Vendée Globe: Salzbuckel Le Cam verweist Boris Herrmann auf Rang 5 – Triumph des „Königs“

Der wahre Held

Jean Le Cam rutscht dank 16-Stunden-Zeitgutschrift für die Rettung von Escoffier auf Rang 4. Bei seiner ersten Pressekonferenz gestand er, dass er mit den Nerven völlig am Ende sei – seit Wochen rechnete er jeden Moment damit, dass sein Boot absaufen würde.

Jean le Cam, der wahre Held dieser Vendée Globe! © liot / vendee globe

Es war eine Überraschung mit Ansage. Die Bewohner von Les Sables d’Olonnes hatten vorausgesagt, dass sie ihren „Roi Jean“ gebührend empfangen würden. Corona-Auflagen hin oder her.

Und so kam es, dass Frankreichs Vendée Globe-Legende Jean Le Cam mitten in der Nacht seine ganz persönliche Triumphfahrt durch den berühmten Chenal feiern konnte. Dort, wo normalerweise Zehntausende die Vendée Globe-Heimkehrer empfangen, waren es diesmal immerhin mehrere Hundert Fans, die „König Jean“ frenetisch applaudierten. Plus Blitzlichtgewitter der Fotografen und Spotlichter der Kameraleute, bengalische Feuer am Steg – unter Corona-Bedingungen mehr als nur ein Empfang „light“. 

Zu diesem Zeitpunkt war bereits klar, dass Le Cam auf seiner „Yes, we Cam“ dank seiner Zeitgutschrift von 16 Stunden Boris Herrmann von Rang 4 auf Rang 5 verdrängt hatte. Unter strömendem Regen war Le Cam nach 80:13:44 Tagen um 20:19 Uhr über die Ziellinie gesegelt – ausreichend, um Platz Vier stolz einzunehmen. 

Jean Le Cam, der den havarierten Kevin Escoffier aus der Rettungsinsel gerettet hatte und so schon früh zum wahren Helden dieser Vendée Globe avancierte – nicht zuletzt weil er auf See von Präsident Macron persönlich angerufen wurde und der sich als langjähriger Fan von Le Cam outete – gab kurz nach Anlanden gleich seine erste Pressekonferenz. 

Er habe einiges zu erzählen, ließ er geheimnisvoll kurz nach dem Zieleinlauf verkünden. Auf seine gewohnt schnodderige und robuste Art berichtete er schließlich, dass diese, für ihn fünfte Vendée Globe die schwierigste und schlimmste gewesen sei. Schlimmer noch als damals, als er selbst von PRB-Skipper Riou vor dem Kap Hoorn aus seinem gekenterten Boot gerettet wurde. 

Der Grund? Kurz nachdem Le Cam Kevin Escoffier bei der französischen Fregatte abgeliefert hatte, delaminierte sein Boot an einigen strukturell entscheidenden Stellen. „Es knarzte und knackte überall, ich hatte jede Menge Wasser im Boot und ich dachte, der Kahn bricht auseinander!“ 

Eine Situation, bei der wohl die meisten aufgegeben hätten, nicht zuletzt weil noch der Southern Ocean und die Rückfahrt über den Atlantik vor Le Cam lagen. Doch der 61-jährige Salzbuckel und Vendée Globe Veteran ging die Sache wie immer an: pragmatisch. Er laminierte „was das Zeug hielt“ – nur leider hielt das Zeug nicht! „Ich stand bis zum Hals im Karbon, hatte nicht genug Epoxy dabei und musste mehrfach diverse Stellen nachbessern, mich um neue Risse kümmern!“ 

Vor dem spanischen Finisterre wird le Cam von der Marine Nationale von einem Such- und Aufklärungsflugzeug aus fotografiert. Sublime! © marine nationale

