Vendée Globe-Historie: Was ist aus den letztplatzierten Weltumseglern geworden?

Die letzten Helden

Vendée Globe

Sebastien Destremau, letzter in der aktuellen Vendée Globe-Flotte © vendée globe

Sie haben es immerhin geschafft, wenn auch mitunter in quälend langer Zeit. Manche sind bei der Hochseesegelei geblieben, andere haben ihr den Rücken zugekehrt. Doch ihren Platz in der Historie dieser verrückten Regatta haben sie sich gesichert – auf immer und ewig. 

Der französische Journalist Sebastien Destremau ist letzter, verbleibender Teilnehmer der aktuellen Vendée Globe. Er wird am kommenden Freitag in Les d’Olonnes erwartet, „wenn er bis dahin nicht an Unterernährung gestorben ist“ witzelte er kürzlich von Bord. 124 Tage wird er dann für seine Weltumseglung gebraucht haben, mindestens zwei Wochen mehr, als er eigentlich gedacht hatte. Entsprechend mager fallen die täglichen Essenrationen aus: In einem seiner letzten Videos spricht er von einem Beutel Astronautennahrung, die ihm pro Tag noch bleiben. 

Destremau wird sich somit als achter Segler in die Annalen der Vendée Globe-Letztplatzierten einreihen. Neben anderen spannenden Persönlichkeiten… 

Jean-Francois Coste

Vendée Globe 1989-90, 163 Tage, 1 Stunde, 19 Minuten. 

So lange hat bisher nie wieder ein Segler für die Vendée Globe gebraucht. Und selbst wenn Sebastien Destremeau noch ein paar Wartekringel in der Biskaya drehen wird – diesen Rekord will und wird er wohl kaum brechen. Obwohl der Vergleich eigentlich hinkt, denn Coste segelte keineswegs auf einem hochgezüchteten Renner im Stile einer IMOCA (die gab es damals noch gar nicht), sondern setzte lieber auf die erprobte Hochseetauglichkeit eines Klassikers. Keine Geringere als die berühmte Pen Duick II der Segellegende Eric Tabarly brachte Coste zwar vergleichsweise langsam, aber immerhin sicher um die Welt. 

Vendée Globe

Jean-Francois Coste © vendée globe.org

Jean-Francois Coste gab seinen gut dotierten Job als Arzt auf, um sich ein Jahr lang auf die Vendée Globe vorzubereiten. Der passionierte Segler machte sich von Anfang keine Illusionen darüber, wie er – wenn überhaupt – die Regatta finishen wird. „Als Letzter,“ sagte er in einem Gespräch mit dem Chefredakteur der Tageszeitung Libération. Costes Offenheit und Ehrlichkeit gefiel dem Journalisten, so dass der ihm eine regelmäßige Kolumne in der Zeitung offerierte (und bezahlte), in der Coste den Lesern „fabelhafte Geschichten von der See“ erzählte. 

Nach dem glücklichen Ende seiner Weltumseglung trat Coste nie wieder als Hochseesegler in Erscheinung. Der Arzt widmete sich lieber den Stürmen des Lebens und kümmert sich seitdem – in den Fußstapfen des berühmten französischen Jesuitenpaters Pere Jaouen – um drogenabhängige Jugendliche. 

Jean Yves Hasselin 

Vendée Globe 1992/93, 153 Tage, 5 Stunden, 14 Minuten

Er war der erste Hochseesegler, der von PRB gesponsert wurde. Und obwohl er eindeutig der Langsamste in einer langen Reihe nachfolgender PRB-Hochseeskipper war, gilt er doch als das Fundament des PRB-Sponsorships im Hochseesegelsport. Seine sympathische Art gefiel den damaligen Bossen so sehr, dass sie Hochseesegeln fortan als „ihren“ Sponsor-Sport betrachteten.

