Vendée Globe Technik: Welchen Schaden Charlie Dalins Apivia erlitten hat

Fieberhafte Reparatur

Nach einer ersten Begutachtung des Schadens von Charlie Dalin bei der Vendée Globe hat sein Team nun Details zu dem Problemen bekannt gegeben. Eine Kollision hat es wohl nicht gegeben.

So etwa sieht der IMOCA Foil-Schacht aus. Bei Apivia ist offenbar die hier als “lower bearing” bezeichnete Aufnahme beschädigt.

Charlie Dalin hat gehalst, um seine beschädigte Backbordseite aus dem Wasser zu bekommen. Er arbeitet an einer Lösung des Problems. Dabei ist inzwischen klar geworden, dass nicht die Tragfläche selbst beschädigt ist, sondern der Rumpfausgang des Schachtes, in dem das Foil ein und ausgezogen wird. In diesem Bereich treten beim Foilen große Kräfte auf.

Das Apivia-Team hat bekannt gegeben, dass dieser Schaden offenbar nicht durch eine Kollision mit einem schwimmenden Objekt verursacht wurde. Die Backbord-Tragfläche ist intakt. Es geht um das Lager, in dem sie geführt wird. Dort treten große Lasten insbesondere durch die Hebelwirkung. Es ist entsprechend der neuen IMOCA-Regeln für 2021 auch so konstruiert, dass es der Tragfläche eine Veränderung des Anstellwinkels um fünf Grad erlaubt.

Charlie Dalin im Flugmodus. Ob er auf Bckbordbug in Zukunft immer noch so Gas geben kann? © Jean-Marie Liot/Alea/Disobey/Apivia

Die Kräfte bei den neuen Foilern haben sich deutlich erhöht im Vergleich zur vorherigen Generation wie zum Beispiel Maitre Coq oder Bureau Vallée. Denn die Flügel sind länger geworden und mit etwa 500 Kilogramm mehr als doppelt so schwer – die 2016er Tragflächen wiegen zwischen 150 and 200 Kilogramm.

VPLP Flügel der ersten (kurzen) Generation im Vergleich zur aktuellen. © VPLP

Das zusätzliche Gewicht von etwa einer halben Tonne haben die Konstrukteure im Rumpf eingespart. Die Neubauten sind schmaler, weisen eine geringere benetzte Fläche auf und sind eben noch mehr auf den Auftrieb der Tragflächen angewiesen.

Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass Thomas Ruyant trotz seines abgesägten Backbord-Foils ansprechende Etmale mit Wind von Steuerbord zustande bringt. Aber er muss eben auch nur die Spitze des Profils verzichten, das insbesondere auf Kursen höher am Wind der Abdrift bei einem maximal nach Luv geneigten Kiel entgegen wirkt.

Charlie Dalin on Apivia bei der Vendée Globe © Yvan Zedda / Alea / #VG2020

Für den Schaden von Thomas Dalin ist entscheidend, dass die neue Generation der Foils mit einer deutlich komplexeren Konstruktion des Schachtes mit seinen Aufnahmen einhergeht. Deshalb ist der Schaden bei Apivia sehr kritisch zu bewerten, auch wenn es akut offenbar nicht zu einem Wassereinbruch gekommen ist. Aber bei Sebastien Simon (Arkea Paprec) hat das Problem nach einer Kollision zuletzt zum Rennabbruch geführt.

So dramatisch scheint die Situation bisher nicht zu sein. Der dreiköpfige technische Krisenstab von Apivia, zu dem auch Vendée-Globe-Sieger François Gabart gehört, arbeitet fieberhaft an einer Reparaturlösung. Der Skipper soll schon mit den Arbeiten begonnen haben.

Apivia ist vor den Wind abgefallen, die beiden Führenden ziehen mit gutem Wind davon. Auch die Verfolger mit Boris Herrmann holen auf.

Die Bedingungen, die an diesem Dienstag in der Zone erwartet werden, sind dafür günstig, weil Dalin zurzeit in einem Leichtwindgebiet beigedreht hat. Allerdings gestalten sie sich denkbar ungünstig im Hinblick auf die beiden führenden Boote.

Thomas Ruyant und Yannick Bestaven segeln jetzt schon mehr als 100 Meilen voraus. Ihr Vorsprung wird sich massiv vergrößern, wenn sie es schaffen sich in der starken Nordwestwind-Strömung zu halten. Aber für Dalin geht es zurzeit um existenziellere Aufgaben. Kann er sein Schiff wieder hundertprozentig funktionsfähig bekommen?

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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