Vendée Globe: Vorletzter Publikumstag – Schwerstarbeit für Skipper und Shore-Team

Countdown läuft

Heute wird der Millionste Besucher auf dem Hochseesteg von Les Sables d'Olonnes erwartet © miku

Heute wird der Millionste Besucher auf dem Hochseesteg von Les Sables d’Olonnes erwartet © miku

800 akkreditierte Journalisten, in Kürze wird der Millionste Zuschauer über den Hochseesteg defilieren – ein Spektakel ohnegleichen. Vincent Riou erklärt Vorteile ohne Foils.

Ortstermin Les Sables d’Olonnes, drei Tage vor dem Start der Vendée Globe 2016/2017. Bereits seit sieben Uhr stehen Tausende Zuschauer  hinter den Absperrungen, die ein paar Hundert Meter vor dem berühmten Hochseesteg aufgebaut sind. Überall schwarzgekleidetes Security-Personal, jeder Rucksack, jede Tasche wird gefilzt.

An allen Straßenecken und verkehrskritischen Punkten stehen schwerbewaffnete Soldaten mit stoischem Gesichtsausdruck. Nervös wirkende Polizisten versuchen den schon morgens kollabierenden Automobil-Verkehr rund um das Vendée Globe-Dorf wieder in Schwung zu bringen.

Unten am Steg herrscht noch Ruhe. Die 29 IMOCA der diesjährigen Vendée Globe liegen unter bunter Beflaggung an einem einzigen Steg aufgereiht. Vor jedem Boot sind erklärende Tafeln angebracht, die allen Interessierten einen groben Überblick mit vielen technischen Details geben sollen. Oft liegen aufwändig gedruckte Broschüren mit den Lebensläufen der Skipper und deren größte Abenteuer auf See aus – kleine „Souvenirs“, die später bei den Zuschauern heiß begehrt sind.

Vendee Globe, Start

Nebenjob: Manche machen noch ein kleines Geschäftchen und fahren Interessierte zu reichlich überhöhten Preisen auf Schlauchbooten um die IMOCA © miku

Harter Job

Immer mehr Männer und Frauen in Team-Kleidung schlendern jetzt über den Steg: Die Shore-Crews nehmen ihre Posten auf den Booten ein. Nicht mehr für Reparaturen oder kleine Umbauten in und am Schiff, sondern für ihren wahrscheinlich härtesten Job, den sie nach 2-4 Jahren technischer Vorbereitungszeit nun zu erledigen haben: Dem Ansturm der begeisterten Fan-Massen irgendwie und möglichst freundlich zu begegnen. Und „ihrem“ Skipper den Rücken möglichst oft und lange frei zu halten.

Um zehn Uhr geht der „Vorhang auf“. Die mittlerweile gut 5.000 Wartenden werden in kleinen Gruppen auf den Steg gelassen. Im Nu ist dieser überfüllt mit Schulklassen, Senioren-Gruppen und Kegelclubs, ganzen Segelvereinen, die mit dem Bus angereist sind, segelbegeisterte Familien und unzählige „Fachleute, Spezialisten, Kenner und Könner“ die alle von ein und demselben Impuls hierher gespült wurden: Der ehrfürchtigen Begeisterung für eines der größten Abenteuer auf unserem Blauen Planeten – einhand, nonstop um die Welt segeln.

Es dauert nicht lange, da sind auch schon die ersten Skipper respektive Stars der Szene auf ihren Schiffen in Aktion. Und das ist wörtlich zu nehmen. Typen wie Alan Roura, der mit 23 Jahren jüngste Teilnehmer dieser Regatta, lassen ganze Schulklassen aufs Schiff und erklären unermüdlich ihre Boote, grinsen in Handys, geben geduldig Unterschriften.

Vendee Globe, Start

Tanguy Lamotte im Porträt-Modus © miku

Gruppenfotos, Selfies, Porträt mit Pappkameraden

Andere wie etwa Tanguy Lamotte, lassen lieber niemanden aufs Schiff, mischen sich dafür aber „unters Volk“, stehen (wirklich!) stundenlang auf dem Steg, und grinsen sich von einem Selfie zum nächsten.

Bei Jean Le Cam hat man wiederum den Eindruck, als würde er jeden Zweiten aller Vorbeidefilierenden persönlich kennen, so oft schüttelt er Hände, winkt erkennend in bester Hillary-Clinton-Manier Leuten in der Menge zu.

Nur wenige der Skipper – ganz egal ob bekannt wie bunte Hunde oder eher Underdogs – lassen sich nicht auf den Stegen blicken. Meistens vertrösten dann die Shore-Crews auf einen späteren Zeitpunkt, schließlich gebe es ja auch noch Pressekonferenzen, VIP-Termine und sonstige unumgängliche Termine zu erledigen. Zum Piepen: Jean Pierre Dick lässt sich von einem Pappkameraden vertreten, der wahrscheinlich das meistfotografierte Objekt auf dieser Seite des Stegs ist.

Ganz vorne, direkt an der Mole, leuchtet Vincent Rious PRB in sattem Orange vor sich hin. Bei einer Art improvisierter Pressekonferenz – es sind durch mehr oder weniger glückliche Zufälle Termine mehrfach vergeben worden – referiert Riou wieder über sein Lieblingsthema: Foil oder nicht Foil – wer macht das Rennen?

Vendee Globe, Start

Pappkamerad © miku

Weniger Seemeilen

Der einzige Starter bei der diesjährigen Vendée Globe, der bereits dieselbe gewonnen hat, ist bekanntlich diesmal auf einem IMOCA der älteren Generation (Baujahr 2006) dabei, der nicht mit Foils nachträglich ausgestattet wurde.

