Vendée Globe Porträt: Conrad Colman am Kap Hoorn – Vom Radrennfahrer zum Segel-Profi

Lässiger Kiwi

Conrad Colman (31) gilt als penibler Preparateur und höchst talentierter Segler. Mit einem uralten Boot segelt er besser als vorher gesagt. Der Neuseeländer plant eine Karriere im Hochseezirkus.

Irgendwann im Herbst 2016. Conrad Colmans IMOCA „100% Natural Energy“ liegt in Lorient am Steg des Hochseeregattahafens „Base“. Aus dem Inneren des Bootes sind laute Klopfgeräusche zu vernehmen, untermalt mit Flüchen in einem unverständlichen Kauderwelsch aus Neuseeländisch, Amerikanisch und Französisch. Der verschwitzte und verdreckte 31-jährige Coleman zeigt sich kurz an Deck, grüßt freundlich lächelnd, bevor seine Aufmerksamkeit von Geschehnissen hinter uns, auf der anderen Seite des Stegs in Anspruch genommen wird.

Vendée Globe, Colman, Porträt

Typ Dauergrinser, auch in unangenehmen Situationen: Conrad Colman © Colman

Dort marschieren gerade acht Gitana-Segler im einheitlichen Dress auf, grüßen im Vorbeigehen knapp in Richtung des Neuseeländers, springen auf ihre nagelneue IMOCA, um sage um schreibe zehn Minuten später bereits abzulegen für den nächsten Trainingsschlag auf dem Atlantik. Kurz bevor Colman wieder in den Tiefen seines eher betagten IMOCA verschwindet, fragt er noch:

„Willst Du den Unterschied zwischen der Gitana-Kampagne und mir hören? In deren Team sind 35 Leute, die seit mindestens zwei Jahren für nichts anderes als die Vendée Globe und Sebastien Josse ackern und rackern. Wir sind hier zu dritt: Meine Frau, meine Wenigkeit und ein Preparateur, der heute frei hat. Doch glaub bloß nicht, dass die mehr Spaß am Segeln haben, als ich!“

“Die See auf meiner Seite”

Szenenwechsel. Heute, kurz hinter Kap Hoorn, im Atlantik. Conrad Colman freut sich wie ein Schneekönig über die Rundung des mythischen und legendären Kaps. Es ist das dritte Mal, dass er bei einer Nonstop-Regatta das Hoorn passiert, jedoch das erste Mal solo.

Er wirkte fast schon ein wenig enttäuscht als er auf seiner Facebook-Seite notiert, dass er mit 20 Knoten Wind und einer eher ruhigen See schlicht ideale Bedingungen am sonst sturmumtosten Kap während der vergangenen Nacht vorfand. „Die See ist wieder auf meiner Seite,“ sagte er glücklich der Regattaleitung der Vendée Globe während des obligatorischen Satellitentelefonats.

Vendée Globe, Colman, Porträt

Zum dritten Mal am Kap Horn, zum ersten Mal einhand © Colman

Sebastien Josse hat auf seinem hochgezüchteten Foiler „Baron de Rothschild“ diese Vendée Globe längst aufgegeben und vielleicht hat der ewig lächelnde und immer heiter wirkende Kiwi Colman ja kurz über den alten Sinnspruch „Den Mutigen gehört die Welt“ nachgedacht. Nicht dass ein Josse oder die anderen Vendée Globe-Teilnehmer weniger Mumm in den Knochen hätten als er. Doch vielleicht macht die Art des Mutes den gewissen Unterschied aus.

Colman ist jedenfalls einer dieser Menschen, die ihren Mut aus einem offenbar unerschöpflichen Vertrauen holen: Vertrauen in sich selbst und in das Schicksal, das es bisher immer gut mit ihm gemeint hat.

Vertrauen ist alles

Noch vor wenigen Tagen konnte Colman seinen Mut, aber auch seinen Durchhaltewillen bei eher kritischen Situationen im Southern Ocean unter Beweis stellen. Da musste er sich stundenlang bei 50 Knoten-Böen mit einem im Masttopp flatternden Vorsegel herumschlagen, nachdem der Vorstag-Bolzen gebrochen war. Seine IMOCA krängte in hohem Seegang immer wieder bedrohlich. Der Rigg-Verlust drohte (SR-berichtete).

Colman verlor viel Zeit und ein wichtiges Segel. Seitdem war er nach eigenen Aussagen nicht mehr sportlich konkurrenzfähig und musste seinen 9. Platz an den Franzosen Bellion abgeben. Jetzt geht es nur noch darum, diese Vendée Globe zu beenden.

Aber bis dahin staunte vor allem die französische Segelwelt, wie gut sich der Neuseeländer auf seinem „alten Kahn“ (einer brasilianischen IMOCA aus dem Jahre 2005, die zuletzt für Firmen-Törns genutzt wurde) zwischen den anderen, deutlich jüngeren Booten mithält.

