Vendée Globe: Jeff Pellet durfte nicht mitsegeln, tat es dennoch und muss nun aufgeben

Der Vendée-Pirat

Seit 20 Jahren träumte Jeff Pellet von nichts anderem als einer Vendée Globe-Teilnahme. Doch er verpasste die Quali, segelte dennoch los und muss nun nach UFO-Kollision vor Brasilien aufgeben. Ein Drama.

Es gibt diese weltbekannte Geschichte von dem kleinen bretonischen Dorf, dessen Helden mit Hilfe eines Zaubertranks und legendärer Dickköpfigkeit vor 2.000 Jahren den Eroberungsgelüsten eines gewissen Julius Cäsar und seiner Legionen erfolgreich widerstanden.

Etwas weniger bekannt ist, dass die Franzosen hinter vorgehaltener Hand flüstern, die Bretonen seien zwar durchaus dickschädelig, den Menschen aus dem Departement Vendée, den „Vendéen“, können sie in Sachen Sturheit, Hartnäckigkeit und bockiger Widerspenstigkeit aber noch nicht einmal das Wasser reichen.

Vendee Globe, Piraten-Teilnahme, Kollision

Einmal losgesegelt, stimmt gleich die Stimmung © pellet

Womit wir bei Jeff Pellet wären. Der 46-Jährige ist nun mal Vendéen mit genau den genannten Charaktermerkmalen, er muss sich aber zudem noch mit einem weiteren Makel abfinden: Er ist Segler. Hochsee-Regattasegler, um genauer zu sein.

Hauptsache: Segeln!

Wie viele andere Franzosen entlang der Küsten hat er sein Leben dem Segeln auf den großen Meeren verschrieben. Er segelte vom Strandkat bis zur IMOCA so ziemlich alle Bootstypen, zweihand, einhand… egal, Hauptsache raus aufs Wasser. Er nahm an allen namhaften Regatten teil, wie etwa Tour de France a la Voile, Transat Jacques Vabre, AG2R; Pellet segelte zwei Mal im Hobie-Kat über den Atlantik, machte bei der Mini Transat mit und schipperte ein paar Jahre im Figaro-Einhand-Zirkus.

Dass selbst so einer, der sein Leben lang mit Hochseesegeln beschäftigt ist, seit zwanzig Jahren von nichts anderem als von einer Teilnahme bei der Vendée Globe träumt, ist für uns Deutsche nur schwer nachvollziehbar – für Franzosen jedoch eine völlig normale Sache. „Die Vendée Globe ist nun mal der Olymp des Hochseesegelns,“ sagte Jeff Pellet schon vor ein paar Jahren in einem Interview. Und zu den dort beheimateten Göttern will er ganz offensichtlich zählen.

Vendee Globe, Piraten-Teilnahme, Kollision

Start zur großen Hinterherfahrt © martinez/Come in Vendée

Nach mehreren Anläufen in den letzten 12 Jahren, die allesamt am Geld scheiterten, sollte es für die diesjährige Vendée-Globe-Ausgabe endlich klappen. Zwar stand es um die Finanzen wieder nicht gerade berauschend gut, aber solch monetärer Mangel kann durch einen festen Willen bekanntlich ausgeglichen werden. Pellet verkaufte sein Haus, um sich die IMOCA von Altmeister Robin Knox Johnston zu leisten, der damit noch bravourös die Route du Rhum bestanden hatte.

Es folgte die Suche nach einem Großsponsor für sein Projekt, die in der Kürze der Zeit gründlich misslang. Also rief der Vendéen seine Landsleute auf und über 400 Einzelpersonen, Kleinfirmen und Familien spendeten immerhin 280.000 Euro. Eine Summe, die gerade so reichen sollte, um die umgetaufte „Come In Vendée“ für die Enhand-Weltumseglung vorzubereiten. Doch ausgerechnet diese Vorbereitungen zogen und schleppten sich dahin.

Die Zeit läuft (davon)

Die Sicherheitstests nach den Klassenregeln liefen zwei Mal schief (wegen Marginalien wie etwa 180 kg zu niedriges Gewicht in der Kielbombe), doch dies war nicht Pellets größtes Problem.