„Natürlich machen die Foils unsere Renner schneller,“ gibt Riou zu bedenken. „Aber eben nur unter bestimmten Bedingungen! Ich finde es jedenfalls vermessen, dass immer wieder nur die Foiler als mögliche Sieger dieser Vendée Globe genannt werden! Immerhin haben wir Boote aus vier IMOCA-Generationen am Start (2000, 2008, 2012, 2016), die allesamt von sehr versierten Seglern gesegelt werden!“

Neben den mittlerweile bekannten Bruchgefahren an den Foils thematisiert Riou einen weiteren, weniger technischen Aspekt: „Foiler werden unterm Strich mehr Seemeilen segeln als IMOCA ohne Foils! Wenn wir beispielsweise bei raumen Winden segeln, müssen Foiler höher am Wind steuern als wir, um die Foils zum Einsatz zu bringen. Auf Strecken wie etwa im Southern Ocean, wo die Sicherheitskorridore wegen der Eisberggefahr relativ eng sind und wir alle auf achterliche Winde hoffen, kann das besonders einen taktischen Unterschied ausmachen!“

halloween bei PRB © blanchet

halloween bei PRB © blanchet

10 Nationen unter den Startern

Achthundert Journalisten aus 20 Ländern haben sich für den Start dieser Vendée Globe akkreditiert. Sie werden über 29 Ausnahmeathleten zur See berichten, die 10 Nationen repräsentieren – so viele, wie nie zuvor bei der Vendée Globe. Neben der französischen Phalanx sind dies: Conrad Colman (32, Neuseeland), Didac Costa (35, Spanien), Nandor Fa (63, Ungarn), Pieter Heerema (65, Niederlande), Enda O Coineen (61, Irland), alan Roura, (23, Schweiz), Kojiro Shiraishi (49, Japan), Alex Thomson (42, England) und Rich Wilson (66, USA).

Vendee Globe, Start

Schulklassen, Seniorenclubs, Kegelvereine… © miku

Wer bezahlt die Vendée Globe?

Wie bei allen großen Sportevents – und die Vendée Globe ist in diesem Jahr nach der Fußballeuropameisterschaft das zweitgrößte in Frankreich – wird offiziell Stillschweigen über so schnöde Themen wie Geld oder gar Mammon gewahrt. Offiziell! Doch hinter vorgehaltener Hand kursieren dennoch Summen, die offenbar ernst genommen werden können. So werden derzeit Gesamtkosten von 12,3 Millionen Euro für den Zeitraum seit dem Ende der letzten Vendée Globe genannt – etwa 350.000 Euro mehr als für die letzte VG-Ausgabe. Das Departement Vendée hat fünf Millionen Euro beigesteuert (vorher 3,5 Millionen), die Kommune les Sables d’Olonnes hat 1,5 Millionen Euro beigesteuert. Folgen „Schecks“ über 500- 600.000 Euro (im Gesamtwert von knapp 4 Millionen Euro) aus verschiedenen „Fonds“ des Landes, von benachbarten Gemeinden die ebenfalls vom Boom profitieren sowie von diversen Tourismusbehörden oder etwa von Betreibern eines großen Offshore-Windparks. LandRover und Ice Watch beteiligen sich mit der Bereitstellung des Fuhrparks und der Zeitmessung plus eine Art „Eintrittsgeld“, über dessen Höhe sich ausgeschwiegen wird. Helly Hansen unterstützt hauptsächlich mit Staff- und Team-Kleidung im Wert von mehreren Hunderttausend Euro und ist in die Bresche gesprungen nachdem noch im September ein Deal mit Musto geplatzt war.

 

 

 

 

 

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier
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Ein Kommentar „Vendée Globe: Vorletzter Publikumstag – Schwerstarbeit für Skipper und Shore-Team“

  1. avatar eku Rochla sagt:

    Schöner Beitrag, wie immer von dir.
    Was mich beschäftigt: Wie schaffst du das, dich in dieser Masse von Menschen aufzuhalten, ohne nevös zu werden.
    Ich bekam schon beim Steggang ab 19.00 leichte Panikanfälle.
    (rethorische Frage – keine Antwort erwartet)

    Es ist echt überwältigend und der Pappkamerad evtl auch ein Ausdruck des (bei diesem nicht vorhandenem) Finanzierungsdruckes.

    Was ich hier öffentlich anmerken möchte: Es kann einem schon viel zu denken geben, wenn man ein Land im Ausnahmezustand erlebt. Ausnahmezustand als rechtlicher Begriff. Ich war auch vor 4 Jahren hier und da hat es keine Leibesvisitationen (!) der Besucher gegeben. Keine Strumgewehre und kein Militär. Bitte beachten: Hier steht an jeder 2. Ecke Militär – nicht Polizei.
    Es geht mir nicht um Kritik, ich akzeptiere das, weil ich mir denken kann was in einer Gesellschaft vor sich geht, in der so viele Menschen leben, die man theoretisch visuell einer sog. “Gefahrdergruppe” zuordnen kann (teilweise seit Jahrhunderten französich), und die sich dennoch möglichst rechtsstaatlich vor irgendwelchen blöden Aktionen schützen muss. Das “visuell” zuordnen muss natürlich leicht zynisch verstanden werden.
    Ich gehörte auch irgendwann einmal zu denen, die “man” visuell in eine Ecke packen konnte/wollte (incl MG)

    Trotz allem: super Athmosphäre

    Eku

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 5 Daumen runter 0

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