Vendée Globe: Letztplatzierter Destremau nach 124,5 Tagen im Ziel – Reise zu sich selbst

Ende einer Ewigkeit

Destremau, Vendée Globe, Letztplatzierter

Zehntausende warteten auf den letzten Finisher dieser Vendée Globe © vendée globe

Zuletzt wollte er nur noch das Eine: Essen! Denn sein Törn dauerte gut zwei Wochen länger, als er schlimmstenfalls befürchtet hatte. Epische Reise in die Tiefen der Einsamkeit

„Das Leben ist ein langer, nicht immer ruhiger Fluss. Vor allem während der Vendée Globe,“ sagte ein noch sichtlich gelassener Sebastien Destremau während einer seiner täglichen Video-Übertragungen von Bord. Damals segelte er noch im Atlantik auf Höhe Argentinien und freute sich bereits auf „echtes französisches Essen“ und „nicht so einen Fraß aus dem Beutel.“ Destremau ahnte noch nicht, dass er bald mangels Nahrung ziemlich viel von frugalen Mahlzeiten träumen sollte. Tage später klangen seine Botschaften zwar immer noch ziemlich cool, hatten aber einen gewissen genervten Unterton: „Es wird Zeit, verdammt nochmal“ oder „wenn ich jetzt abdrehe, schaffe ich es zum Abendessen nach Rio. In vier bis fünf Tagen, aber immerhin reicht das, um einen Platz im Restaurant zu reservieren!“ Etwas philosophischer wurde er dann im nördlichen Atlantik, als Europa schon zum Greifen nahe war, die Essenrationen auf einen Beutel Astronautennahrung pro Tag reduziert waren, die Angelei an der Schleppleine nur selten hungerstillende Ergebnisse brachte: „Die Ewigkeit ist ziemlich lang … vor allem gegen Ende!“ Ein Ausspruch, den man für Destremau erfinden müsste, hätte ihn nicht schon Woody Allen vor Jahren vor sich hingemurmelt.

Selbstdarsteller und feinfühliger Nachfrager

In der Nacht von Freitag auf Samstag um ein Uhr morgens beendete Sebastien Destremau schließlich seine ganz persönliche Vendée Globe-Ewigkeit nach 124 Tagen, 12 Stunden, 38 Minuten auf Rang 18. Dass er somit 50 Tage nach dem Sieger Armel le Cleac’h ins Ziel kam und ergo Letzter dieser Vendée Globe war, spielte eine eher tertiäre Rolle. Der gebürtige Bretone, der sich sein Leben in Toulon am Mittelmeer eingerichtet hat, machte nie ein Hehl raus, einfach nur ankommen zu wollen. Und das ist ihm schließlich gelungen – also: Chapeau!!!

Destremau, Vendée Globe, Letztplatzierter

Begnadeter Selbstdarsteller © destremau

Der Journalist und Profisegler Destremau ist das, was die Franzosen eine „grande gueule“ nennen: Ziemlich loses Mundwerk, nie um eine Antwort verlegen, Selbstdarsteller aber auch ein guter Zuhörer und feinfühliger Fragensteller. Was dem studierten Journalisten wiederum für seine Arbeit an seinem Video-Blog (der auch bei SR häufig veröffentlicht wurde) unter den Segelkollegen viel Respekt und noch mehr Sympathien einbrachte. 

Diese „grande gueule“ hatte noch bis vor zwei-drei Jahren immer wieder behauptet, dass ihn diese Einhandsegelei persönlich eigentlich nur wenig interessiere. „Ist toll, was die Leute das draußen machen, aber mir ist der America’s Cup mit Restaurantbesuch zur Lagebesprechung und gemütlichem Bett im Hotelzimmer irgendwie lieber,“ soll er vor Jahren einmal geäußert haben. 

