Vendée Globe: Sieg oder „nur“ Finish – ist die Vendée Globe eine Klassengesellschaft?

Profis und Abenteurer

Vendee Globe, Klassengesellschaft

Abenteurer, aber Teilnehmer! Alan Roura auf seiner “La Fabrique” © vendéeglobe

Die einen haben eine klare Ansage gemacht: Sieg, alles andere wäre eine Niederlage. Andere wollen „nur“ unter Dauerbeobachtung um den Globus kommen. Ein Interessenkonflikt?

Es war eigentlich nur ein kurzer Nebensatz, den Armel Le Cleac’h während einer seiner zahlreichen Pressekonferenzen in die Runde warf. „Im Vertrauen, so ganz unter uns,“ begann er. Was ja in sich schon eine Art Widerspruch ist, wenn man ca. fünfzig Journalisten anspricht.

Jedenfalls zeigte sich der bretonische Favorit und „Banque Populaire“-Skipper befremdet, wenn nicht sogar ein wenig verärgert darüber, dass bei der anstehenden Vendée Globe so viele „Abenteurer“ am Start seien. Was wiederum ein gewisses Erstaunen hervorrief, schließlich sei doch jeder VG-Starter im gewissen Sinne ein Abenteurer? „Mag sein,“ machte Le Cleac’h deutlich. „Aber es gibt eben einen großen Unterschied zwischen Profi- und Amateur-Abenteurern. Die einen könnten das Image der anderen untergraben!“

Eine Aussage, die Wellen schlug. Nicht nur, dass einige Tageszeitungen und Websites le Cleac’hs Aussage zitierten und diskutierten, auch im Race Village, bei Pressekonferenzen anderer Teilnehmer oder schlicht beim Journalisten-Apèro war das ein Thema.

Auch bei den anderen Favoriten war eine gewisse Sorge zu verspüren, was das Image der weltbekanntesten Hochseeregatta anbelangt. „Der Start wird nicht nur wegen der vielen Begleit- und Zuschauerboote kitzelig, sondern auch, weil einige nicht allzu sehr an Regattaprozeduren gewöhnte Segler dabei sein werden,“ sagte etwa Gitana-Pilot Sebastien Josse.

Hörner abstoßen oder gleich siegen?

„Alles Quatsch, wir werden uns schon zurückhalten,“ sagte Alan Roura dazu. Der Schweizer Teilnehmer gilt als eindeutiger Low-Budget-Abenteurer in der 29 Boote starken Flotte. Er machte nie einen Hehl daraus, dass die simple Teilnahme schon die Erfüllung aller Träume seines jungen Lebens sei. Und er keinerlei Ambitionen hege, auf der Startlinie mit den Foiler-IMOCA um die beste Position zu kämpfen.

Ausgerechnet Francois Gabart, der selbstredend als Sieger der letzten Vendée Globe-Ausgabe hier ebenfalls seine Runden dreht, nimmt seinem alten Widersacher (und Kumpel) Le Cleac’h ebenfalls den „Wind aus den Segeln“. „Ich finde es jedenfalls richtig stark, dass sich so viele Neulinge an die Vendée Globe trauen,“ wird der Macif-Trimaran-Skipper zitiert. „Wir haben uns doch irgendwie alle die Hörner abstoßen müssen!“ Stimmt, schließlich kann nicht jeder gleich bei seiner ersten Teilnahme gewinnen…

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Hat Colman weniger Startberechtigung, weil er nicht siegen will und kann © cendé globe

Vier Kategorien oder alle zusammen für das Eine?

Tatsächlich hat sich in den letzten Wochen eine Art Klassengesellschaft bei der Beschreibung der Teilnehmer und ihrer Boote etabliert. Zumindest verbal werden die 29 Skipper und ihre Boote in vier Gruppen unterteilt:

1.Skipper, die das Zeug (und das richtige Boot) für einen Podiumsplatz haben. 2. Skipper, die zwar zum ersten Mal teilnehmen, aber aufgrund ihrer Vorgeschichte für eine Überraschung auf den Top-Ten-Plätzen sorgen könnten. 3. Die Könner in der zweiten Reihe: Skipper, die oft bereits mehrfach dabei waren oder in anderen Offshore-Regatten brillierten, jetzt aber, oft aufgrund ihrer eher älteren Boote, nicht mehr um Top-Plätze ringen (können). 4. Die Abenteurer-Kategorie: Sie sind mit einer simplen Teilnahme zufrieden, wollen nur Eines: die Runde drehen und heil wieder in Les Sables ankommen. Egal, wie lange ihr Törn dauern wird.

