Vendée Globe: Sunnyboy Alan Roura kämpft mit Pechsträhne – Höchststrafe durch Pip Hare

Im Öl – buchstäblich!

Auch für den Schweizer Alan Roura (27) läuft bei dieser Vendée Globe alles 1. anders und 2. als er dachte! Der „Benjamin“ der Flotte wird durch Kielprobleme ausgebremst und ist weit von der angepeilten Platzierung entfernt.

Neulich bei der Vendée Globe. „Wie komme ich bloß wieder aus diesem ganzen Schlamassel raus? Im Moment geht alles so verdammt langsam voran. Ich hab’ keine Wahl: Ich segle sowas von platt vor dem Wind. Die See spielt total verrückt und ich kann nur diesen instabilen Kurs segeln! Weil ich nur so wenig wie möglich halsen will, verdammt nochmal! Weil jede, aber auch wirklich jede Halse eine Lotterie für meinen Kiel ist. Ich segle wie auf Eiern, es ist zum Heulen. Dieser Pazifik – „Stiller Ozean“, dass ich nicht lache! Der ist alles andere als friedlich!“

Alan Roura steht am Rande des Nervenzusammenbruchs. Mal wieder, müsste man eigentlich schreiben, wenn das nicht so hoffnungslos negativ klingen würde. Denn trotz einer penetrant anhaltenden, fiesen Pechsträhne riss sich der 27-jährige Schweizer immer wieder zusammen, rappelte sich aus Situationen heraus wieder auf, die bei anderen längst zum Abbruch dieses Rennens geführt hätten. 

Der Flautenfinder

Kleine Reparaturen, wie Korrekturen des Autopiloten, Schwierigkeiten mit der Elektrik oder die eine oder andere Kletterpartie in den Mast – geschenkt. „Mit sowas müssen sich alle rumschlagen, das ist nicht mal der Rede wert,“ schreibt er von Bord, kurz nachdem er den Äquator überquerte.

Viel mehr zerrte an seinen Nerven, dass er die Flauten regelrecht anzog. „So schlecht navigiere ich doch nun auch wieder nicht! Aber jedes Mal, wenn sich irgendwo – auch abseits meiner Route, ein Flautenloch auftut, kreuzt es garantiert meinen Kurs. Oder ich fahre völlig betriebsblind mitten rein. So oft wie ich im Öl bei dieser – es muss ja nun auch mal gesagt werden – höchst seltsamen Vendée Globe dümpelte, so oft wurde ja wohl kein anderer abgebremst, oder?“ ruft er in einem Video seinen Fans zu. Während über ihm das Großsegel ohne Druck im Seegang hin- und her schlägt.

Zwischendurch dann – trotz Flaute – Hochstimmung. Coole Dance-Performance!

Vor allem im südlichen Atlantik trafen ihn die Flauten härter, als die meisten Konkurrenten. Manche Nachrichten nach Hause, zur gerade erst neu gegründeten Familie und der eine oder andere Podcast für die Fans klangen dann schon leicht wehmütig. Alles sei so anders als bei seiner ersten Vendée Globe 2016/17. Damals, als er ohne jeglichen Druck als jüngster Teilnehmer aller Zeiten mit 23 Jahren auf dem doch schon recht salzigen Buckel mit einer regelrechten Low Budget-Kampagne die Ozeane bezwang. „Irgendwie war vor vier Jahren einiges cooler als heute,“ endet eine Nachricht. 

Im Öl – buchstäblich!

Doch die Flauten sollten sich bald ebenfalls als ein eher nebensächliches Problem herausstellen. Denn Alan Roura erlebte sein technisches „Waterloo“, als er ca 1.100 Seemeilen vor dem Kap der Guten Hoffnung, am 28.11.20 schon gewissermaßen hoffnungsfroh nach dem flautenreichen Südatlantik den Indischen Ozean anpeilte. „Plötzlich regnet es unter Deck Öl!“ beschreibt er in einem der emotionsgeladensten Videos dieser Vendée Globe. Das gesamte Cockpit war über und über mit Öl bespritzt. „Der Schlafsack, meine Klamotten, die Essensrationen, die Bildschirme… alles, alles, alles!“ 

Ein kleiner Schlauch, der die Hydraulik des Pendelkiels mit Öl versorgt, hatte sich gelöst und spritzte munter mit Hochdruck das pechschwarze, stinkende Öl in alle Richtungen. 

Und dann begann der junge Skipper zu weinen. Nein, nicht zu heulen und vor Wut rumzutrampeln, sondern… verzweifelte Tränen zu weinen. Nix mehr harter Kerl auf rasendem Boot – wahre Gemütslage war angesagt. Vor laufender Kamera zeigte er aller Welt, in welchem mentalen Zustand er war. Einige Tage später kommentierte Alan das Video, dessen Veröffentlichung er übrigens explizit zugestimmt hatte: „Nun habt ihr mich eben mal ‚nackt‘ gesehen!“ 

SunnyboyAlan Roura ©/la fabrique

Es dauerte Stunden und Tage bis seine „La Fabrique“ wieder einigermaßen bewohnbar war. Doch das Problem als solches war nur für kurze Zeit gelöst. Der Kiel und seine Hydraulik sollten Alan Roura und seinem Boot noch viele Schwierigkeiten bereiten.

