Vendée Globe SR-Interview: Adrian Bleninger vom Ammersee will 2024 starten – machbar?

"Ich werde an den Start gehen"

Mit ihm könnte sich zeigen, ob der Hype rund um Herrmanns Vendée Globe-Platzierung auch für andere Deutsche Segler den Boden bereitete: Adrian Bleninger will 2024 auf einem nachhaltigen IMOCA dabei sein. Ein Gespräch über Ambitionen, Trainings-Realitäten und Selbstbewusstsein.

Im Fokus: Adrian Bleninger © bleninger

Der 29-jährige Adrian Bleninger weiß genau, was er will oder besser gesagt: machen wird. Denn er WIRD bei der Vendée Globe 2024 teilnehmen. Zumindest schreibt er das so auf seiner Website: „2024 werde ich bei der Vendée Globe an den Start gehen. Es ist das härteste Segelrennen der Welt. Dabei will ich nicht nur Segel, sondern auch Zeichen setzen. Für unseren Planeten und unsere Umwelt – mit meinem Happy Ocean Project.“ 

Zeit seines Lebens hat er verfolgt, was er heute als seinen Lebensinhalt bezeichnet: Hochsee-Regattasegeln. Dafür musste er seinen Eltern „beibringen“, dass er nicht den väterlichen Handwerksbetrieb übernehmen wird. Sondern vom bayerischen Ammersee möglichst rasch auf die „Sieben Meere“ wechseln werde. Nach ersten Regatta-Erfolgen auf dem Laser und Pirat, segelte er schon mit 16 Jahren auf Big Boats im Mittelmeer. Konsequent: Eine Lehre zum Bootsbauer war für ihn Pflichtprogramm – die Kür soll nun mit dem Bau eines eigenen IMOCA aus nachhaltigen Materialien folgen. Ein Gespräch über Ambitionen, Trainings-Realitäten und Selbstbewusstsein.

SegelReporter: Adrian, erstmal Gratulation zu einer gelungenen, professionell aufgemachten Website. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg, der vor Dir liegt! 

Adrian Bleninger: Freut mich, wenn’s Euch gefällt. Hat auch eine Menge Arbeit gemacht, ich stecke ja schon seit über einem Jahr in den Vorbereitungen für mein Projekt. Umso besser, wenn die Seite gut ankommt!

Der Mann weiß, was er will © bleninger

SegelReporter: Neben dem visuell angenehmen Auftritt fällt auf, dass Du richtig selbstbewusst an Dein Projekt „Teilnahme an der Vendée Globe 2024“ herangehst. 

Adrian Bleninger:  Ja, klar, wäre ich mir meiner Sache nicht sicher und somit nicht selbstbewusst, bräuchte ich so ein Projekt gar nicht erst anzupeilen. Ich will ja kommunizieren, was ich kann und was ich bereits alles gemacht habe, will meine Vorstellungen rüberbringen um schließlich zum Ziel zu gelangen: Eine Teilnahme bei der Vendée Globe 2024. Ohne gesundes Selbstbewusstsein wird das nichts! Es mag für einige Leser grundsätzlich dreist klingen, aber ich weiß, was ich kann und will es gerne beweisen!

SegelReporter: Bleiben wir ein bisschen beim Selbstbewusstsein, was bitte ohne ironischen Unterton zu verstehen ist. Worauf baust Du?

Adrian Bleninger: Nun, ich segle seit über 20 Jahren und seit mehr als sechs Jahren verdiene ich mein Geld mit dem Segelsport.

Mein erster Job war als Boatcaptain auf einem Volvo70 („Green Dragon“) und oder auf dem russisch/österreichischen Offshore-Racer „Kosatka“(Monsterproject) im Mittelmeer,und den englischen Gewässern. Später war ich auf TP52 unterwegs, auf der „Intermezzo“ des OTG-Chefs Jens Kuphal und zuletzt im Offshore Team Germany involviert: Als Préparateur auf dem Mini-Prototypen „Lilienthal“ von Morten Bogacki und auf dem IMOCA „Einstein“ als Crew-Mitglied im klassischen Shorthanded/Crew-Modus – also auf dem Vorschiff genauso wie am Ruder oder bei der Navigation. Als Bootsbauer war ich zudem während des gesamten Refits der OTG-IMOCA „Einstein“ aktiv. Zuletzt habe ich eine Dehler30OD im Shorthanded-Modus bewegt.

Mit diesem Background habe ich natürlich auch Selbstvertrauen gewonnen – ich weiß, dass ich technisch und seglerisch so ein Projekt wie die Vendée Globe-Teilnahme stemmen kann.