Fünf America’s Cup auf der Liste

Tatsächlich ist Destremau so etwas wie ein Regattasegler par excellence, nur eben nicht auf dem „Großen Blau“. Auf seiner Erfolgsliste stehen immerhin drei Europameister- und sechs Weltmeistertitel, fünf Team-Teilnahmen am America’s Cup, eine Olympische Kampagne im Flying Dutchman, ein Sieg beim Sydney-Hobart-Race und jetzt dann eben doch eine Weltumseglung im Rahmen der Vendée Globe. Zu der kam er dann ein wenig wegen seiner großen Klappe, denn als er die vorletzte Vendée Globe 2012-13 für einen TV-Sender kommentierte, begeisterte er sich mehr und mehr für diese Rundum-Regatta und ließ schließlich in einem Nebensatz fallen, dass er das wohl auch mal mitmachen müsste… 

Destremau, Vendée Globe, Letztplatzierter

Zuletzt gab es nur noch herzlich wenig zu futtern © destremau

Seine Fans, Freunde und Familie nahmen ihn beim Wort und da Destremau ein Mann ist, der zu selbigem steht, suchte der angehende Hochseeskipper „die billigste, noch schwimmende IMOCA, der man eine erneute Weltumseglung zutrauen könnte“. Die fand er 2015 in Südafrika: Die (heutige) „Techno First Fast Ocean“ wurde 1998 zu Wasser gelassen und hatte bereits zwei Mal die Vendée Globe überstanden: Mit Josh Hall (Neunter 2001/2002) und Steve White (Achter 2008/2009) war sie ohne große, strukturelle Schäden durch ihr anstrengendes IMOCA-„Leben“ gegangen. Wenn auch mit festem Kiel und somit deutlich langsamer als die anderen IMOCA mit ihrem Schwenkkiel, ganz zu schweigen von den Foilern, war also von vornherein klar, dass Destremau sich hinten im Regattafeld einreihen würde. „Ein Umstand, den ich als leidenschaftlicher Regattasegler nur wenig prickelnd finde,“ sagte er Wochen vor dem Start. 

Einem, der eigentlich bei „normalen“ Regatten bitteschön möglichst ganz weit vorne segeln will und nun dazu verurteilt wurde, das Feld vor sich herzutreiben, bleiben somit nur wenige Möglichkeiten, wie er sich selbst und seine Weltumseglung in der wohl aufwändigsten und härtesten Regatta der Welt rechtfertigen kann. Da wäre zum Einen die Selbstvermarktung, die ihm mit wirklich sehens- und hörenswerten, launigen Videonachrichten von Bord immer hervorragend gelang (logischerweise in Französisch) und natürlich die Selbstverwirklichung als Abenteurer, Segler und Eremit. 

Schwer lastende Einsamkeit

Vor allem an seiner selbst auferlegten Klausur hatte Destremau wohl reichlich zu knabbern. Schon im Indischen Ozean, als erst ein Drittel der Strecke zurückgelegt war, litt der Segler an chronischer Einsamkeit und sprach von der „enormité de la solitude“, die ganz offenbar schwer auf ihm lastete. Das besserte sich ein wenig, als er schlicht keine Zeit mehr zum Nachdenken hatte. Im Indischen Ozean brach er sich mehrere Rippen an, als sich seine IMOCA „aufs Ohr legte“; vor Tasmanien musste er in einer Bucht einen Pitstopp einlegen und gemäß der VG-Regeln alleine in seinem Mast Reparaturen vornehmen. Im Southern Ocean verabschiedete sich der Motor, so dass die Energieversorgung an Bord höchst problematisch wurde, auch wenn der Skippper immer wieder Reparatur-Versuche unternahm. Und später im Atlantik stand irgendwann knietief Wasser im Boot und verdarb ihm einen Großteil seiner Nahrung. Doch da hatte er schon längst den Schalter auf „stur“ gelegt und wollte um alles in der Welt finishen: „Ich werde doch nicht wegen ein bisschen Bauchgrummeln ein paar Tausend Seemeilen vor dem Ziel abdrehen!“

