Vendée Globe: Was macht eigentlich Zweitplatzierter Charlie Dalin? – Mit Paul Meilhat bei TJV

„Ziel: Nicht nur Erster, auch Sieger!“

Charlie Dalin träumt jetzt schon von einer Revanche bei der nächsten Vendée Globe – und das bitteschön auf einem IMOCA-Neubau. Wird Sponsor Apivia mitspielen? Einblick in das Leben nach der Vendée Globe.

Charlie Dalin: Erster und doch nicht Sieger © Carli/Alea/Vendée Globe

Was macht eigentlich Charlie Dalin? Der Mann, der am Mittwoch, 27.Februar 2021 um 20:35 h die Ziellinie der Vendée Globe vor Les Sables d’Olonnes als Erster überquerte. Und der mit einem etwas gequält wirkenden Lächeln bereits ahnte, dass er wohl nicht Sieger dieser Vendée Globe sein wird. 

Wie ist es diesem Charlie Dalin ergangen, nachdem Yannick Bestaven ihm dank einer Zeitgutschrift den Sieg wegschnappte und ihn wegen zwei lächerlichen Stunden und ein paar Minuten nach einer Nonstop-Weltumseglung auf Rang 2 verwies? 

Um es gleich vorweg zu nehmen: Charlie Dalin wurde wie ein Sieger behandelt – nicht mehr und nicht weniger! Logisch, für die Familie, Shore-Crew, Sponsoren, Freunde und Fans war und blieb er weiterhin die Nummer Eins – endgültige Rangfolge hin oder her. Doch auch die französische Medienwelt stürzte sich auf ihn, als hätte er den – unisono als verdient empfundenen – Sieg errungen. 

Im Sender eingeschlafen

Nach den obligatorischen Pressekonferenzen direkt vor Ort im Race Village von Les Sables d’Olonnes, nach der nicht weniger wichtigen, 24 Stunden andauernden Schlaf-Orgie im diesmal nicht bockenden und schüttelnden Bett an Land, ging die Show für den 37-Jährigen erst richtig los. 

Wie jedes Mal nach der Vendée Globe, wollten jeder, aber auch wirklich jeder TV-Sender, jede Radiostation, jede größere Tageszeitung und natürlich alle Boulevard- und Sportmagazine der Grande Nation die Hochsee-Protagonisten höchstpersönlich feiern. Und Erstplatzierte, denen der Sieg sozusagen vor der Nase weggeschnappt wurde, erhöhen selbstverständlich den „thrill“. 

Charlie Dalin will weiterhin hoch hinaus © dalin

Mittwoch in Les Sables angekommen, tingelte Charlie Dalin ab Sonntag eine Woche lang pausenlos durch die Pariser Medienwelt. Er wurde von Mikrophon zu Mikrophon gereicht, beantwortete die immer gleichen Fragen, zeigte sein bestes Lächeln und trat immer als „guter Verlierer“ und „sportlicher Typ“ auf. 

Doch „hinter den Kulissen“ sah alles etwas anders aus. Das einzig Positive, was Charlie Dalin aus dieser Zeit in Erinnerung behalten sollte, war lapidar und dennoch typisch für den sonst eher eloquent auftretenden Segler: „Es war irre erleichternd, dass ich keine Entscheidung fällen musste. Nach Monaten auf See, während denen ich immer alles selbst entscheiden, erledigen und organisieren musste, war es fantastisch, eine Pressereferentin an meiner Seite zu haben, die mir sagte, wohin wir jetzt fahren, wo der Wagen geparkt ist, wie der näcshte Gespürächspartner heißt, auf was ich inhaltlich achten muss, wo wir in einer Stunde essen werden und ob mein Bett im Hotel wirklich groß genug für mich ist!“ vertraute Charlie Dalin seinem „Heimatblatt“ Ouest France an. Ansonsten sei alles nur furchtbar anstrengend gewesen. Weiterhin von Schlafdefizit geplagt, kam es teilweise zu peinlichen Situationen: Bei einer Talkrunde wäre er beinahe im Sessel eingeschlafen, bei einem Radiosender hatte er sich (vor der Aufnahme) nur mal eben schnell auf eine Couch gesetzt – und schnarchte schon 20 Sekunden später für mehr als eine Stunde friedlich vor sich hin.

Die Apivia kurz nach dem Start © zedda

Doch nach der Vendée Globe ist bekanntlich vor der Vendée Globe – wer den Medienrummel um seine Person nach einem derart fantastischen Rennen nicht nutzt, hat schnell schlechte Karten für all’ das, was noch unter Segeln kommen wird, kann, sollte… 

Zu- statt abgenommen!

Zurück in Concarneau, wo Charlie Dalin nur fünf Minuten von der Werft und dem Liegeplatz seiner „Apivia“ entfernt wohnt, wollte der buchstäblich „zweite Sieger“ der nun endgültig für ihn abgeschlossenen Vendée Globe, einfach mal „alle Viere“ von sich strecken. Doch auch das funktionierte nicht im gewünschten Rahmen. Es gab Debriefings mit den Sponsoren, lange Nachmittage mit der Crew, die gleich mit den notwendigen Umbau- und Reparaturmaßnahmen am Boot beginnen wollte. Auch hier wieder : Nach der Regatta ist vor der Regatta – die nächsten Rennen kommen bestimmt, der Vertrag mit der Versicherungsgruppe „Apivia“ läuft noch bis Ende dieses Jahres. 