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Ein nagelneuer Foiler, aber nicht für den Sieg gebaut: Die No Way Back des Holländers Heerema © vendée Globe

Gruppe 1: Die Siegertypen. Sieben Champions mit ausschließlich professioneller Entourage: Armel le Cleac’h (Banque Populaire, nagelneuer Foiler-IMOCA), Sebastien Josse (Edmond de Rothschild neuer Foiler), Vincent Riou (PRB, nicht mit Foils ausgerüstet), Jean-Pierre Dick (St. Michel Virbac, Foils), Alex Thomson (Hugo Boss, neues Boot mit Foils), Jeremie Beyou (Maitre Coq, altes Boot, mit Foils nachgerüstet), Yann Elies (ohne Foils).

Gruppe 2: Die „Wilden Junx“. Sechs Segler, die rein seglerisch das Zeug für „ganz vorne“ haben, aber nun zum ersten Mal an der Vendée Globe teilnehmen und erstmal „Erfahrung“ sammeln wollen oder müssen. Morgan Lagraviere (29) auf Safran (Foils), Paul Meilhat (34) auf SMA, Fabrice Amedeo auf Matmut, Thomas Ruyant auf le Souffle du Nord, Eric Bellion (40) auf Comme un Seul Homme, Didac Costa (35) auf One Planet, One Ocean, Louis Burton auf Bureau Vallée.

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Der Amerikaner Wilson macht ebenfalls keinen Hehl daraus, dass er nur um die Welt will – und keinesfalls Ambitionen auf vordere Plätze hegt © vendée globe

Gruppe 3: Die alten Salzbuckel auf IMOCA der „alten Generation“ und Aufsteiger, die mit ihren Booten kaum etwas „reißen“ werden und wollen. Aber aufrecht und mit Würde den „Mount Everest des Segelns“ besteigen möchten. Kito de Pavant auf Bastide Otio, Jean Le Cam auf Finistere Mer Vent, Bertrand de Broc auf MACSF, Tanguy de La Motte auf Initiatives Coeur, Rich Wilson, USA, mit 66 Jahren der älteste Teilnehmer, auf Great American IV; Nandor Fa, Ungarn, auf Spirit of Hungary; Arnaud Boissières, 44, auf La Mie Caline;

Gruppe 4: Die Abenteurer! Acht Skipper, die erklärtermaßen ihren Traum von einer Teilnahme realisieren wollen – nicht mehr und nicht weniger! Und um gleich zu zeigen, für wen des SegelReporters Herz’chen schlägt – hier einige Mini-Porträts der wahren Helden dieser Vendée Globe. Uns doch egal, ob Armel le Cleac’h das nun gut findet oder nicht!

Für wen unsere Herzen schlagen

Kojiro Shiraishi. Der 49-jährige Japaner ist der erste Asiate, der an der Vendée Globe teilnimmt. Der Schüler des legendären Yukoh Tada – nach dem sein Boot Spirit of Yukoh benannt wurde – machte 2006 von sich reden, als er nach Bernard Stamm beim Velux 5 Oceans nach 118 Tagen Zweiter wurde. Bei der Transat New York-Vendée wurde Kojiro Siebter und stellte gleich klar: Ankommen ist wichtiger als platzieren!

