Vendée Globe: Letzte Online-Pressekonferenz mit Boris Herrmann – eloquent und cool

Mit OSCAR und Christopherus rundum

Eine PK, die sich erfreulich informativ gestaltete: Boris Herrmann zeigt sich mental, physisch und organisatorisch „auf den Punkt vorbereitet“ für die Vendée Globe.

Boris Herrmann © Andreas Lindlahr

Um ganz ehrlich zu sein: Pressekonferenzen, die bekannte Sportler mit Vertretern unterschiedlicher Mediengattungen abhalten, sind für die jeweiligen Fachjournalisten oft nur von tertiärem Interesse. Da wird (verständlicherweise) für die eher weniger gut Informierten vieles erklärt, was die Kollegen mit etwas mehr Know-how in der Materie längst ihre Lesern und Zuschauern bis ins kleinste Detail verdeutlicht haben. Und es werden Fragen gestellt, die für die jeweilige Sportszene längst beantwortet wurden. 

Man kann das gut vor großen Hochseeregatten, etwa in Frankreich beobachten. Gerade weil dort Hochseesegeln so eine große Aufmerksamkeit in der Bevölkerung genießt, tauchen zum Start großer Regatten wie etwa der Vendée Globe Medienvertreter u.a. von Frauenzeitschriften, TV-Magazinen, Boulevard-Zeitschriften oder Tageszeitungen aus dem Alpen-Raum auf, die dann Fragen stellen wie „Wer steuert das Boot, wenn sie mal schlafen müssen?“ oder „Haben Sie keine Angst, so alleine auf dem weiten Meer?“ oder „so ein großes Boot, da wird man doch nicht nass, oder?“ Wohlgemerkt, alles verständlich und nachvollziehbar, nur eben nicht für alle gleichermaßen interessant. 

Ein Mann, ein Boot, einmal rundum © Team malizia /liot

Der deutsche Vendée Globe Teilnehmer Boris Herrmann hat nun gestern eine seiner letzten virtuellen Pressekonferenzen vor dem Start am 8. November gegeben. Und gezeigt, dass es durchaus positive Ausnahmen von der oben angedeuteten Regel geben kann. In einer Stunde beantwortete er eloquent und cool alle Fragen, die aus der Runde von ca. 20 Journalisten und Journalistinnen gestellt wurden. Dabei gab es durchaus auch Informationen, die ein Fachpublikum wie die SegelReporter-Gemeinde interessieren könnte. Auch dann, wenn man der Meinung ist, schon alles über den ersten deutschen Vendée Globe-Teilnehmer gelesen zu haben. 

Corona und kein Ende 

  • Boris wird noch bis zum 30. Oktober in Hamburg bei seiner Familie bleiben und alle bis dahin nötigen Meetings mit seiner Shore Crew (vor Ort in Les Sables d’Olonnes) oder mit den Vendée Globe-Organisatoren online abhalten. 
  • In diesem Zeitraum wird sich Boris weitgehend von allen anderen Personen isolieren bzw. buchstäblich fernhalten und Nahrungsmittel nach Hause liefern lassen.
  • Am 6.11. wird Boris Herrmann gemeinsam mit allen Vendée Globe-Kollegen und -Kolleginnen auf COVID 19 getestet. Sollte der Test positiv ausfallen, würde dies – nach weiteren Absicherungs-Testverfahren – unweigerlich ein Startverbot für Boris nach sich ziehen.
  • Über die Möglichkeit, dann einen Ersatzmann (Will Harris) mit der „Seaexplorer“ auf die Reise zu schicken, äußerte sich Boris eher verhalten: Das werde gegebenenfalls im Team entschieden.

Menschliches

  • Boris Herrmann wird – wie übrigens viele andere Vendée Globe-Teilnehmer auch – einen Glücksbringer mit an Bord nehmen: Boris zeigte ein kleines Medaillon, auf dem Christopherus (Schutzpatron der Reisenden, zu Wasser, Land und in der Luft) zu erkennen war. Und ein Buch mit „weisen Sprüchen“ nimmt er sozusagen zur Erbauung ebenfalls mit auf seine Tour um die Welt.
  • So oft wie nur möglich will Boris über Internet in Kontakt mit seiner Frau und seinem erst vor Kurzem geborenen Kind bleiben. „Das hilft mir erfahrungsgemäß am besten über einsame Stunden hinweg.“
  • Boris hatte sich zu Beginn seiner Vendée Globe-Kampagne einen Plan zurecht gelegt, nach dem er nun, noch vor dem Start, bereits die meisten Hürden gemeistert habe. 12 Kaps habe er aufgeführt, u.a. Sponsoren-Suche, Qualifikation etc. Nun seien “nur noch” das Kap der Guten Hoffnung, Cap Leuwin und das Kap Hoorn abzuhaken.

