Vendée Globe: Probleme mit Herrmanns Vorsegel? – Seaexplorer hängt in Flaute fest

Die erste große Hürde

Boris Herrmann ist in den Doldrums bei der Vendée-Globe zurückgefallen. Trotzdem passiert er virtuell als Erster den Äquator. Kann er dranbleiben, bis die neuen Foiler richtig Gas geben?

Die schmerzliche Passage der Doldrums. Herrmann hat im Kielwasser von Burton (gelb) verloren und ist immer noch nicht ganz raus aus der Flaute.

Da war wohl ein Wunsch Vater des Gedanken, wie man so schön sagt. Französische Medien spekulieren, dass Boris Herrmann nicht mehr nicht sein gesamtes Segelinventar zu 100 Prozent intakt hat. Sie meinten, das an bestimmten Kurswinkeln und Speed-Entwicklungen zu erkennen.

Darauf angesprochen ob es tatsächlich ein Problem mit dem J2-Vorsegel gibt, sagt Boris Herrmann im Live-Interview von Bord kurz und knapp offenbar ein wenig angefressen: “Hmm lustig. Gerüchte. Keine Ahnung, wo das herkommt. Ich habe kein Problem mit meiner J2:

Allerdings hat er die erste von zwei großen Flauten-Hürden vor dem Zieleinlauf in etwa zehn Tagen nicht besonders gut genommen. Mit knapp 30 Meilen Rückstand auf Apivia ist er in die Flautenzone am Äquator eingesegelt, aber nun liegt er mehr als 60 Meilen zurück. Dabei hat er auf einem westlicheren Kurs die Doldrums schneller durchqueren wollen als Charlie Dalin und war dafür vor der Flaute hinter dem Franzosen nach Lee abgefallen.

West-Kurs zahlt sich bisher nicht aus

Dieser Positionierungswechsel von dessen Ost- zur West-Seite hat sich aber bisher nicht ausgezahlt. Dalin passierte die Kalmen genauso schnell wie Herrmann. Er liegt nun aber 75 Meilen weiter in Luv und kann einen schnelleren Winkel im nach links gedrehten Nordost-Passat steuern. Zwar muss sich zeigen, wie Dalin nun bei spitzerem Windwinkel mit seinem angeschlagenen Backbord-Foil klarkommt, aber vorerst ist dem Franzosen ein Punktsieg geglückt.

Auch gegenüber Louis Burton, der nach seinem Reparaturstopp schon 930 Meilen zurücklag und nun sogar als Erster den Äquator passierte. Der Franzose segelte genau vor Herrmann durch die Flaute, kam etwas besser durch, liegt nun aber auch deutlich in Lee von Dalin und muss einen langsameren spitzeren Winkel steuern.

Das unglaubliche Comeback von Louis Burton. Er lag schon 930 Meilen zurück.

Besser lief es noch für Thomas Ruyant, der Herrmann aktuell auf der Liste von Rang drei verdrängt hat. Im Flauten-Modus ist sein abgesägtes Foil kein Problem. Das dürfte ihn aber bei dem immer stärker werdenden Ostwind wieder stark behindern. Herrmann wird wieder deutlich schneller sein.

Schöner Sonnenaufgang in den Durldrums für Thomas Ruyant. Er ist wieder an Herrmann vorbei gezogen. © Thomas Ruyant / LinkedOut

Ruyant hat das schon bestätigt: “Leider bin ich nicht sehr schnell. Ich gebe nicht auf und versuche mitzuhalten. Aber es ist schwierig, mit Booten zu konkurrieren, die bei 100 Prozent wie Boris Hermann oder Louis Burton. Es ist keine schöne Situation für mich, so wie sich die Dinge gerade entwickeln.”

Herrmann mit Gutschrift Erster am Äquator

Zumal man immer noch nicht die Zeitgutschrift nicht aus den Augen verlieren darf. Berechnet man sie ein, war Herrmann damit klar Erster am Äquator. Aber mit nun 63 Meilen Rückstand kommt er langsam in den Bereich, bei dem das Polster aufgebraucht wird. Je nach Speed zwischen 10 und 15 Knoten sind in sechs Stunden 60 bis 90 Meilen zu machen.