Vendée Globe

Jean-Yves Hasselin ©vendée globe

Zudem erzählt man sich von Hasselin, dass er eine ehrliche Haut sei und deshalb die Bosse für sich begeistern konnte: Kurz vor dem Start fiel auf, dass der Segler keine Sponsorenjacke trug. Also lieh ihm der oberste Boss seine Jacke, samt Ausweis, Scheckheft, reichlich Bargeld, Auto- und Wohnungsschlüssel. Ehrensache, dass er alles wieder zurück bekam, nur musste der Chef eben 153 Tage lang darauf warten… 

Catherine Chabaud

Vendée Globe 1996-97, 140 Tage, 4 Stunden, 38 Minuten

Die Journalistin war die erste Frau, die eine Einhand-Nonstop-Weltumseglung im Regattamodus beendete. In Frankreich war sie jahrelang DAS Aushängeschild für die Hochseesegelei. Von den Ozeanen brachte sie ein großes Interesse für Umweltprobleme mit „nach Hause“.

Vendée Globe

Catherine Chabaud © vendée globe

Sie engagiert sich seit nunmehr zwanzig Jahren in diversen staatlichen Projekten und Vereinigungen sowie im Vorstand der SNSM, dem Pendant zur deutschen DGzRS. Vor einem Jahr wurde sie vom französischen Präsidenten zur „Delegierten für Meer und Küste“ ernannt. Seit etwa zehn Jahren segelt sie nicht mehr als Profi sondern nur noch zum Spaß. 

Pasquale de Gregorio

Vendée Globe 2000-01, 158 Tage, 2 Stunden, 37 Minuten 

Zunächst wollte der Italiener überhaupt nichts mit dem Meer zu tun haben. Der Anwalt lebte in einem kleinen Städtchen in den Abruzzen und hatte naturgemäß eher Spaß an der Bergsteigerei. Erst in den späten Achtzigerjahren infizierte sich Gregorio mit dem Meeresvirus, danach ging es Schlag auf Schlag. Erste Blauwassertörns, die ihn auch aus dem Mittelmeer heraus führten, erste Atlantiküberquerungen.

Vendée Globe

Pasquale de Gregorio © de Gregorio

Dennoch ging er mit einem relativ kleinen Konto an geloggten Seemeilen zur Vendée Globe an den Start – „deshalb gehe ich die Sache besonnen und entspannt an“ sagte er kurz vor dem Start. 

De Gregorio kaufte sich nach der VG eine 45-Fuß-Yacht und gibt seitdem Segelkurse vor Rimini. Wenn er nicht gerade auf Langfahrt ist – mittlerweile soll er mehr als 150.000 Seemeilen im Kielwasser haben. 

Karen Leibovici

Vendée Globe 2004-05, 126 Tage, 8 Stunden, 2 Minuten 

Karen Leibovici war von Anfang an die Siegerin der Herzen bei dieser Vendée Globe, weil sie trotz eines schweren Autounfalls nur wenige Monate vor dem Start an der Regatta teilnahm. Gerade so von ihren Verletzungen genesen, hatte sie wohl während der Weltumseglung noch mit vielen physischen und mentalen Problemen zu kämpfen – entsprechend hoch ist ihre bis dahin schnellste Finishzeit einer Letztplatzierten zu bewerten. 

Vendée Globe

Karen Leibovici © vendée globe

Leibovici arbeitet seitdem bei einer bekannten Segelmacherei in der Bretagne und träumt insgeheim von einer weiteren Vendée Globe-Teilnahme. „Wer weiß, vielleicht finde ich ja noch einen Sponsor. Man soll bekanntlich die Hoffnung ja nie aufgeben,“ sagte sie kürzlich der Tageszeitung „Ouest“. 

Norbert Sedlacek 

Vendée Globe 2008-09, 126 Tage, 5 Stunden, 31 Minuten

Der Österreicher ist SR-Lesern längst kein Unbekannter mehr. Seine Abenteuer auf den Sieben Meeren unseres Planeten sorgten schon häufig für Schlagzeilen. Der ehemalige Straßenbahnfahrer und Taekwando-Meister ist auch bei den Franzosen höchst beliebt, nicht zuletzt wegen seiner eher ungezwungenen Art, selbst die verrücktesten Projekte anzupacken.