Viel schlimmer war, dass dem angehenden Vendée Globe-Segler die Zeit davon lief. Die Qualifikationskriterien für die VG sehen u.a. vor, dass jeder Teilnehmer an mindestens einer offiziellen Einhand-Regatta, die mindestens 2.600 Seemeilen lang sein sollte, teilnehmen muss.

Die großen Rennställe mit Shore-Crew und Millionenbudgets erledigten das z.B. bei der TRANSAT Bakerly im Mai. Und machten kurz darauf aus der Rückreise von New York nach Les Sables d’Olonnes noch eine weitere Qualifikationsregatta.

Vendee Globe, Piraten-Teilnahme, Kollision

Muss ja keiner wissen, dass er eine Woche nach den Helden startete – großer Zirkus auch für Jeff Pellet © come in vendée

An der sollte Pellet eigentlich teilnehmen, doch zehn Tage vor dem Start lag seine IMOCA noch künstlich gekentert im Hafen von Les Sables und absolvierte Sicherheitstests. Grund genug für Jeff Pellet, langsam etwas nervös zu werden.

Er erkundigte sich bei der Regattaleitung, welche Regatten noch übrig seien. „Im Prinzip nur noch eine, und das auch nur im Sonderfall: Quebec-St.Malo ist eigentlich eine Crew-Regatta,“ beschied man ihm. Die könne Pellet auch ausnahmsweise einhand mitsegeln und er wäre qualifiziert. Letzte, wirklich allerletzte Möglichkeit: er findet einen Club, der auf die Schnelle eine offizielle, vom französischen Segelverband anerkannte Hochseeregatta auf die Beine stellt, bei der er sich dann eben qualifizieren könne.

Jeff und seine IMOCA hätten es vielleicht sogar rechtzeitig bis zum Start nach Quebec geschafft, aber in der Zwischenzeit musste sich seine Lebensgefährtin einer schweren Operation unterziehen. „Unmöglich für mich, einfach zu segeln, während sie unters Messer kommt,“ stellte der Vendéen klar.

Also suchte er einen Club, der sich an so eine Spontan-Aufgabe wie die Organisation einer Hochseeregatta wagte und fand ihn im lokalen Verein „Sport Nautique Sablais“ in les Sables d’Olonne.

Doch wer nicht mitspielte, war der Französische Seglerverband. Er verweigerte einer derartigen Hauruck-Aktion das offizielle Gütesiegel und… stürzte Jeff Pellet in die bis dahin größte Sinnkrise seines Lebens.

Vendee Globe, Piraten-Teilnahme, Kollision

Immer den Daumen optimistisch nach oben gereckt. Fast immer © pellet

Verband stellt sich quer

„Ich hatte ein mittlerweile funktionierendes Boot, war zwar hoch verschuldet, konnte aber alle Arbeiten und Teilnahmegebühren bezahlen, ich war hoch motiviert… und durfte nicht mitsegeln wegen irgendwelcher Formalitäten!“

Die Organisatoren der Vendée Globe bedauerten zwar, beriefen sich aber auf die Regel, die sie aus Fairnis-Gründen gegenüber anderen Möchtegern-Teilnehmern einhalten müssen. Auch wenn die Teilnahmegebühren über 20.000 Euro eingestrichen wurden – Pellet durfte an dieser Vendée Globe nicht teilnehmen. Basta.

Doch seine Landsleute, seine „compatriotes“, ließen Pellet nicht hängen. Sie ermunterten ihn, doch einfach als „Pirat“ und inoffiziell hinter der Vendée Globe-Flotte herzusegeln. Ganz so, wie das schon zwei andere Segler 1996 und 2004 vor ihm gemacht hatten „Mach’ doch“, hieß es immer wieder, auch in den Schlagzeilen der lokalen Zeitungen. „Was hält Dich denn ab?“

Pellet bekam Zuspruch von allen Seiten, hatte mitunter in den Wochen vor dem Vendée Globe-Start mehr Aufmerksamkeit als die großen Hochseestars und badete förmlich in einer Welle des Mitgefühls und der Ermutigung.