Entsprechend sei er wie auf Eiern für den Rest der Regatta gesegelt. „Meine Nerven flatterten, tage- und wochenlang hörte ich auf jedes Geräusch in meinem Boot. Ein Untergang wie bei Kevins PRB mitten im Southern Ocean wäre das Ende gewesen!“  Doch die ruhige Wetterlage im sonst sturmumtosten Südpazifik stellte sich als das ganz persönliche Geschenk der Meeresgötter für „König Jean“ heraus. Erst vor Kap Hoorn galt, möglichst hohem Seegang auszuweichen. Deshalb rundete Jean le Cam das berühmt-berüchtigte Kap weit im Süden. „Vor dem Kap bauen sich die Wellen enorm hoch und fies auf. Das hab’ ich mir lieber erspart!“ 

Erst bei der Rückfahrt im Atlantik, ungefähr auf Höhe des Äquators, habe er sich etwas entspannen können. „Da waren wunderbare Segelbedingungen für angeschlagene Boote und Skipper. Und außerdem: Wenn mir der Kahn dort abgesoffen wäre, hätte ich meine Rettungsinsel immerhin in warmes Wasser ausgesetzt!“ 

Warum er nichts von den Schäden an Bord berichtet habe, wird er gefragt. “Oooch, das zieht dann immer so eine Polemik nach sich. Und außerdem hätte mir ja sowieso keiner helfen können!” 

Es lebe König Jean © liot/vendée globe

So kam Le Cam „mit den Nerven am Ende“ in Les Sables d’Olonnes an, sparte aber nicht mit Lob an der Konkurrenz. Für seinen Schützling Damien Seguin hatte er nur enthusiastische Worte – obwohl er es mitunter gar nicht goutierte, dass Damien so weit vor ihm segelte. Viel Respekt vor dem Alter habe der jedenfalls nicht gezeigt, beschwerte sich Le Cam grinsend. Auch die seglerischen Qualitäten seines „Mitseglers“ im Atlantik, Benjamin Dutreux, fand er überwältigend. Nicht zuletzt, weil der ebenfalls auf einem Boot ohne Foils unterwegs war. „Wir haben eben unser ureigenes Rennen gesegelt, bei dem jetzt im Ziel wieder die alte Hackordnung hergestellt wurde – der alte Sack liegt vor dem Behinderten und dem Wichser.” 

Wobei das letzte Wort in der französischen Umgangssprache und vor allem in der Sprache eines Jean le Cam eher liebevoll interpretiert wird.

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Michael Kunst

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15 Kommentare zu „Vendée Globe: Salzbuckel Le Cam verweist Boris Herrmann auf Rang 5 – Triumph des „Königs““

  1. avatar breizh sagt:

    Man ist der Typ COOL.
    Gratulation für diese aussergewöhnlich Leistung und die schnoddrige Klappe ist einfach liebenswert! Er könnte auch Berliner sein.
    Bis zum nächsten Mal. Ich würde mich freuen, wenn er noch einmal dabi ist.

  2. avatar Karsten sagt:

    Sehr coole Antwort, dass er wieder vor dem Behinderten und dem Wichser liegt, Urviech! Komme aus dem Lachen nicht raus, auch wenns politisch unkorrekt ist.

    • avatar joerg sagt:

      Wollte gerade ein Abo auf Segelreporter nehmen aber bei solchen Kommentaren schalte ich ab. Gibt es hier keine Moderatoren die diesen Karsten mit seiner selbsterfahrenen Witzigkeit zur Raison rufen. Scheint ja ein derber Club zu sein der HSC.

      • avatar PL_markusalthaus sagt:

        Schreibe ja sonst eher keine Kommentare, aber hier kann ich nicht anders. Der “disabled guy” ist einer von Jeans besten Freunden. Die beiden trainieren seit langem zusammen und schrauben gemeinsam an ihren Booten. Und vor Ben Dutreux hat er seglerisch echte Hochachtung, auch das konnte man hören und lesen. Aber wen interessieren schon Fakten, wenn man nur nach Gelegenheiten sucht, seine eingebildete moralische Überlegenheit zur Schau stellen (gilt auch für den Kommentar weiter unten).