Sebastien Destremeau auf Techno First – Face Ocean. Der Sportjournalist und versierte Regattasegler fährt das wohl kleinste Budget dieser Vendée Globe (300.000 Euro) und hatte deshalb schon im Vorfeld mit vielen Schwierigkeiten bei der „Preparation“ zu kämpfen (u.a. Mastbruch bei den Sicherheitsprüfungen). Der Mann hat immerhin schon eine Olympische Teilnahme absolviert, mehrere America’s Cup-Kampagnen mitgemacht und am Volvo Ocean Race teilgenommen. Auf seinem IMOCA der eher älteren Generation (“ich habe alles so simpel wie möglich gehalten”), ist er bisher 18.000 Seemeilen gesegelt und hat damit die Calero Solo Transat gewonnen, einen IMOCA Qualifier von Lanzarote nach Rhode Island, bei dem auch Alan Roura und Pieter Heerema teilnahmen.

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Der Journalist Destremeau ist angeblich mit dem kleinsten Budget der Flotte unterwegs © vendée globe

Stephane Le Diraison (Compagnie du Lit) . Der 40-Jährige müsste eigentlich in Kategorie 2 aufgeführt werden. Sein Werdegang ist ein französischer Klassiker: angeblich konnte er schon segeln, bevor er laufen konnte. Als Student baute Stephane sich ein Holzboot, mit dem er rund Europa segelte. Folgten Jahre als Mitsegler, bis er sich endgültig für die Einhand-Fraktion entschied. Mini Transat-Teilnahme in der Serien- und Prototypen_Wertung, Class 40 (Vierter bei der letzten Route du Rhum) und jetzt eben IMOCA. „Mein Schiff ist jedoch viel zu alt, als dass ich mir auf irgendwas Hoffnungen machen werde. Durchkommen wäre der schönste Sieg für mich!“

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Der Holländer Peter Heerema auf seiner No Way back © vendee globe

Peter Heerema auf No Way Back. Der 65-Jährige holländische Businessman leistete sich für diese Vendée Globe einen nagelneuen Foiler-IMOCA. 2015 hatte sich Peter mit Michel Desjoyeaux angefreundet, der ihm den Blauwasser-Floh ins Ohr setzte. Im gleichen Jahr gab er die IMOCA in Auftrag, seit deren Übernahme er wie ein Wilder über die Ozeane segelt (allein in 2016 zwei Solo-Transat). Peter Heerema ist in der Regattaszene längst kein Unbekannter mehr. Er mischte jahrelang die Drachen-Klasse auf, segelte 470, Yngling, J22 und J24. „Obwohl ich mir mit meinen Solo-Transatlantiktörns reichlich Selbstvertrauen ersegelt habe, kenne ich doch ganz genau meine Position in diesem Regattafeld. Und die ist nicht vorne! Deshalb werde ich die Tour eher locker angehen – Foiler hin oder her! Die Dinger werden nur ausgefahren, wenn das Wetter auf den Punkt genau stimmt!“ Sein Motto: ankommen und über die gesamte Strecke wohlfühlen.

Romain Attanasio auf Famille Mary Etamine du Lys. Als Lebensgefährte von Samantha Davies hat der Mann immerhin schon Erfahrungen aus zwei Vendée Globe –Kampagnen vorzuweisen – allerdings nur als Familien-Crew an Land. Attanasio kommt aus einer Skifahrerfamilie (!), die ihre Kinder aber gerne zu einem Onkel, der am Atlantik lebte und dort segelte, in die Ferien schickte… 1999 nimmt Romain an der Mini Transat teil, bei der sein Boot kenterte und er nur knapp gerettet werden konnte. Folgten zehn(!) Saisons im Figaro, während denen er lernte, dass man richtig was drauf haben muss, wenn man sich gegen die französische Phalanx auf Hochsee behaupten will. Aufgrund seiner Erfahrungen mit der VG ist für ihn klar: „Ankommen wäre das Größte!“ Würde er das schaffen, wären er und Samantha das erste Paar, das die Vendée Globe erfolgreich beendete. Den vierten Rang seiner Lebensabschnittsbegleiterin will er allerdings nicht toppen!