Ein IMOCA-Weltumsegler muss alles können. Alles! © Andreas Lindlahr

Wetter und Schlaf 

  • Boris verbringt zwar einen großen Teil seiner Zeit vor dem Start zu einer Regatta wie der Vendée Globe mit Wetterstudien, dem Zusammentragen von wichtigen Links, Informationen, Dateien etc. für eine spätere Analyse der gegebenen Daten an Bord, konzentriert sich jedoch erst drei Tage vor dem Start auf die aktuellen Wettersituationen. 
  • „Ich habe keinen festen Rhythmus, der Schlaf wird vom Wetter diktiert.“ Gleichmäßige Passatwinde ziehen einen gleichmäßigen Rhythmus an Bord nach sich. Dann findet Boris nachts relativ viel Schlaf und ist tagsüber wach. Das ändere sich in Schlechtwetter-Situationen oder bei stark böigen Winden, wenn er häufig Manöver fahren, Segelstellungen ändern oder den Kurs korrigieren muss. Das Ziel sei, so Boris weiter, niemals richtig müde zu sein. 
  • In der ersten Woche rechnet Boris damit, dass er erschöpfter sein wird als in den darauf folgenden. Der Start-Stress und die „neue“ Situation ermüden Körper und Geist. Es müssen erst wieder „Seebeine wachsen“, sagt Boris.
  • Schlafrhythmus: nachts nie länger als eine Stunde, dann check an Deck, Trimmen und nächste Schlafeinheit. Bei schlechten Bedingungen selten länger als eine Viertelstunde.

Klimaschutz

  • Bekanntlich nimmt Boris Herrmann Messungen von Bord aus vor, die der Wissenschaft wichtige Daten zum besseren Verständnis und zu den Auswirkungen des Klimawandels liefern. Vor allem im Southern Ocean können von seiner „Seaexplorer“ aus Informationen gesammelt werden, die sonst nur sehr schwer verfügbar wären.
  • Zur Datengewinnung wurde im Boot eine Maschine von der Größe eines Koffers installiert. An der Kielfinne wird Wasser angesaugt und durch diese Maschine geschickt, die den PH- und CO2-Wert im Wasser misst. Da man den CO2-Wert nicht über Satellit messen kann, sind diese Daten aus den unzugänglichen Ozeangebieten für die Klimaforschung besonders wertvoll.

Technik

  • Die „Seaexplorer“ ist mit dem OSCAR-Vorausschau-System ausgerüstet (SR-Artikel). Spannend: Herrmanns Shore-Crew ist es wohl als erstem Team gelungen, Autopilot und OSCAR so zu koppeln und konfigurieren, dass der Autopilot bei einer „Gefahr-voraus-Meldung“ durch OSCARs Thermo-Kameras rasch, verlässlich und exakt reagiert: Anluven auf der Kreuz, Abfallen bei raumen Kursen.

Ackern, mehr als 70 Tage lang ackern! © Andreas Lindlahr

  • Um Wal-Kollisionen zu vermeiden, setzt Boris Herrmann ähnlich wie Alex Thomson (SR-Artikel) auf ein Pinger-System, das mit Geräuschen auf bestimmten Frequenzen die Wale über längere Distanzen hinweg warnen soll. Ein System, das bereits bei der Hochsee-Netzfischerei gute Erfolge erzielen konnte. 

Ausrüstung

  • 10 große Taschen nimmt der deutsche IMOCA-Segler für die Vendée Globe mit an Bord: 5 für Proviant, 5 für Ersatzteile und Ausrüstung.
  • 80 Tüten Proviant (obwohl seine Weltumseglung möglichst nicht so lange dauern wird, wie Herrmann betont) nimmt der Deutsche aufs Boot. 
  • Was nach Manövern wie Wenden und Halsen im Boot von einer Seite auf die andere „händisch“ bewegt werden muss: 150 kg Proviant, 170 kg Ersatzteile, 1 Ersatzruder (30 kg), diverse Kompositteile, darunter 22 kg Kompositmasse, die auch im Nassen verwendet werden kann, eine komplette Taucherausrüstung, 1Treibanker. 

Favoriten 

Boris Herrmanns Top-Favoriten für die kommende Vendée Globe: Charlie Dalin auf „Apivia“, Alex Thomson auf „Hugo Boss“, Thomas Ruyant auf „LinkedIn“ und Jeremie Beyou auf „Charal“. 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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