Vendée Globe: Vorentscheidung und Restart? – Herrmann sichtet Wal, rast mit 26 kn in die Flaute

"Ein aufregender Tag"

Die nächsten Tage bringen neue Spannung bei der Vendée Globe. Neun Boote könnten sich bald innerhalb von 100 Meilen zueinander befinden. Nur Spitzenreiter Bestaven scheint der Absprung zu gelingen.

Boris Herrmann berichtet aus dem Süd-Meer, wie aufregend sein Tag vor Heiligabend gewesen ist. Erst eine Walsichtung, dann riesige Quallen, ein Sonnenschuss, 26 Knoten Foiler-Speed und schließlich spiegelglattes Wasser. Permanentes Umtrimmen, Segelwechseln, Grinden – “wirklich genug für einen ganzen Tag”. Dabei komme er erstaunlich gut damit zurecht, dass er nicht viele Meilen gemacht und auf die Konkurrenz verloren hat. Er sei trotzdem sehr dankbar für diesen Tag. Es sei villeicht das erst Mal, dass er sein Umfeld bewusst genieße. Bisher habe er noch nie so locker draußen im Cockpit essen können.

Aber er kann eben auch nicht viel machen. Ein Hochdruckgebiet zieht langsam über ihn hinweg, und es gibt keine Chance, es zu umgehen. Herrmann positioniert sich im Norden für den möglichen Restart der Verfolgergruppe. “Ich hoffe, das war kein großer Fehler, aber irgendwas sagt mir, dass alles Okay ist.”

Kompression an der Spitze des Feldes. Kommt Bestaven davon?

Vermutlich ist es egal, was Herrmann macht. Er ist als erster der sieben Verfolger wie gegen eine Flauten-Mauer gefahren. Sein schöner Vorsprung ist längst geschmolzen, und bald wird wohl auch noch der Zehtplatzierte Maxim Sorel neben ihm liegen. Das einzige Gute an der Situation. Dalin und Ruyant voraus, werden dem Hoch wohl auch nicht entkommen und mächtig eingebremst.

Die Abstände zum Führenden. Herrmanns Linie (4. grau) knickt schon nach unten ab.

Nur Yannick Bestaven (Maitre Coq) an der Spitze schickt sich an, eine Vorentscheidung bei dieser Vendée Globe erzwingen zu können. Herrmann glaubt, dass er nach diesem Wetterszenario 1000 Meilen voraus liegen könne. Dazu hat er auch noch die 10,25 Zeitgutschrift im Gepäck – es könnte schlimmer sein.


Yannick Bestaven fühlt sich wohl in der Pole Position. © Yannick Bestaven / Maitre Coq IV

Bestaven weiß das. “Ich rühre nichts an, die Schoten sind belegt, der Spinnaker ist gesetzt und es läuft. Dieses Hoch ist mein Weihnachtsgeschenk. Vielleicht bin ich schon Heiligabend aus ihm heraus. Das ist natürlich ein entscheidender Moment. Wenn das Boot nicht stoppt, kann ich wirklich wegkommen. Ansonsten wird es ein Restart. Die Würfel sind gefallen!

Er will es aber noch nicht glauben. Die Wetterdaten seien im Hochdruckbereich sehr unzuverlässig. Aber es könne wirklich ein schönen Jackpot werden. “Es wäre auch ein schönes Geburtstagsgeschenk für den 28. Dezember.”

Nervöse Verfolger

Die Verfolger sind nervös. Ruyant und Dalin, die beide mit neueren und schnelleren Schiffen hoffen, dass Bestaven die Vorentscheidung nicht schon zu diesem frühen Zeitpunkt gelingt. Ruyant sagt, die große Frage ist: “Wird das Hoch schnell genug sein, um auch Yannick einzuholen?”

Charlie Dalin sucht nach Wind und genießt den Sonnenuntergang auf 55 Grad Süd. © Dalin / Apivia

Es könne sein, dass sich die Schranke vor ihnen senke, oder dass es zu einem Neustart für alle komme. “Ich hoff, dass Yannick nicht zu weit vorne wegkommt. Er segelt sehr, sehr gut und macht wenige Fehler. Er weiß, wie er schnell mit seinem Boot fahren kann, und man spürt, dass er sich wohlfühlt. Er hat großes Selbstvertrauen. Dennoch möchte ich nicht, dass er vorne wegkommt, obwohl er es verdient hätte. Im Moment fährt er einen perfekten Kurs. Ich versuche, dranzubleiben, ich werde nicht loslassen.”

Das aktuelle Wetterszenario bei der Vendée Globe

Ihre neuen Verdier-Konstruktionen helfen nicht viel. Die Foils bremsen meistens im Wasser. Seit dem Ende des Atlantiks habe es keine Wetterbedingungen gegeben, bei denen sie ihre Vorteile ausspielen konnten. “Aber das ist ja auch ein Rennen und kein Rekordversuch.”

“Verfolger hatten Glück”

Beobachter Yoanne Richomme, aktueller Solitaire du Figaro-Sieger, und Ocean Race-Favorit, glaubt, dass am Wochenende neun Boote innerhalb von 100 Meilen segeln werden. Er erwartet, dass Bestaven mit einem Vorsprung von 300 Meilen aus dem Szenario kommt. Es sei im Moment eigentlich egal, was die Verfolger machen. Sie müssen einfach darauf warten, was nach dem Durchzug des Hochs passiert.

Richomme verweist darauf, dass die Verfolger bisher ziemlich viel Glück hatten im Verlauf des Rennens. Sie könnten sonst nich da sei, wo sie sich jetzt platziert haben. “Glückwunsch an sie, aber bei einem normalen Szenario, lägen sie jetzt Tausende Meilen hinten. Bei diesem Rennen kann man bisher nicht das Potenzial der Führenden sehen.” Sie sollten bis zu 20 Prozent schneller sein als Le Cleac’hs Siegerboot (jetzt Bureau Vallée).

Der Skipper, der sich gerade intensiv mit einem IMOCA-Neubau für das Ocean Race beschäftigt, zeigt sich aber auch erstaunt über die neuen Konstruktionen, die doch eher für schnelles Flachwasser-Foiling ausgelegt seien, als für schwereres Wetter. Er hätte einen größeren Allrounder bevorzugt. Am besten sei wohl eigentlich das Manuard-Design von Armel Tripon.

Der hat zuletzt nach seinem Fallenschloss-Missgeschick im Atlantik extrem viel Boden gut gemacht und war in den vergangenen drei Wochen sehr oft schnellstes Boot auf dem Parcours. Es sah so aus, als könnte er vielleicht auch noch zur Spitzengruppe aufschließen. Aber das “Wunder” ist erst einmal gestoppt. Gut 1300 Meilen achteraus hat Tripon seine eigene Flaute gefunden.

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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