Vendée Globe: Sauberer Start und Wind aus Nord-Nord-Ost – die Show kann beginnen

Farewell Richtung Horizont

Vendée Globe

Aufmarsch der Helden © vendée globe

Große Emotionen: Hunderttausende verabschieden die Skipper, Tausend Boote begleiten den Start. Spanier Costa kehrt nach Elektrikschaden in den Hafen zurück.

Es waren bewegende Stunden, die man als Segler so schnell nicht wieder vergessen wird. Ehrliche Begeisterung und tiefe Bewunderung für 29 Hochseesegler, die sich zum ersten oder zum wiederholten Male auf den Weg ins Ungewisse machen. Die sich an eines der letzten großen Abenteuer dieses Planeten wagen und sich darauf jahrelang, mit enormem Aufwand vorbereiteten. Die diese Stunden sehnlichst erwarteten und dennoch fürchteten.

Sieben Uhr morgens, der Vendée Globe Hochseesteg wird von starken Scheinwerfern und weichzeichnenden Lampen beleuchtet. Auf jedem Boot wirbeln die Preparateurs und Shorecrews, es werden selbst jetzt, nur wenige Stunden vor dem Start zur Einhand-Nonstop-Weltumseglung, noch letzte Arbeiten erledigt und Einstellungen an der Elektrik vorgenommen.

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Und irgendwann war selbst bei Alex Thomson Schluss mit lustig © miku

Schluss. Aus. Amen.

Obwohl am Samstag eigentlich genügend Zeit gewesen wäre, um den Proviant an Bord zu bringen und Wasser zu bunkern, sind dennoch an diesem Sonntag Morgen erstaunlich viele Crews noch genau damit beschäftigt. Außerdem wird gemunkelt, dass auf Alan Rouras Boot „La Fabrique“ (das von keinem Geringerem als Bernhard Stamm selbst gebaut wurde) noch in der letzten Nacht laminiert wurde…

Doch als die Herbstsonne den Steg schließlich verheißungsvoll bescheint, als am blauen Himmel nur ein paar Schönwetterwölkchen dekorativ hängen und durch die Lautsprecher immer wieder eine durchaus „milde“ Wettervorhersage wiederholt wird, da geht plötzlich so etwas wie ein Ruck durch alle, die wieder zu Hunderten den Steg bevölkern. „Jetzt reicht es. Schluss. Aus. Amen“ Genug Interviews gegeben, ausreichend Sponsoren gebauchpinselt, allen VIPs die Hände geschüttelt, zu viele völlig Unbekannte angelächelt. Jetzt wird gesegelt!“

Und wie auf Zuruf, als hätte man sich über den Zeitpunkt abgesprochen, werden die „wichtige“n TV-Crews mit ihren ultimativen Interview-Wünschen einfach ignoriert, werden blitzende Fotografen um mehr Diskretion gebeten und Reporter mit vorgehaltenem Mikrofon davon gejagt. Worauf eine magische halbe Stunde folgt, die man noch vor Tagen für unmöglich gehalten hätte: die Skipper ziehen sich mit ihren Freunden und Familien auf die Boote zurück, es wird geküsst, geherzt, geweint und gelacht… und die Welt da draußen bleibt einfach außen vor.

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Auch Publikumsclown Jean Le Cam ist sichtlich gerührt © vendée globe

Kurz darauf starten die ersten IMOCA mit ihren Skippern nach einer strengen Reihenfolge im Vier-Minuten-Takt, um durch den mittlerweile weltberühmten „Kanal“ von les Sables d’Olonnes in den Glückwünschen einer schier unglaublichen Menge zu baden.

Zu Tränen gerührt und himmelhochjauchzend

350.000 Zuschauer wurden offiziell von den Behörden beziffert. Und selbst wenn diese Zahl etwas hoch gegriffen erscheinen mag, so handelt es sich in jedem Fall um den mit Abstand größten Menschenauflauf zu Ehren von Seglern, den man auf der Welt erleben kann. Ein IMOCA-Skipper nach dem anderen wird wie in einem Spalier von den Fans gefeiert: Mit enthusiastischen La-Ola-Wellen, mit ohrenbetäubendem Gebrüll, mit liebevoll gemalten Transparenten, mit Liedern und natürlich mit Abermillionen Fotografien, die möglichst gleich in den sozialen Medien gepostet werden.

