Vendée Globe: Trotz Seekrankheit und Segelschaden – Kojiro Shiraishi ist immer noch dabei

Der letzte Samurai

Der Japaner Kojiro Shiraishi segelt bei dieser Vendée Globe mit „DMG Mori“ einen der modernsten Foiler. Nach bitterem Pech zu Beginn der Regatta, macht er nun das Beste draus. Porträt des wohl außergewöhnlichsten Seglers Asiens.

Neulich bei der Vendée Globe. Oder besser: Tag 7 der aktuellen Einhand-Nonstop-Weltumseglung. Kojiro Shiraishi kann es nicht fassen – blickt er da wirklich gerade auf das Ende seiner Traum-Regatta? Oder träumt er einfach nur verdammt schlecht?

Nach mehreren Patenthalsen wegen eines zickigen Autopiloten, hatte der Japaner auf ein eher rudimentäres Ersatz-Autopiloten-System umgeschaltet. Doch auch diese Steuer-Automatik kam mit Windstärken um die 30 Knoten und einer miserablen See nicht klar und servierte Boot und Skipper eine erneute Patenthalse. Die dann x-tra-brutal ausfiel – das Groß krachte mit voller Wucht gegen das Lee-Want und riss im oberen Viertel des Segels der Länge nach durch. 

„Wer weckt mich aus diesem Alptraum?“

Eine Katastrophe. Tage später berichtet Shiraishi, dass er völlig perplex und wie gelähmt gewesen sei, es einfach nicht wahrhaben wollte. Das Großsegel ist gerissen! Und jetzt? Kann ihn bitteschön jemand aus diesem Alptraum wecken?

Das Großsegel in Fetzen © shiraishi/dmg mori

Schon die Nächte zuvor waren grauenhaft. Diese vermaledeite Seekrankheit! Wie übrigens viele andere Skipper in diesem Rennen, musste sich auch der Japaner mit schweren Seekrankheits-Symptomen während der ersten, ausgesprochen ruppigen Tage herumschlagen. 

Nicht zuletzt deshalb segelte Kojiro Shiraishi auf seiner nagelneuen DMG Mori eher verhalten, wollte das Boot nicht gleich über die Maßen pushen. Zudem galt Shiraishi trotz eines nagelneuen Foilers – Schwesterschiff der hoch favorisierten Charal – nicht gerade als Favorit, sondern bezeichnete sich selbst als Finish-Aspirant. Warum also schon zu Beginn irgendetwas riskieren? 

Doch dann reißt das Großsegel! 

Sofortige Beratungen mit dem Shore-Team, mit Segelmachern und der Organisation teilte die Szene beim Thema „Reparatur möglich oder nicht?“ in zwei Lager. Die Einen behaupteten steif und fest, dass die notwendigen Arbeiten auf See unmöglich zu bewerkstelligen seien. Andere plädierten zumindest für einen Versuch.

Wenn auch so eine Reparatur höchstwahrscheinlich mehrere Tage dauern und besonders ruhige Wetterbedingungen benötigen würde. Und eine Frage, die niemand beantworten konnte: Wird das reparierte Segel auch die zu erwartenden schweren Bedingungen im menschenleeren Southern Ocean überstehen?

Segelflicken, tagelang

Trotz allem machte sich Kojiro Shiraishi an die Arbeit. Nachdem er das Groß vollständig geborgen hatte, segelte er nur unter Vorsegel in eine ruhigere Wetterzone. Dort funktionierte der Japaner das Deck seiner DMG-Mori in eine Segelwerkstatt um. Und bastelte, nähte, bohrte, klebte das Laminat-Segel in nervenaufreibender Kleinstarbeit wieder zusammen. 

Happy New Year einmal ganz anders © shiraishi

Was hier in zwei Zeilen beschrieben wird, war in eine Dauer-Geduldsprobe, die fünf Tage in Anspruch nahm. So lange friemelte Kojiro Shiraishi herum, dann konnte er das Großsegel zumindest bis zum 1. Reff wieder setzen. Ein Freudentag! 

Dieses glückliche Gelingen kann allerdings auch damit zu tun haben, dass Kojiro Shiraishi mehrere kleine “Reise-Tempel” mit sich führt, vor denen er die jeweilige Gottheit anbetet und Mithilfe in kniffligen Situationen erbittet. Der Gott der Segelreparatur hat jedenfalls gespurt!

