Vendée Globe: Thomas Ruyant ist mit LinkedOut schnellster Foiler – Porträt des Zweiten

Spezialist beim Fliegen

Er führte die Vendée-Globe-Flotte bei 13 Positionsmeldungen an, musste zuletzt aber „Federn“ lassen und liegt nun 70 Seemeilen hinter dem Führenden Dalin. Doch Thomas Ruyant segelt sich gerade erst warm.

Neulich bei der Vendée Globe. Der Brite Alex Thomson hat bereits seine Führungsposition verloren und bastelt mit drei Knoten Geschwindigkeit an seinen Rumpfstrukturproblemen (SR-Bericht). Die beiden Franzosen Charlie Dalin (SR-Porträt) und Thomas Ruyant  haben die Führung übernommen und liefern sich Halsen-Duelle, als wären sie bereits zurück auf der Zielgeraden vor Les Sables d’Olonnes. Dabei sind die beiden und ein Großteil der Flotte gerade erst auf Kurs Süd-Ost eingebogen und peilen die See südlich des Kap der Guten Hoffnung und den Indischen Ozean an. Gerade einmal 20 Prozent der Regattastrecke sind absolviert.

Charlie Dalin „mene la danse“, gibt den Takt vor, wie die Franzosen sagen.  Thomas Ruyant bleibt dran. Er reagiert, wenn sein Kumpel und Gegner Charlie zwischen den äußerst komplizierten Leichtwind-Zonen mal wieder einen Kurwechsel vornimmt. 

Zwischendurch muss Ruyant hoch in den Mast, weil sich eines der beiden Vorsegelfallen am Topp verklemmt hat. Er macht das Bisschen Mastkletterei konzentriert, sicher und stellt lediglich am Topp der 25-Meter-Palme angekommen fest, dass Segeln ganz schön anstrengend sein kann. 

Auch Favoriten dürfen schwächeln

Kunststück – nach 15 komplizierten Tagen im Atlantik, nach zwei Wochen unter schwierigen Bedingungen und heftigen Anstrengungen für Mensch und Boot, darf auch ein Favorit mal erste Zeichen von Schwäche und Erschöpfung zeigen.

„Mit der Möglichkeit, jetzt wieder andere Vorsegel setzen zu können, versuche ich erstmal nur, Charlie nicht allzu weit davonziehen zu lassen. Denn der macht seine Sache als „Windfinder“ hervorragend. Kann man nur von lernen!“ gibt Ruyant beim morgendlichen Gespräch mit der Vendée Globe-Rennleitung zu. „Typisch Ruyant,“ kommentiert die Szene solche Aussagen. „Abwarten, was die anderen machen, und bei Fehlern eiskalt zuschlagen!“ 

LinkedIn mit Thomas Ruyant im Vollglitsch © Pierre Bouras/TR-Racing

Doch heute Mittag dann die für Ruyant wenig erfreuliche Meldung: „Die zwei führenden Favoriten liegen schon gut 70 Seemeilen auseinander!“ Da kann dann schon nicht mehr von Abwarten und „Mithalsen“ gesprochen werden… 

Moment mal, Thomas Ruyant wird als Favorit gehandelt? Tatsächlich ist „le Nordiste“ – so wird Ruyant gerne von den französischen Medien genannt, weil er aus Dunkerque stammt – einer von diesen Hochseeseglern, die selbst von der Szene nur schwer eingeschätzt werden können.

Anders als sein Pendant und aktueller Gegner Charlie Dalin, ist Ruyant keiner von den Typen, die mit Pauken und Trompeten einfach mal drauflos segeln und ihr Talent ausspielen – wenn’s klappt, umso besser; wenn nicht, Pech gehabt. Nein, Ruyant ist eher einer von diesen zunächst zurückhaltenden Seglern, die sich aber im Laufe einer Langstreckenregatta wie der Vendée Globe in eine Art Rausch segeln. Und in diesem Zustand zu einer Menge positiver Überraschungen fähig sind. 