        • avatar joerg sagt:

          Bevor das hier total ausufert. Ich hatte den Artikel nicht lesen koennen aber gerade die Pressconf auf franzoesisch gesehen. Der Kommentar ohne Kontext war mir aufgefallen. Kann meinen Kommentar aber nicht loeschen. Sorry, never judge a book by it’s cover
          le vieux con, l’handicapé et le branleur

          • avatar Bollwerk sagt:

            Das kommt davon, wenn die Journaille fremdsprachliche Äusserungen aus dem Zusammenhang reißt und dabei auch noch falsch übersetzt bzw. interpretiert. Le Cam hat mit dem Spruch Hochachtung für seine “non foil” Kollegen ausgedrückt. Ungefähr so wie ein spitzen (Jazz-) Musiker seine Bandkollegen als “Motherfucker” bezeichnet wenn diese es wirklich drauf haben.

            Cheers

          • avatar ds sagt:

            Hauptsache du schließt dann jetzt doch das Abo ab, joerg

  3. avatar PL_peterklingmueller sagt:

    Unterschätze niemals einen alten Mann mit einer Open 60,der um die Welt segelt.

  4. avatar Thomas Korfsmeier sagt:

    Sorry. Hab gerade bei joerg auf dislike geklickt, wollte aber liken. Der Kommentar von Karsten ist wirklich unterirdisch! Thomas

  5. avatar Michael Kunst sagt:

    Leute, vielleicht lest Ihr erstmal den Artikel, bevor Ihr kommentiert? Karsten hat lediglich den vorletzten Satz im Bericht wiederholt, ein O-Ton von “roi jean” 😜

  6. avatar horst sagt:

    Ware Könige laufen mit Schlappen an den Füßen ein!
    Respekt vor soviel Menschlichkeit!

  7. avatar prospero sagt:

    Habe hier mel eine Frage an die Experten! Das Boot von Le Cam ist die ehemalige FONCIA von Michel Desjoyeaux, das Siegerschiff von 2008/09 und war später auch mal die MARE von Jörg Riechers. Riechers hat bei seiner Vorbereitung auf die VG 2016 die gesamte Bugsektion ausgetauscht (lt. Bericht von SR) und die Ballastkonfiguration verändert. Es war von mehreren hundert kg Gewichtserparnis die Rede. Wahrscheinlich haben diese Maßnahmen das erstaunliche Potenzial des Bootes erst ermöglicht. Das finde ich erwähnenwert! Es hat mich schon beim Barcelona World Race 2014/15, das Le Cam und Bernard Stamm mit diesem Schiff souverän gewonnen haben, geärgert, dass Riechers’ (und Gelpkes) Leistung hier keine Erwähnung fanden. Die Kehrseite scheint zu sein, dass Le Cam jetzt von großflächiger Delamination genau an diesen Stellen berichtet, die ihn fast zum Aufgeben gezwungen hätte. Vielleicht auch eine Folge des Refits? Wäre das möglich?
    (Vielleicht steht die Antwort im Artikel, den konnte ich nicht öffnen wg. paywall, habe nur die live-PK von Le Cam verfolgt)

  8. avatar Wolf-Rüdiger Boldt sagt:

    Guten Tag.Habe mich über 70 Tage super informiert gefühlt.Danke dafür SEHR.
    Wortklauberei auf typisch neudeutschem Niveau auf diesem seriösen Portal sind wohl auch
    Ausdruck-der Enttäuschten.Die benötigen jetzt ein Ventil…

  9. avatar Maha sagt:

    Die launigen Kommentare von Jean Le Cam sollte man mMn nicht allzu kritisch bewerten.

    Die Bezeichnung seiner 2 Kollegen war genauso humorvoll gemeint, wie die Darstellung seines Gesprächs mit Macron oder die Erklärung, unter welchen kuriosen Umständen er sich eine Rippe gebrochen hat.

    ‘Le Roi Jean’ ist nicht nur aufgrund seiner bisher 5 Vendée Globe-Teilnahmen einzigartig.

  10. avatar PL_drschumi sagt:

    Jean Le Cam ist heute auf der TITELSEITE von “Le Point” (so ungefähr das französische Pendant zu “Der Spiegel”). Titelunterschrift (frei übersetzt): “Jean Le Cam: Geständnisse eines Französischen Helden”.
    Man stelle sich das mal in Deutschland vor…

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