Rückstand zur Spitzengruppe: Ca. 1.400 Seemeilen. 

Doch Kojiro Shiraishi ist danach aber längst noch nicht zurück im Rennen. Zunächst muss er mehrere Flautenzonen durchstehen – hin und herschlagende Segel sind hier besonders gefährdet – bis er schließlich auf Rang 23 (von 28 verbliebenen Teilnehmern) der Flotte in den Indischen Ozean segelt. Rückstand zu den Leadern: ca. 3.400 Seemeilen. 

Die Veränderung der Platzierungskurve dokumentiert die Leidensgeschichte des Japaners.

Rückstände und Positionen im Topfeld interessieren den Japaner zu diesem Zeitpunkt aber schon längst nicht mehr. Vielmehr ist Duchkommen angesagt, egal wie. Wie oft oder selten Shiraishis DMG Mori auf die Foils „steigt“, weiß keiner. Die Tagesetmale sind, bei permanent gerefftem Großsegel, logischerweise auch nicht gerade berauschend. 

Kojiro Shiraishi legt eine Wetterboje im Southern Ocean aus © shiraishi

Doch im schwierigen Indischen Ozean und später im Southern Ocean entwickelt sich Kojiro Shiraishi zu einer Art „gute-Laune-Kommunikator“, der mit seinen Videos, Telefonaten und Instagram-Posts von Bord die europäische Szene immer wieder zum Schmunzeln bringt. Auch (oder weil) sie kein Wort von Shiraishis Muttersprache verstehen, in der der 53-Jährige redet. 

Der Zen-Bastler

Neben seiner sympathischen Kommunikation wundert man sich auch, wie locker der Japaner mit den Problemen an Bord umgeht. Die Traveller-Schiene bricht? Kein Problem. Ist kurz darauf schon wieder repariert. Die Rolle vom J3-Vorsegel ist beschädigt? Jep, schon wieder klargemacht. Die Elektrik spinnt zum wiederholten Male? Wird schon, irgendwie. Und, und und… Wie bei den meisten anderen Booten auch, bleiben Boot und Skipper auch hier nicht verschont vom täglichen Bruch- und Pannen-Gedöns. 

Dass sich die französische Hochseeszene im Heimathafen La Base/Lorient über Kojiro Shiraishis Fertigkeiten als „Préparateur“ überhaupt wundert, ist wiederum erstaunlich. Denn ein Blick in die Hochsee-Karriere des Japaners zeigt mehr als deutlich, dass man es bei ihm mit einem waschechten Seemann zu tun hat. auch wenn Hochseesegeln in Japan ungefähr den Stellenwert von Shōgi (beliebteste japanische Denksportart) in Europa einnimmt. 

Mit erzwungener “kleiner” Beseglung © Deregniaux/DMG Mori

Kojiro Shiraishi ist jedenfalls alles andere als ein unbeschriebenes Blatt, respektive Logbuch. 1963 in Tokio geboren, träumt er als kleiner Junge bereits von Abenteuern auf See. Obwohl weder Familie noch Freunde Bezug zur Seefahrt haben. Gegen Ende seiner Ausbildung auf einer Fachhochschule für die Handelsschifffahrt erfährt er, dass ein japanischer Taxifahrer, Yukoh Tada, die Open 50-Klasse beim BOC Challenge (1982-1983) gewonnen hat.

Damals DAS Einhand-Etappenrennen um die Welt. Eine Initialzündung für den jungen Möchtegern-Segler, der höchstens hin und wieder mal eine Jolle bewegt hatte. Aber nach eigenem Bekunden kein Manöver sauber ausführen konnte. 

Bei Meister Yukoh

So stand er also nach seiner Ausbildung irgendwann bei Yukoh Tada auf der Matte und löcherte ihn so lange, bis der einwilligte, ihn zum Preparateur auszubilden. Sechs Jahre lebte Kojiro Shiraishi ohne Bezahlung, nur gegen Kost und Logis bei seinem „Meister“. 

Der begeht Selbstmord – während der nächsten BOC-Challenge bei einem Zwischenstopp in Sydney. Shiraishi segelt dessen (neu gebauten) Open 50 wieder zurück nach Japan, baut ihn vollständig nach eigenen Ideen um (das Boot hatte sich als zu leicht und nervös herausgestellt) und startet schließlich zu einer Nonstop-Einhand-Weltumseglung. Die er nach 176 Tagen im Alter von 26 Jahren als bis dato jüngster Segler der Welt beendete. 

