Vendée Globe: Technologie-Transfer – Von der Weltumseglung direkt an die Windkraftanlage

Vom IMOCA auf die Fähre

Routing-Software für Fähren, Strukturberechnungen für Material-Innovationen, Hydro-Energie, Trimm-Einrichtungen für Windkraftanlagen – die Vendée Globe ist Testzentrum für viel Neues in der Industrie.

© Ronan Gladu et Martin Viezzer / IMOCA

Dass die Vendée Globe seit jeher als Technologie-Vorreiter gilt, ist in Seglerkreisen nichts Neues. Innovationen wie Pendelkiel oder Foils wurden zwar nicht für die IMOCA erfunden, von den 60-Fuß-Rennern und ihren Skippern jedoch unter maximal schweren Bedingungen auf der Hochsee getestet und bei mehreren Weltumseglungen „für gut“ befunden.
Doch solche Innovationen blieben per se bei den Seglern und gelangten nur selten „nach außen“ respektive in andere Anwendungsbereiche als die sportlichen. 

Nach der letzten Vendée Globe hat die IMOCA-Klasse nun einige Stimmen von „Machern“ aus der maritimen Industrie zusammen getragen, die Ideen und Innovationen aus den Vendée Globe-Kreisen übernommen haben. Oder dieselben jahrelang auf den IMOCA unter Härtebedingungen prüfen ließen. 

Als Test- und Forschungsfeld längst anerkannt

Dabei kommt zutage, wie weit Hochseesegeln in der französischen maritimen Industrie als Testfläche bereits akzeptiert ist. So berichteten wir bei SR bereits über die Solid Sails, die vom Vendée Globe-Veteranen Jean le Cam auf seiner (etwas betagten, aber effizienten) „Yes, we cam“ vor der Vendée Globe getestet wurden. Diese festen, buchstäblich soliden Segel sollen den Energieverbrauch von Handelsschiffen in Zukunft deutlich senken und ihre Schadstoffemissionen reduzieren. 

Doch wie auch im Video oben (Englisch untertitelt) von der Class IMOCA deutlich gemacht wird, macht die maritime Welt schon längst Gebrauch von neuen und avantgardistischen Technologien. 

Der Transfer dieser validierten Fortschritte aus dem Prototypenmaßstab in die Mainstream-Industrie wird immer häufiger.

Von der Konstruktion bis zum (fast) reibungslosen Betrieb eines IMOCA-Renners geht es heutzutage sehr schnell. In den letzten Jahren hat sich dies noch mehr gezeigt, da die neueste Generation von Booten nur eineinhalb Jahre vor dem Start der Einhand-Weltumsegelung gebaut wurde. 

Der Start zur Vendée Globe 2020. © Jean-Louis Carli/Alea

„Jetzt, also im März 2021 werden IMOCA, die jetzt noch im Bau sind, bereits im nächsten Jahr bei der Route du Rhum segeln”, erklärt Sébastien Guého, technischer Direktor von GSea Design, einem Unternehmen für Strukturberechnung und Design im Schiffbau. “Im Hochseesport haben wir eine andere Zeitskala für Innovationen als in der traditionellen Industrie. Die Entwicklungen, die bei den IMOCA gemacht werden, erlauben uns enorme Fortschritte, weil der Zeitplan der Rennen diese Geschwindigkeit vorgibt.“

Mit Hilfe von teils bahnbrechenden Technologien, die in Rekordzeit entwickelt und eben auf den IMOCA eingesetzt werden, können andere, maritime Branchen bereits von großem Zeitgewinn profitieren. “Was wir in der IMOCA lernen, gepaart mit unserem wachsenden Wissen über die Meeresumwelt und die Belastungen, denen sie ausgesetzt ist, ermöglichen uns, viel relevanter auf Probleme zu reagieren”, unterstreicht Sébastien Guého. Alle Tools, Werkstoffe aber auch strukturellen Erkenntnisse mit bestimmten Baustoffen, die für die Vendée Globe entwickelt wurden, seien mit einem sehr hohen Maß an Präzision umgesetzt worden. Ein Know-how, das in anderen, auch industriellen Projekten wie etwa bei der Atlantic-Werft, zugute komme.

Energie sparen dank Vendée Globe

Ein schon etwas älteres Beispiel für Innovationen, die im Prinzip bei der Vendée Globe ausgegoren wurden, sind innovative Energiespar-Systeme, die letztendlich überall in der maritimen Welt Verwendung finden (können).

So gründete Yannick Bestaven, Vendée Globe-Sieger 2020-21, vor 12 Jahren „Watt & Sea“. Das Unternehmen entwickelt und produziert Hydrogeneratoren. Bestavens Idee: Die totale Energie-Autonomie. Das Ergebnis: Seine Hydro-„Kraftwerke“ sind mittlerweile auf den meisten Hochsee-Regattabooten zu finden und kommen nun vermehrt auch auf Serien-Fahrtenbooten zum Einsatz. Bestavens erstes Testfeld: die Vendée Globe!