Klasse Boot – doch reicht das?

Aber dass so einer als Favorit gehandelt wird? Auch die meisten französischen Fachmedien und sehr aufmerksamen Tageszeitungen in den Hochsee-Hochburgen sahen Ruyant nicht unbedingt an der Spitze der Vendée Globe-Flotte. „Top Five vielleicht, okay, schließlich hat er ein klasse Boot,“ war noch vor einem halben Jahr zu lesen.

Wohl auch, weil er das Segeln erst spät entdeckte, nachdem er auf einem Parkplatz in Dünkirchen einen Mini 6.50 entdeckt, gekauft und instand gesetzt hatte. Die seglerische Basis-Ausbildung fehlt ihm gänzlich, aber mit dem Mini entwickelte er sich im Schnelldurchlauf. Bei der Solitaire du Figaro, die Gegner Dalin fünfmal auf dem Podium absolvierte, zeigten sich Ruyants Defizite mit den Plätzen 25, 16, 21.

Aber er lernte und ging seinen unscheinbaren Weg konsequent weiter. So schaffte er es eher überraschend, ein siegfähiges Vendée-Globe-Projekt auf die Beine zu stellen. Denn dass er mit LinkedOut zu rechnen sein wird, zeigte er schon bei der IMOCA Testregatta „Les Sables-Arctique-Les Sables“ (SR-Bericht) mit einem knappen dritten Rang hinter Beyou und Dalin.

Hol mal eben schnell den Spi runter © bouras/TR Racing

Szenenwechsel. Dass der Autor dieser Zeilen ausgerechnet Thomas Ruyants Proto-Mini segelt, mit dem der aktuelle IMOCA-Segler sein Debut im Hochseezirkus gab, ist einigen SR-Lesern vielleicht noch in Erinnerung (SR-Artikel Liebenswertes Luder). Und manchmal kann es schon vorkommen, dass Ruyant mit nostalgisch verklärtem Blick vom IMOCA-Steg in La Base/Lorient rüber zu den Minis schlendert und mir zu meinem Boot gratuliert.

Dabei freut er sich jedes Mal diebisch, dass „sein“ Boot noch so gut durchhält (immerhin 20 Jahre jung) und dass ich teils noch mit Segeln unterwegs bin, die ihn schon über den Atlantik gezogen haben (was weniger schmeichelhaft für den aktuellen Skip des Bootes ist, aber lassen wir das). 

So gemütlich spazierengehen wird derzeit wohl kaum möglich sein auf den IMOCA © bouras/TR Racing

Jedenfalls hat Ruyant immer eine Geschichte parat, gibt technische Tipps, und kommt dabei gerne auf den (etwas diffizil anmutenden) horizontal verschiebbaren Neigekiel zu sprechen.  Das sei für eine Atlantiküberquerung zwar eine unnötig komplizierte Angelegenheit. Aber wahrscheinlich habe er wegen solcher technischen Herausforderungen an Booten sein Faible für Foils erst entwickelt. Auch wenn das Eine mit dem Anderen auf den ersten Blick nur wenig zu tun hat.

Wie entfesselt auf Foils

Denn Mitarbeiter aus Ruyants Shore-Team, „Alleswisser“ aus der Szene und einige französische Fachredakteure behaupten immer wieder, dass Ruyant wie entfesselt segelt, seitdem er auf Foils unterwegs ist. Vom Stapellauf im September 2019 bis heute gilt er auf seiner IMOCA „LinkedOut“ (Verdier-Riss) als einer der Trainingsfleißigsten vor Lorient und Port la Foret.