Adrian träumte immer schon von der unendlichen Weite der See © bleninger

SegelReporter: Deine seglerischen Anfänge und Deine bisherige Laufbahn als Segelprofi entsprechen nicht gerade dem Karriereweg, den man bei Vendée Globe-Teilnehmern so kennt. 

Adrian Bleninger: Stimmt, vom Ammersee aus ist noch keiner auf einem IMOCA gelandet. Und mir ist auch klar, dass der französische Weg zur Vendée Globe anders aussieht. 

SegelReporter. Wann bist Du denn erstmals auf einem Ozean oder Meer gesegelt?

Adrian Bleninger: Ich bin nach „Regattasegelei“ auf dem Pirat oder auf dem Laser und 49er mit ca 18– 20 Jahren in die Big Boat Szene gekommen, war dann bald auf dem Mittelmeer auf Marten49 und TP52 dabei. Middle Sea Race, Copa del Rey, Voiles de St. Tropez etc.– da war ich als Segler auf dem Boot und hab’ mir nebenher ein Netzwerk mit den Profis und dieser ganzen Szene aufgebaut, die mich von Anfang an faszinierte.

SegelReporter: Du zählst hauptsächlich Crew-Erfahrung auf – da kann ich mir natürlich nicht die Frage verkneifen: Hast du auch Einhand-Erfahrung?

Adrian Bleninger: Die Volvo 70 haben wir oft über lange Strecken im Shorthanded-Modus zu den nächsten Regatta-Terminen überführt. So ein Teil zu zweit zu segeln, das ist schon der Hammer. Mit Morten Bogacki habe ich vor zwei Jahren die Mini-Szene in Lorient kennengelernt. 

Bei den Shorthanded-Überführungen habe ich erfahren, was es bedeutet, über lange Strecken nahezu alleine für das Boot verantwortlich zu sein; irgendwas muss ja immer repariert werden, außerdem Navigation, Segeltrimm und und und… nicht einfach, aber faszinierend!

Außenbord-Arbeiten – nomaler Job für Preparateure wie Bleninger © bleninger

SegelReporter: Um nochmal kurz auf Deinen Einstieg in die Szene zurück zu kommen: Wäre der klassische Weg über die einhand gesegelten Minis und Figaros nicht sinnvoller gewesen? 

Adrian Bleninger: Es gibt keinen klassischen Weg bis zur Vendée Globe. Das macht den großen Reiz aus. Was Du ansprichst, ist der französische Weg – die Szene kennt durchaus auch Vendée Globe Teilnehmer, die aus dem Bootsbau kommen oder zuvor bei Olympia teilgenommen haben. Aber es stimmt, der französische Weg ist mit Sicherheit vielversprechend. Und deshalb werde ich ab diesem Jahr in der französischen Szene mit dem Training beginnen. Und zwar auf Figaro 3 und vielleicht auch Class 40. 

SegelReporter: Oha, ausgerechnet bei den Figaristen. Eine harte, weil ausgesprochen kompetitive Schule. Hast Du ein Boot gemietet? Oder hast Du dich in ein bestehendes Figaro-Projekt eingekauft?

Adrian Bleninger: Ja, es wird wohl auf das Chartern eines Figaros hinauslaufen. Ich habe einen sehr guten Kontakt zu einem Projekt-Manager in der Figaro-Szene. Natürlich ist das auch eine Frage des Sponsorships – das beschäftigt mich ja „so ganz nebenbei“ auch über die ganze Zeit hinweg – wir sind aber auf einem ganz guten Weg, dass auch im Herbst für die Transat Jacques Vabre auf einer Class 40 etwas klappen könnte.

SegelReporter: Du beginnst also jetzt mit Deinem Einhand-Training in der Figaro-Szene – welche Regatten hast Du vorgesehen? 

Adrian Bleninger: Erstmal steht Training in Figaro-Gruppen auf dem Programm. Dann ein paar kleinere Regatten vor der Küste und im Herbst will ich an der legendären Solitaire du Figaro teilnehmen. Was richtig stark wäre: Zweihand über den Teich auf einer Class 40, plus die Rücküberführung – ein super Training für die gesamte Vendée Globe-Kampagne. 

Bei solchen Aktionen fängt dann schon die Kür an © bleninger

SegelReporter: Dein Programm ist – gelinde gesagt – ambitioniert und durchaus beeindruckend. Wie sieht es mit dem Respekt aus, wenn Du bei der Solitaire du Figaro mitmischen willst? 

