Vendée Globe: Start Sonntag 13 Uhr – Die wichtigsten IMOCA-Klassenregeln im Überblick

Im Tiefflug um die Welt

Teilnehmerrekorde, neue Boote, neue Foils – die neunte Auflage der Einhandregatta Vendée Globe verspricht viele Höchstleistungen. Die spannendste Regatta des Jahres im Überblick.

Imoca Open 60: Die wichtigsten Klassenregeln © Grafik: Vendee Globe

Die neunte Vendée Globe startet am Sonntag, 8. November, in Les Sables d‘Olonne im französischen Département Vendée an der Atlantikküste. Besonders wird diese Auflage der Einhandregatta um die Welt alleine dadurch, dass sie die erste Vendée Globe unter Pandemiebedingungen ist. Covid-19 sorgt unter anderem dafür, dass sich die Skipper vor dem Start in Isolation begeben müssen. Für das Leben an Bord hat die Pandemie dagegen kaum Bedeutung – mehr Quarantäne geht nicht. Allerdings sind Start und Ziel in der Vergangenheit wahre Volksfeste gewesen, die so 2020/21 nicht mehr denkbar sind.

Mit 33 Teilnehmerinnen und Teilnehmern hat sich zur Vendée Globe 2020/21 das größte Feld jemals qualifiziert. Nur 2008/09 hat man überhaupt schon einmal die Marke von 30 Meldungen überschritten. Doch es gibt noch weitere Rekorde zu vermelden. Erstmals sind sechs Frauen am Start. Auch die Zahl von zehn Nicht-Franzosen markiert ein Allzeithoch, ebenso wie der Anteil von 18 Erstteilnehmern. Auf der anderen Seite geht etwa Alex Thomson bereits das fünfte Mal an den Start; bei den Frauen hat Sam Davies mit der dritten Teilnahme die längste Erfahrung.

Die Top Favoriten kommen wie immer aus Frankreich. Aber auch Alex Thomson hat beste Chancen. Mit Boris Herrmann ist erstmals ein deutscher Skipper am Start. Er peilt einen Platz unter den Top Ten an.

Die Foils der neuesten Generation tragen bis zu 100 Prozent des Bootsgewichts © Frank Baur

Die Bootsklasse Imoca Open 60, mit der die Vendée Globe ausgetragen wird, befindet sich derzeit in einer Umbruchphase. Grundsätzlich gehören Innovationen hier dazu. Der Begriff Open steht für eine offene Klasse, in der alles erlaubt ist, was nicht ausdrücklich geregelt oder verboten ist. Aber die Entscheidung, dass die nächste Mannschaftsregatta um die Welt The Ocean Race (ehemals Volvo Ocean Race, davor Whitbread) auch auf den Imoca Open 60 ausgetragen wird, hat der Klasse ebenso neuen Schub gegeben wie die rasante Entwicklung der Foil-Technik.

In der letzten Auflage der Vendée Globe 2016/17 kamen die Tragflächen erstmals auf sechs Imoca Open 60 zum Einsatz. Diesmal sind bereits 19 von den 33 Booten mit Foils ausgerüstet. Der größte Teil davon sind Boote älterer Generationen, die umgerüstet wurden. Doch es gibt auch acht Open 60 der neuesten Generation, die speziell für das Segeln auf Tragflächen konstruiert worden sind. Darunter fallen zum Beispiel die Charal des viermaligen Teilnehmers und Favoriten Jérémie Beyou und die L‘Occitaine en Provence von Armel Tripon, die erste Imoca Open 60 mit Scow-Bug.

Das Cockpit kann mit einer Sprayhood verschlossen werden © Andreas Lindlahr

Die ersten Foilversionen für die Boote von 2016 hatten noch Schwächen am Wind. Dieser Kurs kommt auf der anvisierten Route um die Welt zwar selten vor, aber die entsprechenden Boote waren mit rund zehn Grad weniger Höhe nicht konkurrenzfähig. Neue Foils konnten diese Schwäche zwar ausgleichen, brachten aber auch keine wirklichen Vorteile gegenüber den Imocas ohne Foils. Erst die dritte Version war überhaupt in der Lage, bei einem Windeinfallswinkel zwischen 70 und 120 Grad einen Vorteil von drei Knoten zu erzielen, ohne ihn auf anderen Kursen wieder einzubüßen.

Diese Foils erzeugten einen Auftrieb von etwa 30 Prozent des Rumpfgewichts, was entsprechend mehr Segelfläche erlaubt und somit zu einer höheren Endgeschwindigkeit führt. Die neueste Version von Foils trägt nun bis zu 100 Prozent des Rumpfgewichts, was die benetzte Fläche drastisch reduziert. Das wiederum machte es nötig, die entsprechenden Rümpfe nachträglich zu verstärken, was mehr Gewicht mit sich brachte. Hier liegt nun der Vorteil der neuesten Foiler, die bereits von vornherein auf die jüngste Foilversion zugeschnitten worden sind.

Zum ersten Mal sind zehn Nicht-Franzosen am Start, darunter auch Boris Herrmann © Andreas Lindlahr

Ein beträchtlicher Teil der Imoca-Open-60-Flotte ist damit nun technisch in der Lage, fast komplett abzuheben. Die Boote berühren nur mehr mit der Leetragfläche, dem Kiel, dem Lee-Ruderblatt und dem Heck das Wasser. Problematisch ist das fehlende T-Foil am Ruder, das bei üblichen Tragflächen-Konstruktionen wie ein Höhenleitwerk beim Flugzeug für die Stabilität in der Flughphase sorgt. Die Klassenregeln erlauben es nicht, damit die älteren Designs konkurrenzfähig bleiben.

Eine entscheidende Frage wird wohl auch sein, wie die Seglerinnen und Segler mit dem veränderten Seeverhalten unter diesen Bedingungen klarkommen. Jedenfalls ist damit zu rechnen, dass der Geschwindigkeitsrekord von 74 Tagen 3 Stunden und 35 Minuten, aufgestellt von Armel Le Cleac‘h 2016/17 mit einem der damaligen Foiler, deutlich unterboten wird. Die Leistungswerte der Yachten lassen erwarten, dass die schnellsten Yachten weniger als 70 Tage benötigen werden.

Der Startschuss fällt am Sonntag um 13:02 vor Les Sables d’Olonne. Er wird live auf der Vendee Globe Website übertragen.

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