Boris Herrmanns Abstand (grau) im Vergleich zu Apivia. Zuletzt hat er Meilen verloren.

Dabei muss er auch noch in den Rückspiegel sehen. Denn der lange Zeit führende Yannick Bestaven hat noch 4:15 Stunden mehr Zeit nach der Escoffier-Rettungsaktion gutgeschrieben bekommen. Damit läge er aktuell sogar vor Herrmann. Der Franzose muss aber noch das Gros der Flaute durchqueren und den Gummiband-Effekt ertragen.

Herrmann sollte die Quälerei langsam überstanden haben, er parkt allerdings immer noch und machte zuletzt kaum mehr als fünf Knoten Fahrt.

Herrmanns Quälerei in den vergangenen 24 Stunden. Um 16:30 schafft er immer noch nur vier Knoten Speed

Vor der Flautenphase gab sich Herrmann optimistisch. “Ich fühle mich gut”, sagt er im Interview. Er nehme jeden Tag wie er kommt und sehe noch nicht das große Bild. “Ich realisiere noch nicht so richtig, dass wir hier um den Vendée-Globe-Sieg segeln. Deshalb habe ich auch keinen Druck, keinen Stress.”

Aber der deutsche Skipper erklärt auch, dass sein Plan bei der Einfahrt in die Doldrums nicht aufgegangen ist. “Auf dem Breitengrad von Recife habe ich begonnen abzufallen um im Foiling-Modus Meilen nach Westen zu machen. Eine Zeit lang habe ich ziemlich viel  verloren, weil ich ein bisschen tief und langsam gesegelt bin. Ich hatte mir die Satellitenbilder der Flauten angeschaut und meinte, dass es im Westen besser laufen sollte. Aber dann war das nicht mehr wirklich der Fall.”

Ziel in zehn Tagen

Herrmann erwartet den Zieleinlauf in etwa zehn Tagen. Vier davon seien auf einem harten Raumschotskurs zu bewältigen und vier weitere bei Vorwind-Bedingungen. Die übrigen beiden entscheiden wohl diese Vendée Globe. Nach den Kanarischen Inseln muss ein Hochdruckbereich durchsegelt werden bevor die Spitzengruppe den starken Nordwestwind erreicht, der sie mit Wind von Steuerbord in Richtung Les Sables d’Olonne beschleunigt. Das sind besonders gute Nachrichten für Charlie Dalin und Thomas Ruyant. Sie können dann mit ihrem intakten Foils alles aus ihren Verdier-Neubau-Fliegern herausholen. Unterschiede bis zu drei Knoten zur älteren IMOCA-Generation sind möglich.

Für Herrmann geht es darum, dranzubleiben. Dalin sagt vor der Einfahrt in die Doldrums über seinen deutschen Konkurrenten über dessen Kurswechsel gen Westen: “Er positioniert sich für die Flaute und vielleicht das Szenario danach. Die Flaute wird weiter westlich etwas weniger aktiv sein, aber was danach ist schwieriger zu sagen. In 36 bis 48 Stunden werden wir sehen, wer Recht hat. Ich glaube, dass er ein voll einsatzfähiges Foil hat und ein starker Konkurrent im Ziel ist. Aber ich glaube nicht, dass irgendein Boot 100 Prozent seines Potenzials ausschöpft. Ich glaube auch nicht, dass er bei 100 Prozent sein wird. Segel, Elektronik, Hydraulik. Ich denke, jeder hat in dieser Phase des Rennens irgendein Problem.”

Achte Rennaufgabe

7500 Meilen dahinter am Ende des Feldes hat Sebastien Destremau nach zahlreichen Problemen das Rennen aufgegeben. Spiegel-Online war das sogar eine News wert. Der Abbruch war schon lange erwartet worden. Der ehemalige America’s Cup Taktiker (Team China 2007) war mit uraltem, schlecht vorbereiteten Boot von Anfang an hinter gesegelt. Er ist der achte Ausfall bei dieser Vendée Globe und steuert nun Neuseeland an.

Derweil ist Jérémie Beyou mit seiner Charal von der chilenischen Marine gefilmt worden. Eine schöne Abwechslung für den ehemaligen Rennfavorit, der dem Feld nach seinem Schaden hinterher segelt.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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