Vendée Globe

Norbert Sedlacek © vendée globe

Derzeit lässt er im Departement Vendée einen 60-Fuß-Monorumpfer bauen, mit dem er das Projekt Ant-Arctic-Lab durchführen will: Durch die Nordwestpassage, dann runter nach Kap Hoorn, von dort aus Rund Antarktis…   „Wer einmal die Vendée Globe beendet hat, ist völlig versaut für ein normales Leben!“ sagte Jean le Cam einmal in seiner saloppen Art. Bei Sedlacek trifft das jedenfalls zu 100 Prozent zu! 

Alessandro di Benedetto

Vendée Globe 2012/13, 104 Tage, 2 Stunden, 34 Minuten 

Der Italiener kann von sich behaupten, die Vendée Globe als Letzter mit dem kleinsten Abstand zum Erstplatzierten beendet zu haben. Ansonsten war der professionelle Hochseesegler, der eigentlich Geologe von Beruf ist, nicht ganz so zufrieden mit seinem VG-Debut.

Vendée Globe

Alessandro di Benedetto © vendée globe

Denn er war durchaus schon ein renommierter Hochseesegler und hatte eigentlich das Podium bei dieser VG angepeilt. Zuvor war di Benedetto vor allem durch seine Atlantik- und Pazifiküberquerungen im offenen Strandkat aufgefallen und hatte sich einen Namen gemacht, als er 2009/10 in 268 Tagen nonstop auf der VG-Route um die Welt segelte – auf einem umgebauten Mini 6.50! 

Der steht noch in les Sables d’Olonnes, wo auch di Benedetto mittlerweile mit seiner Familie lebt. Sein größter Wunsch: bei der nächsten Vendée Globe wieder mitmachen. 

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Vendée Globe-Historie: Was ist aus den letztplatzierten Weltumseglern geworden?“

  1. Schöner Beitrag Miku – selbst wenn ich früher einmal das “angesagte Hinterherfahren” nicht verstanden habe – inzwischen betrachte ich die alle als Helden auch wenn mir das Abenteuer “etwas” zu lang wäre …

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

  2. avatar Fabian sagt:

    di Benedetto hatte das Podium als Ziel? Er ist als einziger mit nem alten Festkielboot gefahren. Wenn er das also wirklich dachte, war es reichlich grössenwahnsinnig.
    So wie ich mich an seine Erzählungen erinner war das aber nicht der Fall, sondern er wollte einfach um die Welt segeln. Und hat für das Alter seines Bootes eine super Zeit hingelegt!

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  3. avatar eku sagt:

    Ich weiß ja, dass ihr das gerne anders seht, aber: “Letztplatzierte” sind das mitnichten.
    Sebastien Destremau kommt zwar in der Tat als letzter über die Ziellinie, aber wie bei jeder Regatta sind die Ausfälle weiter hinter ihm platziert, oder habt ihr schon mal ein DNF auf einem vorderen Platz gesehen.
    Das angesagte Hinterherfahren gilt ja auch für die aktuellen Platzierungen ab ca 5.-6. – eine realistische Siegchance hatten die auch nicht.
    Diese Regatta bewertet mit der Platzierung eben nicht nur den reinen Speed, das ist was für den AC oder sicherlich auch die olympischen Klassen.
    Für die Platzierung ist bei der VG vielmehr das “gesamte Paket” entscheident.
    Der beste AC Segler wird ohne Crew, mit kleinem Budget, und ohne Macgyver-Fähigkeiten nicht ankommen – genausowenig natürlich der reine Bastel-König, der keine Ahnung vom Segeln hat. Und letzteres bzw das Gegenteil haben bestimmt alle, die an dieser Regatta teilnehmen.
    In diesem Sinne: Sportliche Leistung ist nicht immer äquivalent zur benötigten Zeit oder wir stellen einfach fest, dass die Ausfälle unendlich (!) viel länger gebraucht haben (werden) als Sebastien Destremau.

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