Vendée Globe: Neue DMG MORI Global One – Blick mit Anna-Maria Renken hinter die Kulissen

Technik und Teamgeist

DMG Mori, IMOCA, Vendée Globe

Das Team und sein Boot – Segeln schweißt international zusammen © dmg mori

Treffpunkt Boot: Anna-Maria Renken und Charles Euverte über die organisatorischen und technischen Hintergründe der DMG MORI Global One-Kampagne.

So wie die „DMG MORI Global One“ da derzeit am Steg von „Lorient La Base“ liegt, hat das Boot tatsächlich etwas von einem Orca. Das schwarz-weiße Branding, die Foils wie Flossen aufgestellt – ein rasanter 60-Fußer, der sich jetzt schon ziemlich wohl in seinem Element zu fühlen scheint. Obwohl er noch kein einziges Mal unter Segeln elegant und rasant auf seinen Foils über die Atlantikwasser schweben durfte.

Wir sollten jetzt hier allerdings nicht allzu poetisch werden, denn letztendlich ist auch das Projekt „DMG MORI Global One“ nichts anderes als ein von Menschenhand geschaffenes, technisches Meisterwerk, das – von Skipper Kojiro Shiraishi und dem Shore-Team professionell geführt – mit dieser Art von Traumtänzerei nichts zu tun hat. Auch dieser IMOCA – gesponsert vom deutschen Werkzeugmaschinen-Hersteller DMG MORI – ist letztendlich ein Boot, das möglichst schnell, sicher und aufmerksamkeitsstark bei der nächsten Vendée Globe um die Welt segeln soll. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

DMG Mori, IMOCA, Vendée Globe

Charles Euverte, technischer Leiter des Teams, hinter “seinem” Foil-Aufholsystem © miku

Deshalb geht es beim SegelReporter-Gespräch mit dem Franzosen Charles Euverte (General Manager Technics) und der deutschen Hochseeseglerin Anna-Maria Renken (General Manager Operations) in erster Linie um technische und organisatorische Details Und um einen Blick hinter die Kulissen eines IMOCA-Neubaus.

SegelReporter: Charles, zunächst ganz profan: Wieviele Mitarbeiter waren und sind mit dem Bau Eures Bootes beschäftigt? Wieviele Stunden kommen da zusammen?

Charles Euverte: Derzeit sind wir 12 Mitarbeiter und ehrlich gesagt weiß ich noch gar nicht, wieviele Stunden wir vom DMG MORI Sailing Team mit dem Boot beschäftigt waren und sein werden. Aber bisher hat die Werft Multiplast ja die handwerkliche Hauptarbeit geleistet, und dort geht man von ungefähr 30.000 Arbeitsstunden aus.

SegelReporter: In der Szene ist schon seit einigen Monaten die Rede davon, dass eure IMOCA ein echtes „Sistership“ von „Charal“ sei, dem spektakulären IMOCA-Foiler, der mit Skipper Jeremie Beyou kürzlich die Fastnet-IMOCA-Wertung gewann. Kann man das tatsächlich so sagen?

Charles Euverte: Das kann ich im Prinzip bestätigen. Wir haben den selben Rumpf, den selben Decksaufbau, die selben Foils. Bei einigen, ebenfalls wichtigen Details haben wir allerdings unsere eigenen Ideen und Entwicklungen verwirklicht. Also: Ja, die Boote „Charal“ und „DMG MORI Global One“ sind eng verwandt.

SegelReporter: Ehrlich gesagt kommt mir das unter sportlichen Aspekten seltsam vor. Die IMOCA-Klasse hat zwar eindeutig festgelegte Klassenregeln, die aber auch einen relativ großen Spielraum für die jeweils ureigenen Ideen der Designer und Techniker lassen. Da ist man doch bemüht, immer einen Tick besser zu sein als die unmittelbare Konkurrenz.

Charles Euverte: Tatsächlich hat es eine derart enge Zusammenarbeit mit einem anderen Team während eines IMOCA-Neubaus bisher nur selten gegeben. Wir haben mit dem Charal-Team eine Vereinbarung, dank der wir ein breites Spektrum an technischen Informationen nutzen können.  Dass unterschiedliche Teams die gleiche Rumpfform nutzen, hat es bei den IMOCA schon oft gegeben.

Allerdings wurde dabei während und nach dem Bau selten richtig zusammen gearbeitet. Was DMG MORI mit Charal gemacht hat, ist da schon etwas Neues: Wir haben während der gesamten Bauzeit Informationen vor allem über die Zuverlässigkeit bestimmter Bau-Aspekte ausgetauscht, von technischen Werten aus der Praxis profitiert, aber auch Verbesserungsvorschläge eingebracht und realisiert, die uns ein- und aufgefallen sind.

SegelReporter: Das heißt, Ihr profitiert auch von den ganzen seglerischen Informationen, die „Charal“ während der letzten 10 Monate draußen auf See gesammelt hat? Segelkonfigurationen, Foil-Einstellungen etc. ?

