Vendée Globe: Herrmann rast mit 34 Knoten – 10 Meter hohe Wellen warten am Kap Hoorn

Hauptsache dranbleiben

Die Vendée Globe-Flotte steuert auf Kap Hoorn zu, wo es richtig hart wird.  Die Skipper müssen in den Überlebensmodus umschalten. Boris Herrmann (7.) hat Joschke überholt muss vorerst aber Dutreaux ziehen lassen. 

Herrmann beschleunigt im Süd-Pazifik auf 34 Knoten. © Boris Herrmann Racing

“Das reicht jetzt, oder?” Eine rhetorische Frage im Zwiegespräch mit der Kamera. Boris Herrmann zeigt seiner Fangemeinde, wozu sein IMOCA immer noch in der Lage ist. Mit 34 Knoten rast er eine Welle herunter. Aber es ist ihm anzusehen, dass er sich dabei unwohl fühlt. “Ich mag es nicht, wenn sie 30 Knoten schnell segelt. Das ist nicht nötig. Besser sind beständige 20 Knoten. Bitte!” Beschwörend faltet er die Hände.

Für Herrmann ist jetzt nicht die Zeit zum Anzugreifen. Er muss dran bleiben und sein Boot sicher rund Kap Hoorn bringen. Danach beginnt ein neues Spiel. Und dabei sollte er sehr gute Karten haben, wenn er sein Schiff zu hundert Prozent in Schuss hält. Das ist seine Strategie. Hauptsache dranbleiben. Der Atlantik sollte noch Chancen bieten. Schließlich sind noch gut ein Drittel der gesamten Strecke zu absolvieren.

Bis dahin muss Herrmann noch die Entscheidung treffen, ob er bis zum Kap Hoorn eine eher nördlichere oder südlichere Route wählen soll:

So sieht es offenbar auch Isabelle Joschke, die mit ihrem aufgerüsteten Foiler MACSF ein ähnliches Potenzial wie Herrmanns Seaexplorer aufweist. Sie hat bei den für die Foiler unvorteilhaften Vorwind-Bedingungen ebenfalls den Fuß vom Gas genommen und liegt nun 15 Meilen hinter dem deutschen Kollegen.

Nicht-Foiler geben Gas

Andere Überlegungen stellen die Gegner auf den Ü13-Nicht-Foilern  von Le Cam, Seguin, Dutreaux und Sorel an. Es ist nach wie vor unglaublich, dass sie so weit vorne platziert sind. Der 34-Jährige Maxime Sorel etwa ist trotz seines Transat Jacques-Vabre-Sieges (2017) in der Class40 ein eher unbeschriebenes Blatt. Und er segelt mit der ehemaligen “Le Souffle du Nord”, die Thomas Ruyant bei der vergangenen Vendée Globe nach Strukturschäden fast versenkt hätte, nur knapp 300 Meilen hinter dem Spitzenreiter. Das Schiff wurde kaum modifiziert.

Der Riss im Rumpf von Thomas Ruyants Souffle du Nord vor vier Jahren. © Thomas Ruyant /Le Souffle du Nord

Die erprobten Nicht-Foiler sollten zuverlässiger sein und bei harten Bedingungen mehr aushalten. Auch deshalb puschen ihre Piloten härter als die anfälligeren Tragflächen-Konstruktionen. Die Meilen, die sie bis zum Kap Hoorn gegenüber der auf dem Papier schnelleren Konkurrenz rausholen, können noch ganz wichtig werden. Andererseits müssen auch sie bald in den Überlebensmodus schalten.

Herrmann (grau) hat Joschke (hellgrau) überholt, aber Dutreux (dunkelblau) verloren. Le Cam (weiß) ist aktuell sehr langsam unterwegs.

Denn auf Sylvester wird die Spitzengruppe vom Tiefdruck im Nordwesten eingeholt.  Maitre CoQ, Apivia und LinkedOut sollten es schaffen, vorne zu bleiben und den Druck zu  zu nutzen. Die beiden Neubauten geben jetzt schon mächtig Gas auf ihrem jeweils unbeschädigten (Steuerbord-)Bug. Dalin hat den Rückstand von gut 180 Meilen auf nun 117 verkürzt. Und auch Ruyant ist von 320 Meilen auf nun wieder 160 Meilen an Yannik Bestaven herangekommen.

Extreme Brecher

Der Führende wird am Samstagmorgen am Kap Hoorn erwartet etwa zehn Stunden vor Apivia etwa mit dem gleichen Vorsprung auf LinkedOut. Aber das ist nur Theorie. Sie müssen erst einmal die brutalen Bedingungen vor der Drake-Passage zwischen der Südspitze Amerikas und der Nordspitze der Antarktischen Halbinsel überstehen. Bis zu zehn Meter teilweise brechende Wellen werden erwartet.

Nicht mehr weit bis zum Kap Hoorn.

Dabei kann es sich die Verfolgergruppe aktuell nicht leisten, langsam zu segeln. Denn die Gefahr ist groß, von der Flaute im Zentrum des Tiefs ausgebremst zu werden und den Anschluss zu verlieren.

Sehr vorteilhaft entwickelt sich das Wetter nach wie vor für Armel Tripon (L’Occitane), der im Begriff ist Clarisse Cremer (12.) zu überholen. Einige Prognosen sagen, dass der aktuell 580 Meilen hinter Herrmann segelnde schnelle Plattbug-Foiler bei vorteilhaftem Südwind bis zum Kap Hoorn zu den Verfolgern aufgeschlossen haben könnte. Er läge dann auch wieder in Reichweite zum Spitzenboot. Denn vor vier Jahren passierte der zweitplatzierte Alex Thomson (HUGO BOSS) die Landspitze fast 600 Meilen hinter Le Cléac’h und holte den Rückstand trotz seiner gebrochenen Tragfläche im Atlantik auf.

Bis dahin gilt es aber, den brutalen Anfang des neuen Jahres zu überstehen. Der Pazifik verabschiedet sich mit extremem Wellengang, sintflutartigen Regenfällen, Graupel und Hagel. Und bis zu den Falklandinseln wird es keine Pause geben. Hoffentlich geht alles gut.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

3 Kommentare zu „Vendée Globe: Herrmann rast mit 34 Knoten – 10 Meter hohe Wellen warten am Kap Hoorn“

  1. avatar Klaus Freiberg sagt:

    Möchte die Berichte der Segelreporte gerne lesen. Mir gelingt es nicht zum lesen zu öffnen.
    vielleicht habt ihr einen Rat für mich

    Danke und ein frohes neues Jahr
    Klaus Freiberg

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  2. avatar PL_abalone.sailing sagt:

    geht nur wenn man sich einloggt.Sonst nur die Ankündigung

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  3. avatar Sv. Netineti sagt:

    der macht das super … ist ehrlich, realistisch und eine realistische Selbst Einschätzung

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