Mitten im Southern Ocean sendet er am 1. Januar die Nachricht: „Zum zweiten Mal regnete es Öl in meinem Boot. Schon wieder ist ein Schlauch geplatzt. Ich kann noch nicht mal mehr heulen – so macht mich das fertig! Jetzt habe ich bald keine Ersatzteile mehr für diese vermaledeite Kiel-Hydraulik. und das Nachfüll-Öl wird auch knapp. Halte bloß durch!“ ruft er seiner Bordtechnik zu. 

Von 20 auf 45 kn in wenigen Sekunden

Doch allen technischen Problemen, Flauten und allem Unken zum Trotz, segelt Roura jetzt auf Rang 16 Richtung Kap Hoorn, ca. 2.600 Seemeilen vom Führenden Bestaven entfernt. „Vor zwei Tagen spielten See und der Wind völlig verrückt. Derzeit beruhigt sich die Situation wieder etwas, aber bald dürfte es wieder richtig losgehen!  Die Böen waren grauenhaft – von 20 auf 45 kn Windgeschwindigkeit in ein paar Sekunden.

Das ist kein Kinderspiel in einer See, die mal fies von der Seite kommt, dann wieder von vorne, um dich dann doch wieder in einem rasenden Surf vorwärts zu katapultieren. Später sind 60 kn angesagt, wie ich die abreiten werde, weiß ich noch nicht. Vielleicht das Groß ganz runternehmen und nur mit der J3-Fock?“

Typisch – entweder im Öl oder es regnet Öl © roura/la fabrique

Er müsse jetzt eben die Pobacken zusammenkneifen und mit dem Motto „Hauptsache, es bleibt alles einigermaßen an einem Stück“ rund Kap Hoorn kommen. Danach werde alles besser, hofft Roura.  Es sei zum Heulen, jammert er dann doch ein wenig. Schließlich seien das genau die Windbedingungen, die er sich in den Flauten erhofft habe.

„Weil ich eigentlich dachte, dass ich eines der stabilsten und am besten vorbereiteten Boote der Flotte habe!“ Doch das war, als seine „La Fabrique“ noch 100 Prozent Potential hatte. Jetzt, mit einem nur noch bedingt einsetzbaren Kiel, segle er höchstens noch mit 75 Prozent Leistung. 

Mit festem Kiel tief segeln

Dennoch kann Roura einige Halsen nicht vermeiden. Und die haben es in einem aufgewühlten Southern Ocean und bei starkem Wind in sich. Da Roura den Kiel offenbar– wie Isabelle Joschke auf ihrer MACSF – fixiert hat, kann er dessen aufrichtenden Vorzüge  nicht mehr einsetzen und muss so tief wie möglich steuern. Dazu muss sein Boot völlig anders getrimmt werden. Ein bisschen mehr oder weniger Foil hier, etwas mehr Ballast dort – keine einfache Situation für einen Solo-Segler.

Auch wenn er die Kraft und Energie der Jugend hat, um die Zentner über Zentner an Segeln und sonstigem beweglichen Ballast nach jeder Halse oder noch so leichten Kurskorrektur wieder an den vermeintlich richtigen Platz unter Deck zu wuchten. „Ich muss immer aufpassen, dass ich nicht zuviel vom Boot und von mir verlange. Ich habe jetzt einige Tage erlebt, in denen mal nichts kaputt gegangen ist. Und auch der Kiel scheint erstmal so zu halten – klopfen wir auf Holz, äh: Karbon!“

Stolzer Sunnyboy

Apropos Leistung und Potential der „La Fabrique“ und ihres Skippers. Wechseln wir dafür kurz die Szene. Wenn es einen Preis für den stolzesten Skipper im Vorfeld dieser Vendée Globe gegeben hätte – Alan Roura wäre zumindest auf dem Podium gelandet! In seinem Heimathafen „La Base“ gab es kaum einen anderen Skipper, der so stolz auf seinen IMOCA war, wie der junge Schweizer.

Entsprechend war Roura viel auf dem Wasser, trimmte seine nachträglich eingebauten Foils, segelte gegen Kollegen und Kolleginnen, hatte häufig Freunde und ehemalige Mitsegler an Bord. Roura entsprach wie kaum ein anderer oder eine andere dem Geist der jungen Generationen – purer Spaß am schnellen Segeln auf Hoher See, jede Menge sichtbare und immer wieder zum Ausdruck gebrachte Lebensfreude machten den jüngsten Skipper (auch dieser Vendée Globe) und frischgebackenen Familienvater zum Sunnyboy und Sympathieträger der IMOCA-Klasse. 

