Vendée Globe: Schnell wie Multihulls – Wie die neue Foil-Generation das Rennen verändert

Mehr Speed – neue Strategien

Mehr Speed führt unweigerlich zum Sieg? Nicht unbedingt, denn bei der kommenden Vendée Globe wird es vor allem auf die richtigen strategischen Entscheidungen ankommen. 

Mehr Speed führt zu anderen strategischen Entscheidungen © horlaville

Mittlerweile dürfte es nun wirklich kein Geheimnis mehr sein, dass Foils den Regattasport im Allgemeinen und die Hochsee-Langstrecken-Rennen im Besonderen völlig umkrempeln. Es geht (wer hätte das gedacht?) in erster Linie um den deutlich höheren Speed, der unter bestimmten Bedingungen und Windeinfallswinkeln auf den „Flügeln“ möglich geworden ist. Die 60-Fußer sind inzwischen so schnell wie Multihulls und passen ihre Strategien entsprechend an.

Also richten die Teilnehmer der kommenden Vendée Globe auch ihre strategischen Überlegungen auf die „neuen Geschwindigkeiten“ aus, die dank der Foils nun auf den IMOCA erreicht werden können. Selbst Boote, die noch nicht mit den Anhängseln (mittlerweile schon die vierte Flügelgeneration) unterwegs sind, folgen den neuen „Richtlinien“, Strategien und Taktiken, die von den Favoriten auf ihren rasenden Monstern diktiert werden. 

Dabei spielen logischerweise Zahlen eine essentielle Rolle. Beginnen wir mit einem Vergleich zur ersten Ausgabe der Vendée Globe, deren Start im Jahr 1989 erfolgte. Schon damals durften die Skipper Routingprogramm einsetzen, wenn auch die Technik bei Weitem nicht so ausgefeilt war wie heutzutage. 

Noch sind alle in Warteposition am Hochseesteg von les Sables d’Olonnes. Dieses Jahr pandemiebedingt ohne Zuschauer © vendée globe

Sieger Titouan Lamazou brauchte für die Einhand-Nonstop-Weltumseglung 109:08:48 Tage, was einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 8,3 Knoten entspricht. Armel Le Cleac’h, auf Banque Populaire Sieger der letzten Vendée Globe, machte den (See)Sack nach 74:03:35 Tagen zu. Die dabei erreichten 12,3 kn Durchschnittsgeschwindigkeit mögen angesichts der seit 1989 erlebten technischen Entwicklung im Bootsbau zunächst lapidar erscheinen, sind aber auf die Distanz von (theoretischen) 21.600 Seemeilen mit allen Wetter-Unwägbarkeiten umgelegt, regelrechte „Welten“. Sie bedeuten den Unterschied von etwas mehr als einem Monat länger auf See!

Die Leistungskapazitäten der aktuellen IMOCA-Generation und die Performance der neuesten Foils (an den neuen Booten wie auch nachgerüstet an älteren Modellen) wird nun nochmals deutlich höher eingeschätzt. Vor allem bei einem Windeinfallswinkel von 80° bis 120° werden ganz andere Dimensionen in Sachen Geschwindigkeit erreicht. Die Szene spricht von bis zu 10 kn mehr Speed als auf Foils der ersten Generation, die bei der letzten Vendée Globe eingesetzt wurden.

Diese Leistungsentwicklung im technischen Bereich zieht wichtige strategische Schritte nach sich.

Spinnaker sind (fast) „out“

In den Anfangszeiten der Vendée Globe hatten die meisten Segler noch symmetrische Spinnaker, inkl. Spi-Baum an Bord. Setzen, Halsen und Bergen (bei auffrischenden Winden) waren nicht nur Schwerstarbeit, sondern zudem noch Abenteuer mit hohem Risikofaktor. Das hat sich mit asymmetrischen Spinnakern insofern geändert, dass sie unproblematischer bedient werden können. Sie sind aber in den Manövern immer noch höchst Bruch- bzw. Riss-anfällig. 

Sicher wird Ruyant einen asymmetrischen Spi dabei haben. Aber wie oft wird er ihn einsetzen? © bouras

Der höhere Speed, der mit den Foils auf raumen Kursen möglich geworden ist, veranlasst nun die besten Skipper, nur noch mit (einrollbaren) Gennakern zu segeln. Die jüngste Generation weist nicht einmal mehr feste Kabel im Vorliek auf, sondern hält mit in das Tuch eingearbeiteten Karbonstreifen die Form. Dadurch verkleinert sich auch das Risiko, bei Halsen am Vorstag zu verwickeln.

Bei der Entwicklung spielt auch die Reduktion der Segel an Bord eine Rolle. Nur noch acht sind erlaubt. Der Einsatz der richtigen Tücher für den jeweils entsprechenden Kurs ist essentiell und macht den gewissen Unterschied aus. So spart ein einfacher zu bedienender Gennaker dem Skipper viel Zeit und „Körner“.