Als dann auch das erledigt war, die Vendée Globe-Kollegen und Kolleginnen sich längst mit oder ohne Familie (meistens) in den Bergen erholten – andere Horizonte, andere Luft, mehr Weiß als Blau – wollte Charlie dann nun auch in den Urlaub. Aber das erneut strengere „Confinement“ in Frankreich machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Mehr als 10 km darf sich keiner mehr von seinem Shutdown-Ort entfernen. Und Hotels oder Berghütten durften sowieso keine Gäste mehr empfangen. 

Wie ausgeschüttet und ausgespült

Also Zeit zur Erholung zuhause? Physisch nehme er langsam wieder Fahrt auf, lässt Charlie Dalin verlauten. Obwohl er bis heute nicht versteht, warum sich alle anderen augenscheinlich besser erholen als er. Er schlafe jede Nacht von 22 Uhr bis 8 Uhr morgens. Außerdem sei er der einzige Teilnehmer der Vendée Globe gewesen, der drei Kilo zugenommen habe während des Rennens – alle anderen kamen zwischen 4 und 12 kg „erleichtert“ nach Les Sables d’Olonnes zurück. Er habe dermaßen Angst davor gehabt, nicht mehr genügend Energie für die Manöver zu haben, dass er bis zuletzt riesige Portionen gefuttert habe.

Dalin war eigentlich rundum zufrieden mit seinem Rennen. Wäre da nicht zuletzt… © dalin

Doch mental fühle er sich nach wie vor wie „ausgeschüttet und ausgespült“. Der Grund dafür sei eigentlich früher bei den Figaro-Regatten seine Spezialität gewesen, jedoch heute eher lästig: Er lasse nach den Rennen alle Manöver, Probleme, Fehler und strategischen Entscheidungen nochmals Revue passieren. Doch diesmal plage er sich regelrecht mit den Gedanken, wo und wann er die entscheidenden zweieinhalb Stunden Zeit verloren haben könnte, die ihn letztendlich vom späteren Sieger Yannick Bestaven trennten. 

Ungefähr nachdem er in die Biskaya einbog ahnte Charlie Dalin, dass es knapp und richtig eng werden könnte. Hatte er die Zeit in den Leichtwind-Passagen auf der Atlantik-Zielgeraden versaubeutelt? War seine Entscheidung, zuletzt weit unter das spanische Festland zu segeln, richtig gewesen? Hätte er, wie Konkurrent Yannick Bestaven, weiter nördlich in die Biskaya hinein segeln müssen? Und überhaupt komme ihm immer wieder in den Sinn, wie er sozusagen auf den letzten Meilen zum x-ten Mal stoppen musste, um ein Teil an der Foil-Aufnahme zu reparieren – das Foil bewegte sich willenlos hin und her und brachte Mann und Boot nochmals in Gefahr. 

Egal wie – sowas dürfe ihm nie wieder passieren, sagt Charlie Dalin im Brustton der Überzeugung. Seitdem er die Ziellinie der Vendée Globe überquert habe, gebe es nur ein Ziel für ihn: Beim nächsten Start wieder dabeisein. Um diesmal bitteschön als Erster und Sieger über die Ziellinie zu rasen. Ohne anschließende Rechnereien, ohne Bangen und Warten auf den „wahren“ Sieger. 

Gemeinsam mit Route du Rhum-Sieger Paul Meilhat zur TJV – unschlagbar? © apivia

Dafür will Charlie Dalin wieder einen neuen IMOCA bauen lassen. Ein Boot, das die Performance seiner Apivia noch in den Schatten stellen soll. Träumen dürfe er ja schließlich, sagt Dalin. Und natürlich müssen dafür erstmal Sponsoren gefunden und weitere Erfolge eingesegelt und präsentiert werden. 

Sein Vertrag mit der Versicherungsgesellschaft „Apivia“, die unter dem „Macif“-Konglomerat agiert, läuft im Spätjahr nach der Transat Jacques Vabre aus. Doch „Apivia“ zeigt sich einer Vertragsverlängerung offenbar nicht abgeneigt. Zudem gebe es mittlerweile weitere Interessenten für ein Hauptsponsoring, erklärt Charlie Dalin, es mangle also nicht an Gelegenheiten. 

Zieht Euch warm an – und futtert viel!

In jedem Fall werde es ein wichtiges Jahr für ihn und seine „Apivia“. Die derzeit vorgenommenen Umbauten sollen vor allem Sicherheit für den Einsatz der Foils bringen. Und natürlich das Speedpotential als solches erhöhen. 

Denn beim erklärten Höhepunkt der Saison 2021, der Transat Jacques Vabre, will und muss Charlie Dalin tatsächlich einen ersten Rang verteidigen. Den hatte er 2019 gemeinsam mit Yann Eliès auf einem Boot erreicht, das nur wenige Wochen nach seiner Jungfernfahrt bereits die restliche IMOCA-Elite düpierte.  

Für den Shorthand-Ritt über den Atlantik hat Charlie Dalin seinen langjährigen Figaro-Kollegen Paul Meilhat (39) verpflichtet. Der sorgte zuletzt für Furore, als er die Einhand-Atlantikregatta Route du Rhum auf einem betagten IMOCA gewann – vor Yann Eliès und Alex Thomson. 

Dalin und Meilhat kennen sich bestens aus gemeinsamen „Lehrjahren“ im Hochsee-Elite-Pool von Port la Foret. Dort hatte Macif Dalin und Meilhat unter die Fittiche genommen, was sich für beide wie der wahr gewordene Traum aller Hochsee-Freaks anfühlte. 

Schon jetzt ist klar: Wer dieses relativ junge Duo bei der Transat Jacques Vabre schlagen will, muss ausgeschlafen sein. Und sollte reichlich futtern… 

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Michael Kunst

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