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Anna-Maria Renken, General Manager Operations © dmg mori

Anna-Maria Renken: Nein, segeln müssen der Skipper und sein Team dann schon selbst! Solche Erfahrungswerte aus der Praxis machen letztendlich den Sport aus. Da würde sich das Charal-Team hüten, uns allzuviel zu verraten. Was aber auch nicht viel bringen würde, denn letztendlich ist dann doch jedes Boot anders, jeder Skipper hat seine eigene Art und Philosophie, sein Boot zu fordern.

Charles Euverte: Die Zusammenarbeit beschränkt sich wirklich nur auf den technischen Bereich. Wir erhalten z.B. Informationen über Schwachstellen in einzelnen Bootsbereichen, die erst in der Praxis erkennbar waren.

SegelReporter: Heute weiß man ja, dass Charal unter den neuen IMOCA besonders stark performt, vor allem was die Foil Technik anbelangt. Als das DMG MORI Sailing Team im Herbst letzten Jahres gegründet wurde, konnte man sich da noch nicht so sicher sein. Ich erinnere mich an Reaktionen hier im Hafen nach den ersten Charal-Ausfahrten auf den Foils, aus denen man eine gewisse Skepsis in Bezug auf die Robustheit des Bootes heraus hören konnte.

Charles Euverte: Die Entscheidung, welche Rumpfform und welche Foils man für den Neubau einer IMOCA benutzt, fällt man ja nicht aufgrund von Bildern und Videos, die während einer ersten Ausfahrt gemacht werden. Nein, wir sind häufig mit dem VPLP-Design-Team zusammen gesessen und für mich war nach intensiven Überlegungen klar, dass dieses Konzept das richtige für DMG MORI sein würde. Nicht zuletzt, weil es eigene Wege beschreitet.

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Bei der Überführung von Vannes nach Lorient, wo später dann der Mast gesetzt wurde © dmg mori

SegelReporter: Wie zum Beispiel bei der Form der Foils.

Charles Euverte: Im Gegensatz zu manchen anderen Designs haben unsere Foils einen geraden Schaft, auf dem letztendlich beim Foilen nicht allzuviel Gewicht lasten wird. Die Hauptlast wird der Tip, die äußere Extremität des Foils tragen. Dabei werden wir – wie bei Charal schon häufig gesehen – den IMOCA vollständig aus dem Wasser heben können.

SegelReporter: Stellt sich die Frage, wie lange man foilen kann? Stichwort Vendée Globe: Mit welchen Streckenlängen rechnet Ihr denn so auf Foils? 20 Prozent der Weltumseglung? 10 Prozent?

Charles Euverte: Das ist nur schwer zu beurteilen. Dieses spektakuläre, vollständige Abheben des Bootes ist nur unter hervorragenden Bedingungen möglich. Aber den Auftriebseffekt für einen Großteil des Rumpfes werden wir so oft wie möglich nutzen müssen. Ohne wird man jedenfalls nicht mehr erfolgreich segeln können, heutzutage.

SegelReporter: Auf was ist der technische Direktor dieses Projektes besonders stolz?

Charles Euverte: Dass wir im Zeitrahmen geblieben sind und exakt unsere Daten eingehalten haben. Das schaffen nur wenige Teams. Und im Detail freut mich besonders, dass es uns gelungen ist, einige technische Verbesserungen in das Boot einzubringen. Zum Beispiel haben wir ein völlig anderes System entwickelt und gebaut, mit dem wir die Foils ausfahren und einholen.

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Kiel-Aufhängung © dmg mori

Anna-Maria Renken: Ein weiterer spannender Aspekt in diesem Projekt ist, dass der namensgebende Sponsor einige wichtige Teile selbst produziert hat. So wurde zum Beispiel die Kiel-Aufhängung der „DMG MORI Global One“ und einige Teile im Bereich der Ruder auf DMG MORI-Maschinen hergestellt. Letztendlich segelt also immer ein Stück DMG MORI mit um die Welt. Darauf sind wir stolz, das schweißt zusammen.

SegelReporter: Zum Thema „Energie an Bord“ – wird es bei einem Mix aus Verbrennungsmotor und alternativen Energien bleiben?

Charles Euverte: Bestimmt. Wir wollen den Motor zwar so wenig wie möglich für den Energiehaushalt an Bord einsetzen, aber so ganz ohne wird es auf einer Weltumseglung für uns noch nicht funktionieren. Aber der Motor soll wirklich nicht im Mittelpunkt stehen – schon allein aus Umweltgründen und weil der dafür nötige Sprit reichlich wiegt! Ansonsten arbeiten wir mit Solarenergie und Hydrogeneratoren – was mittlerweile auf allen IMOCA bei der Vendée Globe Standard ist.

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Möven-Perspektive © dmg mori

SegelReporter: Warum seid Ihr anders/ was ist das Besondere an diesem Projekt?

Anna-Maria Renken: Das DMG MORI Sailing Team ist rundum international aufgestellt. Vom Skipper über die Projektleitung, das Design-Team, die Konstrukteure, die Werft bis hin zum Team hier vor Ort in Lorient leben wir multikulturellen Teamgeist. Und wenn wir alle gemeinsam jetzt auch noch sicher, schnell und ein wenig erfolgreich segeln, sind unsere Projektziele rundum erfüllt.

SegelReporter: Dank Euch Beiden für das Gespräch!

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Michael Kunst

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