Vendée Globe: Meteorologen prognostizieren 100 sm Abstand zwischen Rang 1 und 8

Es wird eng!

Das Spitzentrio der Vendée Globe wird ausgebremst, nur Yannick Bestaven hat noch eine Fluchtkorridor vor sich. Paradox: Säuselnde Lüftchen in den „Furious Fiftys“. Herrmann und Joschke holen auf!

Es wird eher beschaulich in den nächsten Tagen © bestaven

Heute Morgen hatten die Redakteure der Vendée Globe für ihre Tages-Zusammenfassung eine ausgesprochen „poetische Feder“ in die Hand genommen . Das aktuelle Hochdruckgebiet, mit dem sich derzeit die Spitzengruppe dieser Vendée Globe beschäftigen muss, beschrieben sie (durchaus treffend) als einen „dicken, weichen Bauch“, der sich an die (virtuelle Linie) der Eiszone anschmiegt. Ein Bauch, der sich dort durchaus bräsig noch eine Weile breit machen wird. Wobei der Begriff “bräsig“ wiederum aus dieser deutschen Tastatur stammt, aber lassen wir das. 

Mit dem Hochdruckgebiet rumschlagen

Man kann es auch anders formulieren: Das Spitzentrio Bestaven, Dalin und Ruyant müssen sich mitten in den angeblich so Wütenden Fünfzigern mit einem Hochdruckgebiet herumschlagen, das Azoren-Hoch-Qualitäten aufweist. 8-10 Knötchen Wind bedeuten für die drei Foiler, dass sie alles, bloß nicht foilen können. Was sich logischerweise auf das Etmal des Trios niederschlägt: Leader Bestaven schaffte gerade mal ein VMG von 10,3 kn während der letzten 24 Stunden. Nervenaufreibend!

Rund um das Christbaumkugelhoch © vendée globe

Doch Yannick Bestaven zeigt in dieser Phase auch, dass er ein echter Allrounder ist. Er schlittert halsend an der virtuellen Eisgrenze entlang und bleibt so in den äußeren, etwas windreicheren Zonen, während seine Verfolger Dalin (91 sm Abstand) und Thomas Ruyant (165 sm) sich weiterhin eher am inneren, deutlich windärmeren Wirbel des Hochdruckgebietes orientieren. Warum sie diesen eher ungünstigeren Weg gewählt haben, erschließt sich nicht so ganz. Dalin hat im Laufe des Vormittags seinen Irrtum offensichtlich erkannt und segelt nun auch gen Süden Richtung Eisgrenze.

Maitre Coq – genau so dürfte Yannick bestaven derzeit NICHT unterwegs sein © bestaven maitre coq

Letztendlich werden sie länger in den Schwachwindzonen bleiben müssen, als Leader Bestaven. Der kann, mit ein bisschen Glück, auf einen 5-6 kn stärkeren Korridor hoffen, der sich ab Freitag entlang der Eisgrenze öffnen könnte. Vorher muss Bestaven allerdings ein starkes Bremsmanöver in Kauf nehmen, weil das kleine Hochdruckgebiet (Achtung: Poesie) von Nordwesten her über ihm hinweg schmelzen wird. Rein theoretisch bleibt für Ruyant dann nur noch eine Chance, auf Bestavens Zug aufzuspringen: In dem Moment, wenn der Führende in den nächsten Tagen kurz abgebremst wird, durch „das Bauchfett“ mit einem geraden Schnitt fahren, um so zumindest ein paar Meilen gutzumachen. 

O Du Fröhliche!

Auch die Verfolgergruppe, weiterhin angeführt von Boris Herrmann auf Rang 4, muss sich so langsam Gedanken darüber machen, wo sie das heilige Weihnachtsfest hinter sich bringen will. Häufig halsend, ganz unten an der „festlichen Bordure“ der Eiszone, oder weiter nördlich, mit Gegenwind die  „Christbaumkugel“ des Hochdruckwirbels umfahrend?

Für uns Beobachter aus der Ferne steht allerdings jetzt schon fest: Trotz eher schwacher Winde in der südlichen Hemisspäre wird das Weihnachtsfest zuhause vor dem Vendée Globe Tracker weiterhin spannend bleiben. 

Die Deutsch-Französin Isabelle Joschke bei der Arbeit © MACSF joschke

Apropos „schwache Winde“. Man muss sich das mal genüßlich auf der Zunge zergehen lassen: Da segeln die wohl schnellsten, jemals für eine Weltumseglungsregatta wie die Vendée Globe gebauten Rennmaschinen in einem der gefürchtetesten Gebiete mit dem bezeichnenden Namen „Wütende Fünfziger“ und werden… durch Schwachwindzonen abgebremst!  Schlimmer noch: Die    Foil-Helden laufen Gefahr, von den älteren IMOCA-Modellen ohne Foils wie sie Damien Seguin, Benjamin Dutreux oder Jean le Cam segeln, zumindest kurzfristig wieder eingeholt zu werden. So konnte zwar Boris Herrmann seinen Abstand zu Jean Le Cam, der ihm immer noch im Nacken sitzt, geringfügig vergrößern. Doch das dürfte sich in den bevorstehenden leichteren Windzonen gelinde gesagt bald wieder relativieren. Vor allem, weil beide ganz offensichtlich den nördlichen Kurs rund um den Hochdruckwirbel eingeschlagen haben. Und kreuzend dürfte der Foil-lose Le Cam nochmal schneller sein.

Bald nur noch 100 Seemeilen Abstand

Die Vendée Globe Meteorologen prognostizieren jedenfalls, dass ab Samstag der Abstand vom Erstplazierten bis zu Rang Acht – derzeit also Isabelle Joschke – nur noch 100 Seemeilen betragen könnte. Ein Szenario, das es übrigens bei einer Vendée Globe in diesen Breitengraden noch nie gab. Dabei dürfte jetzt schon sicher sein, dass die Karten des Spiels neu gemischt werden.

Segelt spitzbübisch das Rennen seines Lebens:jean le Cam © Le Cam

Eine, die von den aktuellen Leichtwindzonen eher profitiert, ist Isabelle Joschke. Auch sie gilt als Allrounderin, zeigte aber immer besonders gute Ergebnisse bei eher leichteren Windverhältnissen. Man kann zwar nicht davon reden, dass Isabelle „Gas gibt“. Aber ihre Position ist mit 502 Seemeilen Abstand zu Bestaven zumindest gefestigter – vor fünf Tagen hatte sie noch 150 Abstandmeilen mehr auf dem Zähler. 

Boris Herrmann weiterhin auf aussichtsreicher Position 4 © herrmann racing

Doch vielleicht sollten wir das ganze Geschwindigkeits- und Platzierungsvergleichsgedöns zumindest für die nächsten Tage einmal vergessen. Damit die Vendée Globisten in Ruhe ihr Weihnachtsfestchen zelebrieren können. Wenn sie auch Point Nemo noch nicht mal in der Nähe wissen – den am weitesten von Festland entfernten Ort unseres Blauen Planeten. Genau dort wollte Boris Herrmann nämlich einsame Weihnachten feiern! Aber das ist eine andere Geschichte, die wir bestimmt morgen klären. Nach der Online-Pressekonferenz auf Hoher See mit Boris Herrmann! 

Tracker

 

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Michael Kunst

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