Hydrogenerator Watt &Sea, entwickelt von Vendée Globe Sieger Yannick Bestaven © watt and sea

Bleiben wir noch ein wenig beim Thema „Energie“. Inspiriert von den Routingsystemen, die von den Skippern und Skipperinnen der Vendée Globe auf den IMOCA verwendet und mit entsprechendem Datenmaterial gefüttert werden, hat das auf maritime Software spezialisierte Unternehmen ADRENA unterschiedliche Versionen ihrer Software für Handelsschiffe und Fähren entwickelt. Sie helfen maßgeblich, beeindruckende Mengen an Energie zu sparen.

Der Vordenker des Adrena-Systems, Michel Rodet, erklärt das Prinzip: „Nehmen wir zum Beispiel Fähren. Die müssen bekanntlich nach einem bestimmten Zeitplan fahren, die Absicherung der Ankunftzeit ist also nach dem Ablegen primäres Ziel einer Fähre. Früher bestand die Lösung dieser Aufgabe darin, möglichst schnell loszufahren um sich einen Vorsprung bzw. Zeitpuffer zu verschaffen, falls es Wetter- und Strömungs-bedingte Probleme auf der Route geben sollte.

Meist wird dann erst kurz vor dem Ziel abgebremst – der dabei entstandene, eigentlich unnötige, zusätzliche Treibstoffverbrauch und CO2-Ausstoß, sollte also möglichst vermieden werden!“ Mit Hilfe von Routing-Software, die zu einem großen Teil auf IMOCA während Langstrecken-Hochseeregatten eingesetzt, getestet und mit Daten gefüttert wurde, entwickelte Adrena schließlich ein System, mit dem smartere Routen im Energiesparmodus gefahren werden können. Ergebnis: Nahezu die gesamte Flotte der Brittany-Ferries und viele Schiffe der Compagnie du Ponant sowie des Logistik- und Schifffahrtsunternehmens CMA/CGM sind mit dem System nun ausgestattet – die Energie- und Emissionseinsparungen sollen beträchtlich sein! 

Adrena-Software im Einsatz © adrena/vendée globe

Michael Rodet weiter: „“Wir haben ziemlich ausgefeilte Technologien im Hochseesport, vor allem in Bezug auf die Software. Da hinkt die Handelsmarine weit hinterher, weil sie bisher Naturphänomene auf ihrem Kurs nicht voraussehen konnte. Diese Technologien, die uns beim Segeln grundlegend erscheinen, waren also ein großes Plus in der Branche!“

Unter Segeln für die Raumfahrtindustrie

In Saint-Nazaire wird derzeit ein Segelfrachtschiff für den Transport der Ariane-6-Trägerrakete für das Raumfahrtzentrum Kourou in Französisch-Guayana gebaut, das Ende 2022 die Werft verlassen wird. Entwickelt vom Schiffsarchitekturbüro VPLP Design, das vor allem im IMOCA-Rennsport sehr aktiv ist, dienen so Erkenntnisse, die speziell auf den IMOCA bei deren Einsatz während der Vendée Globe und anderer Langstreckenregatten gewonnen wurden, im gewissen Sinne der Luft- und Raumfahrtindustrie.

Andere Technologien werden von einem breiteren Publikum genutzt, und zwar nicht nur in der maritimen Umgebung. Der ePenon (eine Art elektronischer Windfaden im Segel), der von Dimitri Voisin innerhalb der MerAgitée-Struktur (Boss: „Professor“ Michel Desjoyeaux) entwickelt und auf IMOCAs bei zwei Vendée Globe getestet wurde, wird nun auch auf den Rotorblättern von Windkraftanlagen installiert. 

“Die Penons waren zunächst als Trimmhilfe auf Segelbooten – beispielsweise nachts, wenn man die Segel nicht richtig erkennen kann – gedacht. Dann haben wir uns der Windkraft zugewandt”, erklärt Voisin. “Zwischen Materialtests, Elektronik und Algorithmen gibt es viele Dinge, aus denen man im Offshore-Rennsport schöpfen kann. Rennboote schneller durch spezielle Trimm-Hilfen am Segel wie die ePenons zu machen, ist sicherlich schon klasse. Aber wenn wir so auch noch preiswerteren Ökostrom erzeugen können, weil die Windkraftanlagen effizienter mit ePenons funktionieren, ist das mal so richtig gut.“

Es geht auch anders

Last, not least: Auf den IMOCA wird bekanntlich auch im Dienste der Umweltforschung gearbeitet. Vor allem der Deutsche Hochseesegler und Vendée Globe-Fünftplatzierte Boris Herrmann tat sich mit automatisierten Wasserproben aus ansonsten eher unzugänglichen Seegebieten wie dem Southern Ocean hervor. 

Übrigens, das mit dem Technologie-Transfer geht auch anders herum. Während der letzten Vendée Globe hatten einige Skipper einen buchstäblichen Rettungsfallschirm an Bord. Mit dem von Yves Parlier – ebenfalls ein IMOCA-Salzbuckel – entwickelten Liberty Kite, kann bei Mastbruch relativ sicher zum nächsten Hafen gesegelt werden. Noch so eine Erfindung, die bei der Vendée Globe ausgegoren wurde – auf Parliers IMOCA kam während der Ausgabe 2000 die Palme von oben.

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Michael Kunst

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