Vendée Globe: Noch 13 Tage für Boris Herrmann – Attanasio bewusstlos nach Rippenbruch

"Es wird nicht langweilig"

Herrmann glaubt, dass er das aktuell schnellste Boot der Vendée-Globe-Spitzengruppe hat. Er kommt aber noch nicht richtig in Fahrt. Weiter hinten hat es einen Unfall gegeben.

Eigentlich war er darauf vorbereitet, in dieser Phase des Rennens ein Buch nach dem anderen zu lesen, sagt Boris Herrmann im Interview mit den Rennorganisatoren. So sei es ein wenig beim Barcelona Word Race vor zehn Jahren gewesen. Nach 80 Prozent der absolvierten Strecke ist die Vendée Globe normalerweise längst entschieden.

Der Wind hat sich auf über 12 Knoten stabilisiert, das reicht aber noch nicht zum Foilen.

So richtig kommt Herrmann noch nicht ins Fliegen. Aber es reicht eine Böe (wie kurz nach 10 h), um ihn auf 21 Knoten beschleunigen zu lassen.

Aber nun komme es ganz anders. “Wir haben ein lustiges, kleines Rennen.” Diese Regatta entwickele sich so wie die Testrennen vor dem französischen Port la Foret mit seiner Trainingsgruppe. Viele Gegner segeln eng beisammen. Man muss um jede Meile kämpfen.

“Das ist ein großer Bonus”, sagt der Deutsche. “Es wird nicht langweilig.” Und die Motivation bleibt hoch. Dabei schlägt der Skipper von Sailexplorer inzwischen deutlich andere Töne an, als noch vor wenigen Tagen. Damals stapelte er tief, sprach immer noch vom Ankommen als primäres Ziel. Nun macht er keinen Hehl mehr daraus, dass er ein wirklich gutes Ergebnis erreichen will.

Herrmann im Interview:

Die Medienarbeit hat er spürbar zurückgefahren. Herrmann konzentriert sich maximal auf die Segelei. Ihm ist offenbar bewusst geworden, dass er Historisches erreichen kann.

So überrascht er mit der Einschätzung, dass er seinem Schiff das mit dem theoretisch größten Potenzial in der Spitzengruppe hält. Nur kurz schränkt er ein, dass es auch Apivia sein könnte. Da weiß man allerdings nicht, wie sehr Charlie Dalin von dem Schaden behindert wird, den er an der Führung des Backbord-Foils erlitten hat. Er bastelte sich eine neue Aufnahme für den Flügel – dort wo er den Rumpf verlässt – kann damit aber vermutlich nicht den optimalen Anstellwinkel generieren.

Eine Regeländerung nach der vergangenen Vendée Globe erlaubt das sogenannte Foil-Rake von bis zu fünf Grad. Damit wird Auftrieb und Widerstand der Tragfläche stark beeinflusst. Die nächsten Stunden werden zeigen, welches Potenzial Dalin mit Wind von Steuerbord abrufen kann. Hat er bei seiner Bastelei den besten Winkel eingebaut?

Zehn Tage Backbordbug-Reaching

Herrmann freut sich jedenfalls auf die nächsten Tage. Nach wie vor hat er beste Karten, ganz weit nach vorne zu rutschen. Seine Routings besagen, dass er noch 13 Tage bis zum Ziel benötigt. Davon sollen zehn Tage Backbord-Reaching- drei Tage Vorwind-Bedingungen herrschen. “Nur vier Stunden am Wind. Es ist ein Traum.”

Im 18-Uhr Ranking hat sich der Rückstand von Boris Herrmann (grau) auf 88 Meilen stabilisiert.

Ob es wirklich so kommt, muss sich noch zeigen. Es sind nun Details, die über sein schnelles Fortkommen entscheiden. So hat er im Ranking zuletzt doch Meilen verloren. Die ersten vier Boote sind schneller aus der Flaute entkommen.

Nun ist der Wind zwar für Boris Herrmann stabiler geworden, er bewegt sich aber noch knapp unter der 13-14-Knoten-Grenze, die ihm verlässliche Flüge bescheren würde. Aktuell hat sich sein Rückstand zu Platz eins auf 88 Meilen stabilisiert. Damit hat auch er die Flautenzone endgültig verlassen und ist wieder so schnell wie die vier Foiler vor ihm. Die Nicht-Foiler zeigen nur ihre Schwächen. Damien Seguin neben Herrmann fehlt gut ein Knoten im Vergleich. Die Differenz dürft noch größer werden.

Heftige Kollision

Aber es sind eben noch 4500 Meilen zu segeln. Was noch alles passieren kann zeigt auch das Beispiel von Romain Attanasio, dem Lebensgefährten von Samantha Davies, der gut 1000 Meilen hinter Herrmann auf Platz 13 segelt.

Romain Attanasio nach seinem Sturz. © Romain Attanasio / PURE – Best Western Hotels and Resorts

Der Franzose ist das Opfer einer heftigen Kollision geworden. Er segelt in einer heftigen Front mit Böen bis zu 50 Knoten Wind und schwerem Seegang. Dabei ist der Skipper von ” Pure-Best Western” auf eine Winsch gestürzt. Er verlor für einige Augenblicke das Bewusstsein und verletzte sich an den Rippen. Das Schiff scheint aber in Ordnung zu sein.

Harte Bedingungen für Attanasio im Süd-Atlantik. © Romain Attanasio / PURE – Best Western Hotels and Resorts

Der Rennarzt hat ihm einige der mitgeführten Schmerzmittel empfohlen. Und laut Pressemitteilung gibt er sich beruhigt: “Nichts Ernstes, wahrscheinlich füf oder sechs Rippen gebrochen”. Attanasio selbst sagt auch, er sei in guter Verfassung. Nur bei der Arbeit am Grinder habe er Probleme.

Wenn weiter nichts ist… Er kann sich auf bessere Bedingungen weiter nördlich freuen.

Jean Le Cam genießt es. “Claque, Claque, Claque…”:

Tracker

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

drei × fünf =