Gebührender Abschied!

Und so kam es, dass ausgerechnet der Vendéen Jeff Pellet den Hochseesteg räumen musste, um den Kollegen der Vendée Globe in den Wochen vor dem Start Platz zu machen. Und eine Woche nachdem die offiziellen Teilnehmer der Vendée Globe unter einem unglaublichen Tohouwabou gestartet waren, segelte auch Jeff Pellet los.

Aber hallo, nicht einfach so! Auch bei seiner Fahrt durch den weltberühmten Kanal von Les Sables standen Tausende Menschen mit Plakaten und Fahnen Spalier. Gerade Jeff Pellet wurde gefeiert, wie es sich für einen Helden gebührt. Pellet, der schon seit Tagen nur noch im Piratenkostüm auftrat und auch bei seinem Abschied wieder „stilecht“ gekleidet war, schmolz förmlich vor Rührung. Und als ihn eine kleine Hundertschaft an Booten sogar noch zehn Seemeilen weit ins Meer hinaus begleitete, war für den Vendéen fast alles so wie beim richtigen Start zur Vendée Globe.

Zunächst lief „alles cool“ für den Piratensegler. Mit guten Etmalen unterwegs, hatte er teils bessere Wetterlagen als das hintere Drittel des offiziellen Feldes. Jeff holte auf und freute sich diebisch darüber.

Vendee Globe, Piraten-Teilnahme, Kollision

Der Traum von der Vendée Globe auf eigener IMOCA © martinez/Come in Vendée

Doch auf Höhe der Kapverden krachte er erstmals in eines der gefürchteten UFOs (Unidentified Floating Object), konnte aber keinen sichtlichen Schaden am Boot feststellen. Auf halber Strecke Richtung Brasilien kollidiert er erneut „mit irgendwas“, wie Pellet auf seiner Facebook-Seite postete.

Der Vendéen entschloss sich zu einem Kontroll- und gegebenenfalls Reparaturstopp auf der brasilianischen Inselgruppe Fernando de Noronha, etwa 350 km östlich von Brasilien. Dort stellte Pellet bei Tauchgängen fest, dass der Aufhängungsbereich des Schwenkkiels größtenteils ausgerissen ist. „Das war der schwärzeste Moment meines Lebens,“ heulte Jeff Pellet ins Telefon. „Ich muss aufgeben – jetzt, wo alles endlich auf dem richtigen Weg war!“

UFOs, immer diese UFOs

Die Tageszeitungen in Les Sables setzen die Aufgabe „ihres“ Helden auf die Titelseite, bei den Organisatoren der Vendée Globe schweigt man sich aus.

Derzeit segelt der gestrandete Pirat Jeff Pellet „wie auf Eiern“ vorsichtig wieder zurück Richtung Les Sables d’Olonnes. Dort schreiben die Fans des Vendéen schon mal ihre Willkommensplakate und rechnen nach, wann ihr großer, dickköpfiger Held wieder zurück sein wird. Wetten, dass sein Empfang dem eines Siegers ebenbürtig sein wird?

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Hier stimmte die Laune noch: Jeff am Äquator © pellet

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Michael Kunst

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4 Kommentare zu „Vendée Globe: Jeff Pellet durfte nicht mitsegeln, tat es dennoch und muss nun aufgeben“

  1. avatar looploop_andy sagt:

    Wieder einmal ein super cooler Bericht.
    Vielen lieben Dank für Deine Themen, Miku!
    Dichter dran geht einfach nicht

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 19 Daumen runter 0

  2. avatar Rdlprft sagt:

    Schön erzählte Geschichte. Leider mit tragischem Inhalt. Man fühlt regelrecht mit!

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  3. avatar Müller sagt:

    Haha.. da hat er hat sich doch ein Foil auf die Seite gemalt, sehr schön 😉

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  4. avatar Sven 14Footer sagt:

    Cooler Typ! Vielen Dank für diese Geschichte.

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