Die Skipper sind teils zu Tränen gerührt oder lassen sich von der wilden Stimmung mitreißen. Manche winken etwas verschämt, die meisten hüpfen ausgelassen auf dem Deck – die Boote werden während der Show von den Shore-Crews gesteuert.

Kaum aus dem Kanal heraus, am Leuchtturm vorbei, ist dann abrupt „Schluss mit lustig“: Es beginnt eine dreistündige Startvorbereitung, die manche der Skipper noch vor ein paar Tagen mit diffizil, andere gar mit beängstigend bezeichnet haben.

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Viele Menschen vor toller Kulisse © miku

Doch um das gleich vorweg zu nehmen: Die Startphase als solche lief entspannt bis vorbildlich ab. Die Rennleitung schaffte es mit Hilfe von 50 Ordner-Zodiaks und mit Dutzenden Gendarmerie-Booten gezählte 1.400 Zuschauerboote „in Schach“ zu halten. Das gelang mit weiträumig ausgelegten Schutzzonen rund um die immerhin 1,4 Kilometer lange Startlinie, die auch prompt von den größtenteils sehr PS-starken Motorbooten penibel respektiert wurde. Zu sehr war den Leuten wohl noch Yann Guichards Unfall mit schrecklichen Folgen in Erinnerung.

Noch mal eben schnell…

Bis vier Minuten vor dem Start durften die Shore-Crews an Bord bleiben. Was dieselben vor allem dazu nutzten, „ihrem“ Skipper in drei Vorstagreihen alle für die nächsten 24 Stunden angesagten Vorsegel zu setzen (und wieder einzurollen) sowie nochmals die wichtigsten Manöver durchzuführen, um zu kontrollieren, ob nicht irgendwas in der Ablenkung der letzten Tage falsch vorbereitet wurde. An drei Booten war zudem ein Bootsmann damit beschäftigt, irgendwas am Mast noch mal eben schnell…

Nach einer möglichst optimalen Platzierung der IMOCA für unmittelbare Startphase und dem meist klassischen Abgang der Shore-Crew – die Damen und Herren springen einfach ins Wasser und werden von den nachfolgenden Begleitbooten aufgelesen – sind die Vendée Globe-Helden dann zum ersten Mal seit Wochen wieder allein auf ihrem Schiff. Und das hoffentlich für Monate, bis sie wieder genau hier an dieser Stelle über die Ziellinie brettern werden.

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Ein Bild für Götter © Vendée Globe

Startallüren wie im Laser

Logisch, dass der Start zu einer Einhand-Weltumseglung nicht gerade von heftigen Halsenduellen geprägt ist. Und dennoch: So frech, wie Paul Melhat auf seiner SMA die Startlinie hinunter gebrettert ist – dassah eher nach Laser-Allüren aus! Und dass ausgerechnet die etwas älteren Herrschaften Bertrand de Broc und Enda O’Coineen zu früh über die Startlinie segelten und deshalb wieder zurück gerufen wurden, zeugt ebenfalls davon, wie heiß auch die „Alten“ sind. Und nicht wie schusselig…

Was danach folgt, ist fast schon ein gewohntes VG-Bild. Nach etwa einer halben Seemeile hängen sich Hunderte Crewbegleit- und Zuschauerboote an die einzelnen Boote, die nahezu alle mit Genua oder Code Zero Dampf machen. 15 Knoten Wind, 14 Knoten Speed… vom ersten Moment an sind alle – und wirklich alle! – im Regattamodus.

Kontrolliertes Chaos

Es ist mal wieder der „Fuchs“ Riou, der auf seiner PRB weit oben in Luv gleich zu Beginn gute Windstriche abkriegt und sich deutlich nach vorne absetzen kann. Andere wie Thomas Ruyant auf seiner Souffle du Nord, fahren eher tief und versuchen mit Speed, so schnell wie möglich aus diesem unglaublichen Chaos mit aufgewühlter See heraus zu kommen.

Alex Thomson ist auf seiner elegant-schwarzen „Hugo Boss“ wie angekündigt verhalten gestartet – zu groß sei seine Angst, wie er unlängst erzählte, dass er in eines der Zuschauerboote brettert. Unweit von ihm Banque Populaire, der ebenfalls mit gebotener Vorsicht unterwegs ist. Zumal Armel le Cleac’h dauernd von den Begleitbooten aus zugerufen wird, er solle endlich seine Foils ausfahren. Wegen der Fotos und so…

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Thomson wieder in seinem Element © miku

Das hat sich Sebastien Josse gar nicht erst sagen lassen. Auch wenn in den kabbeligen, aufgewühlten Wassern Foils vielleicht nicht unbedingt das Nonplusultra sind, so sah er doch Rious PRB ohne Foils gnadenlos davon ziehen. Also muss man doch seine Asse einsetzen, oder?