1998 segelt der Japaner – mittlerweile in der Szene als „der Samurai“ bekannt – bei Bruno Peyron auf der Explorer mit und bricht u.a. den Trans-Pazifik-Rekord. 2002 segelt er auf einem Open 40 beim Vorläufer des „Around Alone“ und wird Zweiter in seiner Klasse. 2006 kauft Kojiro Shiraishi einen IMOCA von Dominique Wavre, um wieder bei einer Einhand Weltumseglung mit Zwischenstopps teilzunehmen (Vorläufer von Velux 5). Er wird Zweiter nach Bernard Stamm. 

Aufgepasst, es wird kernig! © kojiro shiraishi

2008 ist der Samurai als Trimmer und Steuermann auf dem Katamaran Gitana 13 dabei, als dieser unter Lemanchois den Nordpazifik-Rekord bricht. 

Kojiro Shiraishi großer Mentor Yukoh Tada (nach dessen Vorname er alle seine Boote benennt) war 1989 eingeladen worden, um an der ersten Vendée Globe teilzunehmen. Doch der damals erfolgreichste Regattasegler Asiens konnte keinen Sponsor finden. Im „Spirit“ seines Meisters, wollte Shiraishi diese Lücke in den Vendée Globe Reihen unbedingt schließen. 2016 ist er mit seiner „Spirit of Yukoh“ endlich dabei – und muss auf Höhe Kap der Guten Hoffnung nach Mastbruch aufgeben. 

Neuer Sponsor, neues Glück

Ausgerechnet dieser Misserfolg machte ihn in Japan populär. Mit dem deutsch-japanischen Maschinenbau-Riesen DMG-Mori fand Kojiro Shiraishi schließlich einen finanziell potenten Sponsor, der ihm einen nagelneuen Foiler spendierte. 

SR berichtete darüber, auch im Zusammenhang mit der deutschen Hochseeseglerin Anna-Maria Renken, die mehrere Monate das Team managte. 

2019 und 2020 lag die DMG-Mori als eine der schönsten IMOCA in La Base/Lorient, wurde jedoch nur wenig bewegt. Während andere Teams trainierten bis zum Abwinken, war Kojiro Shiraishi bis auf die obligatorischen Einhand-Qualifikationen nur selten in Frankreich zu sehen. Durch die Szene ging sogar das Gerücht, er sei schwer erkrankt und seine Teilnahme bei der Vendée Globe noch nicht gesichert. 

Mit dem Finish beim Les Sables-Arctiques-Les Sables machte Kojiro jedoch deutlich, dass er von früheren Erfahrungen auf See durchaus zehren kann. Um schließlich erneut als erster Asiate bei der Vendée Globe zu starten. 

Die aktuelle Position von DMG Mori (grau) vor der brasilianischen Küste.

Derzeit segelt der Japaner, weiterhin bestens gelaunt unter seinem selbst geflickten Großsegel im ersten Reff, bereits wieder im südlichen Atlantik, auf Höhe Brasilien. Streng nach dem Motto „Repariertes hält besser als Neues“ hat der Kojiro Shiraishi ohne weitere Dramen den Southern Ocean bestanden, ist überglücklich am Kap Hoorn vorbei und fühlt sich bereits auf der Zielgeraden.

Sein Abstand zu den Führenden beträgt weiterhin mehr als 3.200 Seemeilen. Doch was heißt das schon? Kojiro Shiraishi ist seinem Kindheitstraum treu geblieben und hat nun alle Chancen, die Regatta seines Lebens auch zu Ende zu bringen. Meister Yokoh Tada wird ihm von Wolke Sieben im Skipper-Himmel wohlwollend und zufrieden dabei zuschauen! 

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Vendée Globe: Trotz Seekrankheit und Segelschaden – Kojiro Shiraishi ist immer noch dabei“

  1. Wieder ein Artikel von Michael Kunst, der seglerische Expertise mit menschlicher Tiefe verbindet. Das Porträt stellt Kojiro Shiraishi vor und weist durch das individuelle Bild dieses Mannes hindurch auf grundlegende menschliche Fragen wie “Was ist Erfolg?”. Berührend und spannend gleichzeitig.

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