Vendée Globe: Jérémie Beyou kann sich das Finale kaum ansehen – “Es ist ein Alptraum”

"Ich kann nicht hinschauen"

Jérémie Beyou ist einer der großen Verlierer dieser Vendée Globe und doch ein Sieger – über sich selbst. Der Top-Favorit humpelt nach seinem Schaden dem Feld hinterher und mag gar nicht hingucken, was vorne an der Spitze passiert.

Auch Beyou muss im Mast kämpfen. © Jeremie Beyou / Charal

Es gibt bei dieser Vendée Globe wohl kaum eine härtere Folter als die von Jérémie Beyou. Der Mann, der als Top-Favorit mit seiner Charal gestartet war, nach einem Schaden umdrehen musste, lange über einen Neustart grübelte, nach neun Tagen wieder lossegelte und schließlich keinen Hehl aus seinen Selbstzweifeln machte, kämpft sich um die Welt um vielleicht noch 13. werden.

Die Speedkurve von Charal (schwarz) im Vergleich zu Apivia. Den Beweis möglicher Überlegenheit blieb Beyou schuldig.

Eine Zahl, die für ihn keinen Wert hat. 2600 Meilen sind es für ihn noch bis zum Ziel und es macht eigentlich keinen Unterschied, ob er nun 14. oder 13. in der Endabrechnung wird. Wie brutal muss das sein, die Spannung an der Spitze zu sehen, irgendwie mittendrin bei dieser Regatta zu sein und doch nicht dabei.

“Charal” nach Montage der Version2-Tragflächen. © Team Charall

Jérémie Beyou ist angetreten, dieses Rennen zu gewinnen. Nichts anderes als der Sieg zählte für ihn. Und er hatte im Nachhinein wohl die beste Entscheidung aller seiner Konkurrenten getroffen, den ersten Neubau nach der neuen IMOCA-Foiler-Regel aufs Wasser zu bringen. Er hatte mehr Zeit das neue Boot ausgiebig zu segeln und verlässlich zu machen.

Diese Strategie barg die Gefahr, dass die Gegner aus seinen Schwierigkeiten lernen und sie bei der Planung ihrer Neubauten einfließen lassen können. Tatsächlich sahen die jüngsten Designs der neuesten Generation anders aus als seine Charal.

Keine Rekordfahrt für Charal

Aber sie waren nicht wirklich schneller. Das konnte Beyou bei den letzten Testregatten vor der Vendée Globe beweisen. Die Pandemie sorgte schließlich dafür, dass die Gegner noch weniger Testmeilen sammeln konnten, als geplant. Die Zeit spielte für das Charal-Team. Was für ein Hohn, dass nun gerade Beyou ein technischer Schaden zum Verhängnis wurde.

Umso härter, dass er wieder lossegeln musste. Ob er es wirklich wollte, oder der Druck des Sponsors dahinter steckte, wird man wohl nie wirklich erfahren. Jedenfalls hätte Beyou noch etwas aus seinem Abenteuer machen können, wenn er irgendeinen Rekord gebrochen hätte. Eigentlich war vorhergesagt worden, dass die neuen Foiler deutlich den 24 Stunden IMOCA-Rekord brechen würden, den Alex Thomson 2018 noch mit seinem alten Boot auf 539.71 Meilen geschraubt hatte.

Jérémie Beyou bei seinen “Kaffeefahrt” um die Welt. © Jeremie Beyou / Charal

Stattdessen schaffte Thomas Ruyant am 21.11 im Atlantik den besten Wert mit vergleichsweise enttäuschenden 515.3 Meilen. Die Wetterbedingungen waren ungewöhnlich schlecht für die Spitzengruppe. Deshalb hätte man denken können, dass Beyou mit seinem späteren Start bessere Zahlen schreiben könnte. So war seine Kurswahl eigentlich egal. Er hätte hier und da ein wenig abfallen können und das Gaspedal 24 Stunden mal richtig durchdrücken können. Aber auch das ist nicht passiert.

“Das Meer ist spiegelglatt”

Auch Beyou musste sich durch endlose Flauten quälen und bekam seine Charal nur selten richtig in Schwung. Und nun, als sich dieses unglaubliche Finish dieser Vendée Globe abzeichnet, lag er Tage lang in der Doldrum-Flaute.

Beyou zeigt sein Satellitenbild vor den Dorldums. Die Wolken deuten auf anhaltende Flauten hin. So kommt es auch.© Jeremie Beyou / Charal

“Es ist ein Alptraum!”, bekundet er. “Nachts ist es schön mit dem Vollmond. Aber das Meer ist spiegelglatt. Es bewegt sich nichts. Das ist kein Spaß. Es ist das schlimmste Szenario, das ich mir vorstellen konnte. Ich bin mit 4 Knoten unterwegs, während die anderen 20 Knoten schnell um den Sieg in Les Sables segeln.

Auch das noch: Mega-Flaute in den Doldrums. © Jeremie Beyou / Charal

Ich habe in 30 Stunden keine Fortschritte gemacht. Es ist der Rest von dem, was Romain (Attanasio) erlebt hat. Die Doldrums sind zweigeteilt: einen sehr südlichen Teil auf der Höhe von Fernando de Noronha, und einen nördlicheren Teil, der noch vor mir liegt. Zwischen diesen beiden Abschnitten ist der Wind völlig zusammengebrochen. Romain hatte Böen und keinen Wind, und ich hatte überhaupt keinen Wind. Es ist eine riesige Zone, die sich sehr westlich ausdehnt. Ich habe keine Wolken und keinen Wind!”

Am Abend habe er nur einen kurzen Blick auf das Geschehen an der Spitze geworfen. Die Kurve im Osten scheint mir gut so wie sie Charlie segelt. Es ist spannend, aber ehrlich gesagt vermeide ich es, dabei zuzusehen. Es macht mich sehr traurig. Und ich werde nun  aufhören damit. Es ist für mich sehr schwer .”

Tracker

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

fünfzehn − 13 =