Auf fast allen Fotos – immer Strahlemann! Alan Roura ist nicht kleinzukriegen – hier bei der Silvesterfeier an Bord © roura/la fabrique

Was durchaus nachvollziehbar ist. Denn man muss das erstmal auf die Beine stellen: „Nur“ mit dem Hintergrund einer heil und am Stück beendeten Vendée Globe 2016/17 baute Roura eine Kampagne auf, von der man behaupten kann, dass sie nur aufgrund seines Charismas und seiner Ausstrahlung als hochsympathischer Repräsentant der jüngsten Hochseeskipper-Generation zustande kam.

Dass Roura den Sponsor „La Fabrique“, eine Großbäckerei-Restaurant-Kette aus der Champagne, für sein neues Projekt begeistern konnte, war mehr als nur Schicksal: Der junge Vendée Globe-Finisher hatte sich nach seiner letzten Kampagne vehement für die nachfolgende eingesetzt. Und sich eben nicht auf (schnell welkenden) Lorbeeren ausgeruht. 

Top Ten und mehr?

So kam er zu seinem „neuen/gebrauchten“ IMOCA von Bertrand de Broc, der sich nach der letzten Vendée Globe aus dem IMOCA-Geschäft zurückgezogen hatte und seitdem „nur noch“ Class 40 segelte. Der Finot-Riss hatte Armel Le Cleac’h 2008/2009 aufs Podium gebracht und galt als besonders zuverlässiges, ausgesprochen stabiles Boot. Roura verpasste seiner IMOCA Foils – teilweise segelte er aus finanziellen Gründen nur mit einem Foil die bretonischen Küsten entlang – und verordnete dem Boot eine Gewichtsdiät, um letztendlich besser mit den Foils abheben zu können. 

Nachdem der Schweizer auch noch den Streckenrekord für die nördliche Transatlantik-Route von West nach Ost für Solisten auf Einrumpfbooten geknackt hatte, war er sich seiner Sache ganz sicher und verriet vor dem Start dieser Vendée Globe optimistisch. „Ich peile die Top Ten an, um hinterher an ein Boot zu kommen, mit dem ich 2024 um den Sieg segeln kann!“ 

Und jetzt: Höchststrafe! Seit Ende letzten Jahres muss er sich mit der Britin Pip Hare ein Kopf an Kopf-Rennen liefern. Warum das für den Schweizer so deprimierend ist? Ganz einfach: Frau Hare ist auf Rouras „altem“ IMOCA unterwegs, mit dem er 2017 seine erste Vendée Globe finishte. 

Rückenverletzung, es bleibt ihm nichts erspart © Roura/la fabrique

„Es ist verrückt,“ schrieb er neulich von Bord. „ Boote aus der gleichen Generation wie meine „Fabrique“ machen derzeit weiter vorne echte Furore. Seguin, Le Cam, V + B Mayenne und Isabelle auf MACSF. Und ich gurke hier hinten rum, mit einem Kiel, dem ich nicht mehr richtig trauen kann und einem Boot, das eigentlich viel mehr drauf haben könnte, als ich ihm derzeit zumuten möchte.“ 

Als i-Tüpfelchen zur Höchststrafe jetzt noch das: Roura knallt vor 20 Stunden auf ein UFO, sein IMOCA wird brutal abgebremst. Er fiert hektisch das J3-Vorsegel, das sich zwei mal um den Radar wickelt. Stunden später gibt er erschöpft Entwarnung: Er habe keinen Wassereinbruch im Rumpf entdeckt, alles sei normal-chaotisch. Aber das Vorsegel, wie er das bei 30 kn Wind wieder in Ordnung gebracht habe, ohne den Radar zu beschädigen  – da sei er doch ein bisschen stolz auf sich, sagt er fatalistisch.

Courage!

Dass heute mal wieder Pip Hare rein rechnerisch vor ihm liegt, wird Alan Roura bestimmt ärgern. Aber er ist wohl selbstsicher genug um zu wissen, dass genau so, wie es ihm gerade passiert, die meisten Vendée Globe-Schicksale bestimmt werden. „Du kannst noch so gut segeln – wenn die Technik nicht mitspielt, ist alles verloren!“ hat Roura in einem Facebook-Post geschrieben.

Hoffentlich nicht alles verloren, denn seine Zehntausende Fans wollen ihn wieder glücklich und zufrieden durch den „Chenal“ von les Sables d’Olonne schippern sehen. Um später über alle, dicht behaarten Backen strahlend sein Kind und seine Frau in die Arme zu schließen. Aber noch sind 8.200 sm, das Kap Hoorn und der Atlantik zu bewältigen. Courage, Alan, courage! 

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Michael Kunst

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