Romain Attanasio: jetzt sind mal die Männer dran! Der Gefährte von Sam Davies kann auch Vendée Globe! © vendée Globe

Romain Attanasio: jetzt sind mal die Männer dran! Der Gefährte von Sam Davies kann auch Vendée Globe! © vendée Globe

Enda O’ Coineen. Dem 61-jährigen Haudegen flogen im Vendée Globe-Village die Herzen zu! Der erste Irländer im Vendée Globe-Zirkus scheint das Klischee der Glücksklee –Nation voll zu bestätigen: trinkfest, jovial, haudruff. Nur wenige wurden so oft zitiert, kaum jemand, der so oft interviewt wurde. Kunststück – der Mann gehört eindeutig zur Kategorie „höchst lebenslustig“ und macht jedem der es hören will deutlich, dass er hier an den Start geht, um sich einen lebenslangen Traum zu erfüllen – nichts anders. Der Herausgeber des in Irland sehr bekannten Magazins „Afloat“ hat schon als junger Twen Außergewöhnliches auf See geleistet. Er segelte in einem Schlauchboot über den Atlantik, nur um seinem damaligen Boss zu zeigen, dass dies wirklich klappt.

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Der irische Salzbuckel Enda O Coineen © vendée globe

Folgt ein Leben fürs Segeln: auf ihn ist die irische Whitbread-Kampagne zurückzuführen und das Green Dragon-Projekt beim Volvo Ocean Race. Seit 2015 ist er auf seiner IMOCA unterwegs, schaffte immerhin schon einen Podiumsplatz bei dem Transat-Klassiker Saint Barth-Port La Foret. „Eigentlich will ich nur das eine: Endlich alleine rundum segeln. Wie schnell oder langsamer das sein wird , ist mir völlig egal!“

 

Conrad Colman (100% Natural Energy). Der erst 32-jährige Neuseeländer hat bereits einen durchaus beeindruckenden „Lebenslauf“ auf Hochsee hinter sich. 2008 war er Bootsmann für die Vendée Globe-Kampagne des Briten Steve White, danach ließ er sich in Lorient nieder, um zu segeln, nichts als zu segeln… Mini Transat 2009, Route du Rhum auf der Class 40, Global Ocean Race, eingehende IMOCA-Erfahrungen beim Barcelona World Race mit dem Ungarn Nandor Fa. Motto: „Das ist ja erst der Anfang, da muss man ja nicht gleich aufs Podium!“

Vendee Globe, Klassengesellschaft

Alan Roura, Schweizer und jüngster Teilnehmer der diesjährigen Vendée Globe, ist der Sunnyboy der Flotte © vendée globe

Alan Roura (23). Der Schweizer ist als jüngster Teilnehmer so etwas wie der heimliche Star dieser Vendée Globe. Alle sind sich einig: Wenn jemand den Relax-Preis dieser Regatta verdient hat, dann er! Roura kommt mit einem als sehr niedrig eingestuften Budget von 350.000 Euro klar, mit dem er ausschließlich die nötigen Bauten auf seinem Schiff finanzierte. „Im Prinzip bin ich jetzt beim Start völlig pleite. Aber: Ich bin dabei! Nach mir die Sintflut!“

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Michael Kunst

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3 Kommentare zu „Vendée Globe: Sieg oder „nur“ Finish – ist die Vendée Globe eine Klassengesellschaft?“

  1. avatar Rainer sagt:

    Sollte Armel doch froh sein:
    a) je mehr Teilnehmer, desto größeres Interesse, desto eher sind Sponsoren zu begeistern, desto mehr Geld gibt es.
    b) irgenjemand muss ihm ja sein altes Boot abkaufen (sonst gibt’s kein Neues) – und was macht man mit einer IMOCA — bestimmt nicht auf dem Edersee segeln 😉

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 12 Daumen runter 0

  2. avatar Franz sagt:

    Wie war das noch? “Hochmut kommt vor dem Fall”. Mal schauen wie weit die Highend-Foiler wirklich kommen. Überraschungssieger gibt es ja immer mal wieder. Ich zumindest finde die “Underdogs” zutiefst sympatisch!

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  3. avatar Olli sagt:

    Armel hat eindeutig nicht recht, wenn zu viele Abenteurer das Image der Profis untergraben. Das genaue Gegenteil ist der Fall. Was die Problematik am Start angeht, so stimme ich zu. Ein unberechenbar manövrierender Abenteurer ist in den vorderen Reihen ein Sicherheitsrisiko.

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