Wer schnell segelt, kann öfter abfallen

Richtig hoch am Wind segeln die auf Gleitkurse ausgelegten IMOCA nicht. Auch weil der Kurs um die Welt nur geringste Kreuzkurse beinhaltet. Alex Thomsons Team erwartet nur bei der Rückkehr im Atlantik auf Äquator-Höhe eine Kreuzwahrscheinlichkeit von 25-30 Prozent.

Am Wind und dann 10-20° abfallen © zedda

Dabei gilt für einen IMOCA oft, dass sich der langsamere Kurs nahe der Windkante kaum lohnt, weil er mit einem kleinen Schrick in den Schoten deutlich schneller segelt. Wenn die Vendée Globe-Segler, die immerhin Etmale von 500 – 600 Seemeilen anpeilen, ca. 10° bis 20° abfallen und schneller sind, können sie eher neue Wettersysteme ins Visier nehmen.

Bei solchen Zahlenspielen spielt die Router-Software und ein optimal funktionierender Autopilot eine entscheidende Rolle. Denn der steuert mittlerweile auf den IMOCA nahezu nonstop.  Die neueste Technik hält die Boote längst besser auf Kurs als der Skipper selbst. 

Bleiben wir noch ein bisschen „am Wind“: Segelt eine moderne IMOCA hoch am Wind (45 – 50 °) sind ungefähr 12-14 kn Geschwindigkeit möglich. Fällt man auf 60° ab, rast das 60-Fuß-Böotchen auf seinen Foils bereits mit 17 – 18 kn dahin. 

Wie die See, so der Speed

Der größte Unsicherheitsfaktor beim Foilen ist jedoch nicht der Wind bzw. sein Einfallswinkel, sondern der Zustand der See, vulgo: die Wellen. Die 60 Fuß langen IMOCA sind auf ihren Foils besonders effizient unterwegs, wenn der Wind mit 15 – 25 kn weht und die Wellen nicht höher als zwei Meter sind. 

Sind die Wellen zu hoch oder chaotisch (oder beides), wird Foilen zu einem Va-Banque-Spiel mit hohem Risiko, durch Stecker oder besonders harte Landungen Bruch zu fahren. Solche Situationen werden vor allem im Southern Ocean erwartet, und auf dem Rückweg im Atlantik. 

Die höchsten Meilengewinne werden im Southern Ocean erreicht, wenn sich ein IMOCA vor ein Tiefdruckgebiet setzen kann. Vor der Front ist der Wind stark aber insbesondere die Wellenhöhe moderat.

Im Southern Ocean wird’s ungemütlich, garantiert! © stichelbault

Auch wenn der Wind in den südlichen Hemisphären hauptsächlich aus den „richtigen Richtungen“, also raum, weht macht die See dort dennoch oft „was sie will“ (Alex Thomson). Oder anders formuliert: Das Boot wird zum Foltergerät, je „tiefer“ man den Kurs fährt, da es von oben auf die Wellen kracht – Landungen und Abheben werden zu echten Risikofaktoren. (Isabelle Joschke: „Man fühlt sich dann wie ein Crepe in der Pfanne!“)

Neues Lieblingssegel der IMOCA-Helden: Der Gennaker © carli

Auch im Southern Ocean, wo sich die Tiefs mit einer Geschwindigkeit von ca. 25- 30 kn bewegen, kann dann der Einsatz des Gennakers von Vorteil sein. Es wurde berechnet, dass unter Gennaker ein etwas spitzerer Winkel vorteilhafter ist, als wenn man relativ platt vor dem Wind (150°) unter Spi unterwegs ist. Vorausgesetzt, die See lässt Foilen zu – auch wenn dann irgendwann gehalst werden muss. 

Es kommt auf die Taktik und Strategie an 

Unterm Strich werden vor allem die neuen und die etwas älteren, aber gepimpten IMOCA, die voll und ganz auf Foilen ausgerichtet sind, deutlich mehr Seemeilen segeln, um letztendlich schneller wieder zurück nach Les Sables d’Olonnes, dem Vendée Globe Start- und Zielort, zu sein.

Sieht zwar immer nett aus, ist aber fern jeglicher Realität: Die IMOCA segeln ausschließlich unter Autopilot © initiative coeur

Paradoxerweise ist also jetzt schon absehbar, dass diese Vendée Globe eben nicht durch schieren Speed-Vorteil gewonnen wird. Sondern (wie früher auch) mit den richtigen strategischen Entscheidungen (Wetter, Seegang, Segelkonfiguration, Manöver).

Die Leistungsdichte unter den IMOCA der neuen Generation – die von den meisten favorisierten Skippern gesegelt werden – ist so homogen, dass es nur sekundär auf das vermeintlich „schnellere“ Boot ankommt. Vielmehr dürfte diese Vendée Globe, genau wie alle anderen Ausgaben zuvor, wieder der abenteuerlichste, schönste, aber auch brutalste Test für Mensch und Boot werden. Foils hin oder her. 

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Michael Kunst

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