Bei alledem waren die Skipper übrigens nie oder nur selten – dann aber hektisch – zu sehen. Nahezu alle haben sich nach dem Verlassen der Startzone „nach unten“ begeben und vor das Radargerät gesetzt. So kam es, dass knapp 30 Boote wie eine Geisterflotte ohne (sichtbaren) Steuermann per Autopilot im schönsten Segelwetter in Richtung Horizont eilte.

Nur manchmal wurde es nötig, dass die Protagonisten dieser Regatta ins Cockpit eilten, um einen kritischen Blick nach vorne zu werfen. Wie etwa in dem Moment, als ca sieben Seemeilen hinter der Startlinie ein 25-Fuß-Fahrtenschiff die gesamte Flotte unter Spi, platt vor dem Wind, „kreuzte“.

Das hätte Mr.Bean sein können: Er schaffte es, mindestens zehn der IMOCA definitiv im Weg zu sein – manche Begleitboote rasten nach vorne, um den Fahrtensegler zu verscheuchen, doch der hielt stur Kurs. Wohl auch aus Angst, wie aus zwei Katastrophenhalsen zu schließen ist. Bis dann ein Gendarmerie-Zodiac den Segler unter Skippers lautstarkem Protest einfach aus der Gefahrenzone schob.

Ein Bild für Götter

Als die Flotte schließlich in Richtung Horizont eilte und selbst die Zodiacs mit den fettesten Motoren schon wegen der Reichweite umkehren mussten, war das ein „Bild für Götter“: Bei mittlerweile 20 Knoten Wind, und deutlich weniger aufgewühlter See, zogen die Helden auf ihren Schlachtrössern hinaus ins (weitgehend) Unbekannte. Und siehe da: Plötzlich saßen auch wieder einige Skipper an der Pinne und steuerten eine Runde selbst. Nur so zum Spaß, wahrscheinlich.

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Costa zeigt die Richtung an: Wieder zurück © miku

Nur einer hatte statt Spaß tiefen Frust: Der vielbeachtete spanische Teilnehmer Didac Costa hatte kurz nach dem Start reichlich Wasser im Boot, das offenbar sogar die Elektrik lahm legte. Die Vendée Globe-Regeln besagen, dass Teilnehmer nach les Sables d’Olonnes zurück segeln dürfen , wenn sie ein Problem haben und nach Reparatur weitersegeln wollen. Was bei einem anderen Landgang entlang der Route übrigens unweigerlich zur Disqualifikation führen würde.

Gegen 18 Uhr wurde der Spanier wieder durch den mittlerweile immer noch mit Feiernden bevölkerten Kanal zurück an den Steg geschleppt. Erste Diagnose der Shore-Crew: Nicht von außen brach das Wasser ein, sondern der Schlauch eines Wasserballasttanks hatte sich losgerissen. Und der Wasserstrahl gleich punktgenau die Elektrik außer Gefecht gesetzt.

Jetzt segeln sie also wieder. Einmal rundum. Knapp drei Monate werden die Sieger brauchen, so lange wie sie wollen (und vom Proviant her können), dürfen sich die letzten Zeit lassen. Wir werden weiter dran bleiben… avec plaisir!

Tracker Vendée Globe

Vendée Globe

Stark umlagert: Banque Populaire © miku

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Michael Kunst

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2 Kommentare zu „Vendée Globe: Sauberer Start und Wind aus Nord-Nord-Ost – die Show kann beginnen“

  1. avatar andreas borrink sagt:

    Toller Bericht von einem grandiosen Start! Danke.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 17 Daumen runter 0

  2. avatar Manfred sagt:

    Danke für die gute Berichterstattung. Schön das heute morgen zu lesen nach dem großartigem “Dock out” und dem nachfolgendem “Start”. Wer es nicht gesehen hat, sollte sich unbedingt die beiden Videos mit den hervorragenden englischen Kommentatoren (u.a. Dee Cafari) reinziehen.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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