Destremau, Vendée Globe, Letztplatzierter

Großer Bahnhof bei der Ankunft am Steg © destremau

So kam es, dass Destremau „mit dieser Vendée Globe-Kampagne viel über sich selbst lernte, standfester, ausdauernder und vor allem mental gestärkt wurde“, wie er immer wieder vor und während der Regatta betonte. Eigenschaften, die er übrigens auch im Vorfeld der Vendée Globe schon austesten konnte. Denn während seiner Vorbereitungsphasen, die Destremau alleine bestritt, erlebte er so ziemlich alle Hochs und Tiefs, die man als Hochseesegler haben kann. In einer der (ganz kleinen) Qualifikationsregatten wurde er sogar Erster, doch brach ihm auch zwei Mal der Mast. Die Zeit drängte, und als er am 6. November mit den anderen Vendée Globe-Teilnehmern Les Sables d’Olonnes hinter sich ließ, hatte er zuvor noch nicht ein einziges Mal seinen neuen Satz Segel ausprobiert. Eines war jedoch damals schon sicher: Sein Budget von 350.000 Euro hatte er deutlich überstrapaziert!

Familienclan macht’s möglich

Apropos Budget. Wer von suboptimalen finanziellen Bedingungen redet und immer wieder betont, dass er ohne die professionelle Hilfe von erprobten Preparateuren, Trainern oder eben Rennställen ausgekommen sei, der muss auch berichten, warum ihm dies gelang. 

Bei Destremau lautet die Antwort hierauf jedenfalls: Destremau! Ohne die Hilfe seiner vier ebenfalls segelfanatischen Brüder wäre die Kampagne wohl gleich nach Aufkeimen der Idee wieder ad acta gelegt worden. Wie so oft in den letzten Jahrzehnten hielt der Destremau-Clan auch bei der spinnerten Vendée Globe-Idee zusammen wie Pech und Schwefel. „Wir haben das Boot in Toulon vorbereitet und das ohne jegliche Ahnung, was wirklich wichtig ist bei solchen Strecken!“ Ohne Hilfe der „Bretonen“ bereiteten sie die IMOCA nach „bestem Wissen und Gewissen“ vor. Immerhin so gut, dass sie – im Gegensatz zu den Booten mancher finanziell potenter Rennställe – bis zuletzt durchhielt. 

Die Brüder spielten auch bei der Vorbereitung auf dem Wasser eine Schlüsselrolle und stellten (Familienehre!) die Shore-Crew während der Regatta. Und „Ma Dalton“, die 85-jährige Mutter des Familienclans wird in Anspielung auf die Lucky Luke-Figuren so genannt, reiste schließlich alleine im Auto quer durch Frankreich, um ihrem Sohnemann bei der Ankunft zuzujubeln.

Destremau, Vendée Globe, Letztplatzierter

Mit “Ma Dalton” bei der Pressekonferenz © vendée globe

Als der ausgehungerte Destremau schließlich am Samstag Nachmittag – auch er musste nach der Zieldurchfahrt auf die Flut warten, um durch den berühmten Chenal zu kommen  – sich wieder in Les Sables d’Olonnes präsentierte, war das Begrüßungskomitée ähnlich zahlreich erschienen wie beim Start zu der Weltumseglungsregatta. Wieder jubelten Zehntausende entlang der Quais, warteten einige Konkurrenten, die schon Wochen und Monate vor ihm angekommen waren, auf den „letzten Helden“. Emotionsgeladene Momente, bei der es sogar der „grande gueule“ Sebastien Destremau mitunter die Sprache verschlug. 

Empfang wie beim Sieger

Doch schon bei der anschließenden Pressekonferenz lief der gefeierte Skipper wieder zur üblichen Hochform auf. Unter dem Motto „die Letzten werden die Ersten sein“ kündigte er an, dass im Moment die Rotationsmaschinen anlaufen, um sein Buch über die Vendée Globe zu drucken. Alles war schon vorbereitet, man wartete nur noch auf einige Fotos vom Jubelempfang in les Sables d’Olonnes. Den Text hatte Sebastien unterwegs geschrieben und über Satellit nach Frankreich geschickt. „Das war ich mir als Journalist und als Segler schuldig!“  sagte er. Letzter im Hafen, erster in den Buchhandlungen – na bitte! 

Destremau, Vendée Globe, Letztplatzierter

“Ich würde sofort wieder rausfahren!” tönte er schon Stunden nach seiner Ankunft. Nicht alle glaubten ihm… In der Hand hält Destremau einen selbst gebastelten “Schlüssel”, auf dem er die drei Großen Kaps, die er umrundete, verewigte.

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Michael Kunst

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