisher den Winkel des Foils verstellen. Möglicherweise hat er das Profil sogar ganz im eingefahrenen Modus fixiert. Nach der anstehenden Halse sollte er allerdings wieder mehr Gas geben können.

Die Entwicklung der Abstände im der Spitzengruppe.

Dahinter hat Thomas Ruyant (LinkedOut) auf seinem Problem-Bug den Rückstand stabil halten können. Ihm fehlen aktuell 285 Meilen zur Führung. Le Cleac’h glaubt, dass er am Kap den Rückstand auf etwa 200 Meilen verkürzen kann. Ein Routingmodel zeige sogar, dass sie bei den Falklandinseln nur fünf Stunden achteraus segeln.

Die Verfolgergruppe sollte etwa einen Tag später am Kap sein. Insgesamt werde es sehr schwierig, diese Weltumsegelung noch unter 80 Tagen zu schaffen. Bestaven wird wohl acht Tage länger für die Kap-Hoorn-Rundung benötigen als Le Cleac’h bei seiner Bestzeit vor vier Jahren.

“Mental erschöpft”

Boris Herrmann hat gerade eher eine schwierigere Phase in diesem Rennen zu überstehen. So langsam erkennt man ihm die Stimmung bei seinen täglichen Videos an. Er hält aber auch wirklich nichts hinter dem Berg und brilliert mit seiner Offenheit. Seine Updates gleichen Selbstgesprächen. Er hadert, überlegt, philosophiert, zieht die Stirn in Falten – ärgert sich über sich selbst, dass er zu viel nachdenkt. “Wenn ich etwas mehr loslassen könnte, würde ich schneller segeln.” Er sei gerade vielleicht zu ängstlich.

Das Boot sei aber noch zu hundert Prozent im Schuss. Und das gelte bestimmt nicht für viele der anderen Boote. Er wolle in einem Stück bei Kap Hoorn ankommen und nicht zu viele Meilen verlieren. Mental fühle er sich erschöpft. Man möchte ihn fast in den Arm nehmen. Herrmann ist auf den siebten Platz zurückgefallen. Die Konkurrenz in seinem Umfeld segelt aktuell schneller.

Die Abstand-Kurve von Joschke im Vergleich zu Herrmann. Sie lag im Atlantik schon 600 Meilen zurück.

Insbesondere Isabelle Joschke. Die in München geborene Deutsch-Französin (SR-Interview) hat Herrmann zuletzt überholt und legte in den vergangenen 24 Stunden 399 Meilen zurück, 37 Meilen mehr als der Konkurrent. Dabei sei sie nach der Flautenphase sogar wieder seekrank geworden.

Isabelle Joschke bei der Arbeit © ronan gladu

“Ein solches Comeback habe ich nicht mehr für möglich gehalten”, sagt sie in ihrem jüngsten Video von Bord. “Ich war davon überzeugt, dass ich die Top Ten nicht mehr erreichen kann.” Im Atlantik hatte sie auf der Höhe von Portugal offen bekundet, sehr vorsichtig zu sein. Schließlich hat sie schon viel Bruch in ihrer Karriere erlebt. Angst spiele für sie eine große Rolle. Bei den ersten Atlantik-Stürmen verlor sie den Anschluss.

MACSF ex Safran von 2007 ist für Isabelle Joschke mit langen Foils bestückt worden. © CHRISTOPHE FAVREAU-DÉFI AZIMUT

Aber nun ist sie wieder da und wundert sich. “Es ist eine Freude, wieder so nahe bei meinen engsten Konkurrenten zu sei. Das ist super motivierend.” Dennoch komme sie immer wieder an ihre Grenzen. Gestern zum Beispiel beim Segelwechsel. Auf MACSF tauschte sie einen Gennaker gegen den anderen. Sie habe das Manöver abgebrochen. “Ich hatte keine Kraft mehr. Das hat sich komisch angefühlt. Normalerweise gibt man nicht auf.” Heute gehe es aber besser. “Ich bin nicht mehr so müde. Im Gegenteil! Es gibt solche Tage und solche. Man muss das akzeptieren.”

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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