Viele behaupten, dass er – schon wieder gemeinsam mit Charlie Dalin – zu den besten Foil-Seglern unter den IMOCA-Skippern avancierte. Es soll Dutzende Speed Duelle vor Lorient zwischen Jeremie Beyou auf Charal und Thomas Ruyant gegeben haben. Bei denen Beyou zuletzt – auch nachdem Ruyant neue Foils spendiert bekommen hatte – nicht immer wie gewohnt als lässiger Sieger hervorging. Tatsächlich setzte sich Ruyant in der Phase des Rennens an die Spitze, als er nach den Doldrums bei Flachwasser auf den Flügeln so richtig Gas geben konnte. Mit einem Speed, bei dem Thomson aber auch Kumpel Dalin nicht mitkamen. Den aktuellen 24-Stunden-Speed-Rekord für diese Vendée Globe hat er vor drei Tagen auf 515,3 Meilen hochgeschraubt.

Die Foil-Technik komme ihm sehr entgegen, sagte er neulich, weil sie für alle etwas Neues darstellt und er gemeinsam mit den meisten Anderen bei Null anfangen konnte. Ähnlich wie damals, als er mit einem in der Länge verstellbaren Kiel als einer der ersten Mini-Segler unterwegs war. Und übrigens nicht gerade damit glänzen konnte.

Allerletzte IMOCA-Foiler-Generation: Verdier-Riss LinkedIn © bouras/TR Racing

Doch schon wie damals „macht Ruyant eben nur Ruyant, und sonst nix!“ Man müsse sehr exakt arbeiten, um heute mit den „Flügeln“ wirklich schnell voran zu kommen. Eine Anforderung, die dem als Pragmatiker bekannten Nordisten sehr zupass kommt. Ja, er sei reifer geworden in den letzten Jahren und sehe die IMOCA-Foilerei vielmehr als den seglerischen Weg zur Perfektion. „Auf diesen Booten gibt es kein ‚vielleicht‘ oder ‚ungefähr‘ mehr. Die müssen völlig emotionslos, aber höchst präzise wie Maschinen gesegelt werden.“

Wegpunkt mit Herzblut

Und doch, so ganz emotionslos wird das in den nächsten Wochen nicht für ihn ablaufen. Denn Thomas Ruyant hat – wie übrigens einige Segler in dieser Vendée Globe Flotte – einen „Wegpunkt“ zu passieren, an dem eine Menge Herzblut hängt. 

Thomas Ruyant – heimlich still und leise zu einem der Favoriten für die Vendée Globe gereift © bouras/TR Racing

Vor vier Jahren startete Ruyant erstmals bei der Vendée Globe und krachte auf Höhe Neuseeland auf ein UFO (SR-Bericht). Sein Boot fiel damals förmlich auseinander, schwamm aber noch. Alle rieten ihm, sich abbergen zu lassen. Doch Ruyant brachte seine angeschlagene „souffle du nord“ mit dem Kolibri als Markenzeichen, spektakulär bis leichtsinnig damals höchstpersönlich in den nächsten Hafen. 

„Wenn ich diese Gewässer hinter mir gelassen habe, dürfte das Schwierigste abgehakt sein,“ sagte er neulich. „Danach kommen nur noch der Southern Ocean und Kap Hoorn!“ Es gebe keinen Plan B für ihn. Nur „durchkommen – und das möglichst schnell!“ 

 

Thomas Ruyant, 39, Seglerischer Lebenslauf

2009  — Sieg bei der Mini-Transat (nein nicht auf auf dem erwähnten Mini 247, sondern auf einem Prototypen, den er von Isabelle Joschke übernommen hatte).

2010 –– Class 40 (Verdier Riss) Sieger Normandy Channel Race, Sieger Route du Rhum.

2013 –– Class 40 Fastnet Race Rang 4

2015 –- IMOCA Transat Jacques Vabre Rang 4

2016 –– IMOCA Vendée Globe, Aufgabe vor Neuseeland nach Kollision mit einem UFO

2017 –– IMOCA Rang 4 Transat Jacques Vabre gemeinsam mit Boris Herrmann auf „Malizia“

2018 –– Figaro Sieger Transat AG2R 

2019 –– IMOCA Rang 5 Transat Jacques Vabre Rang 5

2020 –– IMOCA Rang 3 Les Sables – Arctique – Les Sables

Vendée Globe Tracker

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

fünfzehn + fünfzehn =