Tagelang segelte er auf gleicher Höhe mit seinem Barcelona-World-Race Partner, dem Ungarn Nandor Fa, dessen Boot zwar ohne Foils unterwegs, jedoch erst eineinhalb Jahre jung ist. Und als Colman schließlich das letzte der vier zu rundenden Kaps schaffte, lag er immer noch – trotz der zuvor erwähnten Havarien – auf Rang 10. „Bereit zum Aufholen!“ wie er immer wieder betont.

Vendée Globe, Colman, Porträt

Mut ist eine Sache des Vertrauens © Colman

Für den Neuseeländer ist nun die Tatsache wichtig, dass er „immer noch dabei ist“. Kurz vor seiner Abreise hatte der 31-Jährige häufig in Interviews betont, dass er mit dieser Vendée Globe seine Karriere als Hochseeprofi zementieren wolle.

„Nicht nur wegen meiner ersten Teilnahme ist diese Vendée Globe so wichtig, sondern auch, weil ich zukünftigen Sponsoren und wirtschaftlichen Partnern beweisen will, was ich drauf habe!“ Jetzt, wieder zurück im Atlantik, müsse er nur noch Ausdauer beweisen, schreibt er weiter auf Facebook. „Und davon habe ich wirklich mehr als genug!“

Ausdauersportler und Segler

Was man bei Colman wörtlich nehmen kann. Denn der erklärte Weltenbummler hat schon oft einen langen Atem gezeigt, der ihn letztendlich zum vorläufigen Ziel seiner Träume gebracht hat – die Vendée Globe-Teilnahme. Zuvor war der Neuseeländer tatsächlich im „echten Ausdauergeschäft ziemlich erfolgreich unterwegs.

Colman kommt zwar aus einer segelbegeisterten Kiwi-Familie, zog aber mit 15 Jahren in die USA, wo er das Radfahren für sich entdeckte. Er trainierte wie besessen auf der Straße, fuhr für mehrere kleine amerikanische Rennställe und zeigte sich höchst talentiert auf dem Mountain Bike. Nach Abschluss seines Wirtschaftsstudiums gründete er schließlich eine eigene Firma, die u.a. MTB Titanrahmen herstellte.

„Doch manchmal, wenn ich auf dem MTB durch die Wälder und Wüsten heizte, kam eine richtige Sehnsucht nach dem Meer auf,“ sagte er im Interview. „Und irgendwann musste ich diesem Drang einfach nachgeben“.

Vendée Globe, Colman, Porträt

Colman war einer der Ersten, die einhand auf hoher See auch eine Drohne zum Einsatz brachten © Colman

2006 zieht er nach England und wird Preparateur von Steve White, der die Vendée Globe 2008/2009 mitmachte. „Damals setzte sich bei mir der fast schon manische Gedanke fest: Du musst da auch mitmachen! Und zwar so bald wie möglich!“

Im gleichen Winter stellt Colman seine Koffer in Lorient ab, wo er bis heute lebt – wenn er nicht gerade auf dem Wasser ist. Im Kreise der Lorient-Hochsee-Champions macht er sich schnell einen Namen als penibler und fähiger Preparateur (u.a. für De Broc), zudem holt er sich erste Blauwasser-Erfahrungen mit einer ziemlich hektisch gestarteten Mini-Transat-Kampagne, die er allerdings bravourös auf der anderen Seite des Atlantiks beendet.

Vendée Globe, Colman, Porträt

Diese Vendee Globe soll meine Segelkarriere zementieren © Liot

Folgt im Jahr darauf die Teilnahme an der Route du Rhum auf einer Class 40 und die Teilnahme am Global Ocean Race (zweihand auf Class 40 in Etappen um die Welt) – ein Rennen, das er zum Erstaunen vieler souverän gewann. 2015 nahm er mit dem Ungarn Nandor Fa auf dessen kurz zuvor gewasserten, nagelneuen IMOCA teil und bei der Einhand-Regatta New York – Les Sables wurde er, als Qualifikationsmaßnahme für die Vendée Globe, Zwölfter.

Wohin soll das führen?

Doch wie gesagt, Platzierungen sind ihm noch nicht wichtig. Flagge zeigen ist vorerst angesagt. „Als junger Mensch ist man sich ja bis zu einem gewissen Alter nie so sicher, in welcher Richtung es weitergehen soll. Bei mir sind mittlerweile aber die Würfel gefallen: Wenn ich diese Vendée Globe durchstehe, will ich für immer im Segelsport bleiben, mir hier eine Karriere aufbauen,“ sagte Colman kurz vor dem Start.

Um dann hinzufügen: „Wohin das letztendlich führen soll? Keine Ahnung. Der Wind wird mich schon irgendwohin bringen!“ Ob man ihn wohl jemals an der Spitze eines 35-Personen-Teams in Uniform sehen wird? Wohl kaum, denn dafür wäre der Kiwi einfach viel zu lässig…

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Vendée Globe Porträt: Conrad Colman am Kap Hoorn – Vom Radrennfahrer zum Segel-Profi“

  1. avatar Johnny Rotten sagt:

    Sympathischer Kerl, sympathischer Artikel!!!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 8 Daumen runter 0

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