Adrian Bleninger: Ich bin mir durchaus im Klaren darüber, dass sich in der Figaro-Szene einige der besten Einhand-Segler der Welt tummeln. Für mich steht außer Frage, dass ich mich ganz hinten einreihen werde – aber als Training gibt es einfach nichts Besseres! 

SegelReporter: Bist Du auch noch beim Offshore Team Germany aktiv – beispielsweise vor und für den Start des Ocean Race Europe Ende Mai? Wirst schließlich schon in Lorient sein.

Adrian Bleninger: Nein, beim OTG bin ich nicht gesetzt. Es ist aber durchaus vorgesehen, dass ich als Prèparateur in einem anderen IMOCA-Team aktiv werde. Damit ich mit der Technik Schritt halten kann. 

SegelReporter: Kommen wir zu Deiner großen Vision: Du willst die Vendée Globe 2024 auf einem eigenen IMOCA bestreiten. Nicht nur das, der IMOCA soll erst noch gebaut werden und zwar mit nachhaltigen Materialien. So kündigst Du das auf Deiner Website an! 

Adrian Bleninger: Stimmt, wenn die Zeit und das Sponsorship es hergeben, soll es genau so ablaufen. Nun ist es ja so, dass so ein Bau eine gewisse Zeit braucht. Und die Finanzen müssen stimmen. Wenn Beides für die erste Kampagne nicht reicht, wird das eben für den Neubau erst was für die Vendée Globe 2028. Ich will ja keine One-Day-Show machen, sondern langfristig etwas aufbauen.

SegelReporter: Lassen wir also den Zeitplan beiseite – Du planst den Bau eines IMOCA mit größtenteils nachhaltigen Materialien wie einen Verbundstoff aus Flachs und speziellen Epoxidharzen. Ein Thema, das auch in der französischen, bisher maßgeblichen Szene heiß diskutiert wird. Man ist sich darüber im Klaren, dass der Bau mit „schmutzigem“ Karbon keine Zukunft haben wird –andrerseits gibt es noch keine anständigen Material-Tests die beweisen, dass die alternativen Baustoffe auch tatsächlich eine Weltumseglung im High-Speed-Modus durchhalten. 

Adrian Bleninger: Für mich als Bootsbauer, Segler und Fan der Ozeane und Meere ist das der einzige Weg mit Zukunft! Was die Erfahrungswerte mit solchen Stoffen anbelangt: Derzeit ist das 11th Hour Racing-Team mit seinen Verbundwerkstoffen sehr nahe an umweltverträglichen Lösungen dran. 

Vorbild für Adrian: 11th hour Racing – Imoca mit teils nachhaltigen Baumaterialien. © Amory Ross / 11th Hour Racing

SegelReporter. Was lassen denn D.E. die IMOCA-Klassenregeln diesbezüglich zu?

Adrian Bleninger: Hier wird noch viel diskutiert, derzeit peilt man an: Alle nichttragenden Teile auf neu zu bauenden IMOCA sollen in Zukunft aus umweltverträglichen Stoffen hergestellt werden. Bei tragenden und strukturell wichtigen Teilen gibt man sich noch vorsichtig. Es wäre zum Beispiel schon ein riesiger Schritt, wenn wir in der nächsten IMOCA-Generation 50 Prozent der Kohlefaseer-Verbundwerkstoffe gegen beispielsweise Flachs und ein entsprechendes ökologisches Epoxid austauschen könnten.

SegelReporter: Wie sieht es denn mit den Finanzen aus? Solche neuen Verbundstoffe kosten doch aufgrund der notwendigen und zeitaufwändigen Testphasen enormes Geld . Und schon der Bau eines Karbon-IMOCA verschlingt doch Abermillionen. 

Adrian Bleninger: Klar, wenn wir uns anschauen, dass die gebrauchten IMOCA der letzten Vendée Globe-Generation für 5 bis 6,5 Millionen Euro weiterverkauft wurden, dann wird der Einsatz für die Sponsoren schon recht aufwändig werden. Aber ich denke, es ist jedem Interessierten klar, wie sehr sich das lohnen wird. Schließlich ist es ein Investment in die Zukunft.

Es steht außer Frage, dass die Sponsorensuche mich weiterhin vollauf beschäftigen wird. Aber ein Anfang ist geschafft, ich kann in der französischen Szene bei den Figaros mitttrainieren. Und ich werde mich voll hinter die weitere Sponsorensuche klemmen!

Website Happy Ocean Project

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Michael Kunst

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