Vendée Globe: So viele Frauen wie nie am Start – Powerwomen im Kurzporträt

Von wegen „schwaches Geschlecht“!

Sechs Frauen und 27 Männer – ist das nun ein positives Signal oder doch ein Armutszeugnis für die Hochseeszene? Drei Hoffnungsträgerinnen im Kurzporträt. 

Vor einigen Wochen sagte die deutsch-französische Hochsee-Seglerin Isabelle Joschke mal bei einem dieser berühmt-berüchtigten BBQ-Soirées in Lorient: „Eigentlich ist es ein Armutszeugnis, dass man sich über sechs Teilnehmerinnen bei der Vendée Globe freut. Bei so einem Event müssten viel mehr Frauen mitmachen… mitmachen können!“  

Tatsächlich ist die Anzahl der Teilnehmerinnen ´bei der diesjährigen Vendée Globe (Start 8. November) von zwei Seiten zu betrachten. Einerseits kann und sollte frau sich nach der (aus weiblicher Sicht) desaströsen letzten Vendée Globe freuen, dass sage und schreibe sechs Skipperinnen diesmal am Start sein werden. Denn bei der VG-Ausgabe 2016/2017 war keine einzige Frau dabei. Andrerseits sind eben sechs Frauen in einer Flotte von 33 gemeldeten Booten gerade mal 18 Prozent. Was wiederum weit entfernt ist vom erklärten Ziel vieler namhafter Hochseeseglerinnen, in einer Männer-dominierten Segelwelt gleichberechtigt mitzumachen. 

Ist doch sensationell!

Bleiben wir noch ein wenig bei den Zahlenspielchen: In 30 Jahren Vendée Globe gab es lediglich acht Seglerinnen, die überhaupt teilnahmen, darunter Ellen Mac Arthur, Dee Caffari, Isabelle Autissier, Catherine Chabaud und Sam Davies, die dieses Jahr zum dritten Mal dabeisein wird. So gesehen sind sechs Seglerinnen beim diesjährigen Event schlicht sensationell! 

Wie auch bei den männlichen Konkurrenten, können die Frauen bei der diesjährigen Vendée Globe in zwei Gruppen unterteilt werden. Solche, die bereits seit Jahren professionell auf eher jüngeren Booten im Hochseesport unterwegs sind, finanzstarke Sponsoren hinter sich wissen und sich auf ein erstklassiges Shore-Team verlassen können: Samantha Davies (Initiative Coeur), Isabelle Joschke (MACSF) und mit einer Menge Glück auch Clarisse Cremer (Banque Populaire).

Richtig klasse: Samantha Davies auf Rang 4 beim Vendée Arctique © IMOCA

Und die buchstäblich andere Hälfte, die anderen, solche die finanziell weniger gut bis gar nicht gepolstert sind, nur kleinere bis minimale Shore-Crews beschäftigen können, oft noch in einem anderen Berufsleben ihre Frau stehen müssen, eher ältere bis ziemlich alte Boote segeln und nur wenig, wenn nicht zu wenig Vorbereitungszeit für eine Nonstop-Weltumseglung hatten und haben: Mirinda Merron (Campagne de France), Pip Hare (Medallia) und Alexia Barrier (4MyPlanet).

Drei von Sechs

Heute stellen wir Euch in Kurzporträts die drei Seglerinnen im diesjährigen Vendée Globe-Feld vor, die ernsthafte Chancen auf eine Top Ten-Platzierung haben. Die Porträts der „drei anderen“ folgen in Kürze. 

Samantha Davies (Britin, wohnt in Lorient/Frankreich, 46 Jahre)

Die Szene meint: „Wenn es eine Frau aufs Podium schafft, dann Samantha!“ Tatsächlich könnte die Britin nach dem sensationellen zweiten Rang ihrer Landsfrau Ellen MacArthur in den Jahren 2001-2002 die zweite Frau sein, die es aufs Treppchen schafft. Sechs Jahre nach Ellen glänzte Sam Davies bereits mit einem vierten Platz bei der (verlustreichen) VG-Ausgabe 2008-2009. Und vier Jahre darauf ereilte sie das Mastbruch-Pech, viel zu früh. Spektakulär ihre Rückfahrt in die Bretagne mit dem Baum als Mast und einem Laser-Segel als einzigem Vortrieb für den 60-Fuß-IMOCA. 

Samantha zählt zu den Frauen, die wirklich Biss haben und „dran bleiben“, auch wenn’s mal nicht so richtig rund läuft. Das zeigte sie etwa als Skipperin des „Frauen-Boots“ beim Volvo Ocean Race (alle Etappen beim Run-um-die Welt-Rennen) und bei mittlerweile Dutzenden IMOCA-Regatten, auch Einhand- oder Zweihand-Transats. Kleinere Rennen wie den Dhream Cup 2019 gewinnt sie lässig, beim letzten, bestbesetzten VG-Qualifier brillierte sie mit einem vierten Rang – direkt hinter den nagelneuen IMOCA.

Apropos Boot: Samantha „Sam“ Davies segelt einen mittlerweile legendären IMOCA der vorletzten Generation: 2010 entwickelt und gebaut von „Prof“ Desjoyeaux, kam das Boot bald unter die Fittiche des Banque Populaire-Rennstalls. Mit Armel le Cleac’h am Ruder verpasste es um vier Stunden den Sieg bei der Vendée Globe 2012-13. Danach kam es in die Hände von Jeremie Beyou, der ihm Foils verpasste und darauf Rang 3  bei der letzten Vendée Globe erreichte. Unter der Regie von Samantha erhielt der IMOCA schließlich andere Foils im aktuellen „Shape“. Kurz: Skipperin und Boot sind als Team in Sachen Erfahrung kaum zu schlagen. Vom Enthusiasmus und Podium-Willen ganz zu schweigen!

Isabelle Joschke (Deutsch-Französin, wohnt in Lorient, 43). 

Es gibt nur wenige Frauen, die Sam Davies das „Wasser der Hochsee“ reichen können – Isabelle Joschke ist eine davon. Ja, einige Szene-Kenner sind sogar der Meinung, dass sie durchaus Chancen hätte, Davies in einem rein seglerischen Duell (ohne Bruch und Wetter-Überraschungen) zu schlagen. Denn die Deutsch-Französin hat sich im Mini (Serie und Prototyp) hervorragend geschlagen, segelte im Figaro-Zirkus vielen der männlichen Helden um die Ohren und wirbelte die Class 40-Szene mit sehr guten Leistungen durcheinander, bis sie bei den IMOCAs ihre Akzente setzte. Anders formuliert: Isabelle Joschke hat wie kaum eine andere das Zeug zu einem der vorderen Plätze bei dieser Vendée Globe, wäre da nicht diese verdammte Pechsträhne! 

Wieviel Bruch kann frau aushalten? Palme runter bei der Mini-Transat, Delaminerung des Rumpfes bei Transat Bakerly, Mastbruch bei der Route du Rhum, Grundberührung und Kielschaden bei der Transat Jacques Vabre, Baum gebrochen bei Sables-Arctique…uff! Doch alles, alles hat irgendwann ein Ende, auch so eine Pechsträhne. Man möchte ihr zurufen: Es kann nur besser werden, bei dieser Vendée Globe! Jetzt bist Du dran als Glückskind! (SR-Interview)

Isabelle Joschke in Aktion © ronan gladu

Joschkes Boot stammt aus dem Jahr 2007, wurde für Marc Guillemot gebaut und gilt aufgrund seines geringen Gewichts bei robuster Rumpfstärke als Meilenstein unter den IMOCA-Konstruktionen. Der Verdier-Riss wurde von Isabelle Joschke und ihrem Mentor und Team-Manager Alain Gauthier mit Foils der letzten Generation ausgestattet. Wenn alles heil bleibt, ist dieses Boot als gleich schnell wie Samanthas Renner einzuschätzen. Die Vendée Globe wird’s zeigen!

Clarisse Cremer (Französin, wohnt bei Lorient, 30)

Was wurde nicht alles geunkt, als die junge Clarisse „Clacla“ Cremer von Banque Populaire den Zuschlag für die „frei gewordene“ alte IMOCA erhielt. Kurz zuvor war sie „nur“ Zweite in der Serienwertung bei der Mini-Transat geworden, hatte eine Figaro-Kampagne angefangen und irgendwie war ihr nicht so ganz klar, ob sie mit dem Regattagedöns weitermachen oder doch lieber einem „ordentlich Business, bei dem man Geld verdient“ nachgehen soll?

Doch dann kam dieser Anruf und sie stand bald darauf neben Armel Le Cleac’h auf dessen IMOCA Banque Populaire und konnte es nicht fassen, dass der finanziell wohl potenteste Sponsor im französischen Hochseezirkus ihr ein Boot für die Vendée Globe 2020 überlässt. Angeblich, so hieß es, weil sie ein glückliches Händchen bei der medienwirksamen Vermarktung ihrer Person habe und so als junges, frisches Gesicht für wenig Geld reichlich Aufmerksamkeit bescheren würde. (SR-Bericht)

Doch genau damit hält sich Clarisse Cremer bereits seit 1,5 Jahren zurück. Keine lustigen Videos mit Teddybär mehr von Bord, sondern Training, Training und nochmals Training. Für den Einen ein Desaster, für die andere ein Glücksfall: Nachdem Armel le Cleac’h den BP-Ultim-Trimaran zerlegt hatte (und ein neuer Tri gebaut werden muss), konnte er deutlich mehr Zeit als vorgesehen mit Clarisse auf dem Wasser verbringen. Und er zeigte sich als hervorragender Lehrmeister: Gemeinsam kamen sie als erster IMOCA ohne Foils als Sechstplatzierte beim Transat Jacques Vabre über den Atlantik und beim letzten Fastnet Race wurden sie sogar Dritte in der IMOCA-Wertung. Alles trug Früchte: Beim Vendée Arctique schlug sich Clarisse Cremer in der ersten Hälfte des Einhand-Rennens sensationell weit vorne, letztendlich finishte sie als 12te – aber erstes Boot ohne Foils! 

Clarisse Crémer auf See © Clarisse Crémer

Zwar beteuert die 30-jährige Ausnahmeseglerin (die erst mit 18 mit dem Segeln angefangen hat), dass sie bei der Vendée Globe ankommen wolle, sonst nichts. Aber mittlerweile ist sie als Kämpferin bekannt – ob sie andere Boote ohne Foils an sich vorbeilassen wird? 

Ihr Boot ist jedenfalls schon mal hoch dekoriert: Sieg der Vendée Globe 2013 mit Skipper Fancois Gabart. Der siegte auf „Macif“ auch bei der Route du Rhum, die mit dem IMOCA zwei Jahre darauf auch von Paul Meilhat gewonnen wurde. Das Banque Populaire Shore-Team hat den Renner bewusst nicht mit Foils ausgestattet: Das Lernpensum wäre für Clarisse Cremer zu groß gewesen. Und, ey: never change a winning team, pardon: boat!

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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