Vendée Globe: Was zuhause geschah, als Kevin Escoffier gesucht wurde – Zum Mitheulen

Dieser Anruf, den niemand bekommen möchte

Lebensgefährtin Sabrina Millien beschreibt emotional die angstvollen Stunden zuhause mit den Kindern, während ihr Mann Kevin Escoffier auf Hoher See in seiner Rettungsinsel trieb. Bericht einer Daheimgebliebenen, der unter die Haut geht! 

Die Agentur Polaryse hat für Escoffier-Sponsor PRB ein beeindruckendes Video über die Nacht der Havarie und Escoffiers Rettung durch Jean le Lam zusammengestellt. Viele Interviews und Augenzeugenberichte. In Französisch – sehr sehenswert auch für alle weniger Frankophilen!

Sabrina Millien ist die Lebensgefährtin von Kevin Escoffier, dessen IMOCA „PRB“ während der Vendée Globe sank und der von Jean le Cam nach nervenaufreibender Suche in seiner Rettungsinsel gefunden und gerettet wurde. Mit emotionalen, anrührenden und ehrlichen Tagebucheinträgen beschreibt Sabrina Millien Stunde um Stunde ihre Ängste, Gefühle und Verzweiflung, als sie um das Leben ihres Mannes bangt. Endloses Warten zwischen der ersten Information, Kevin habe einen Notruf abgesetzt und seiner Rettung durch Jean Le Cam. 

Kevin allein auf See – Sabrina verzweifelt zuhaus’

Das Schicksal der Daheimgebliebenen – für Sabrina Millien sind die Ozeane und das Leben mit ihren Gefahren kein unbekanntes Terrain. Sie hat viele Jahre im Umfeld der Hochseesegler gearbeitet und selber reichlich Meilen auf See geloggt. Seit 2014 leitet sie „la Colloc“ in Lorient – ein 1.400 qm großes Großraumbüro, in dem Solo-Selbständige und kleine Start-Ups aus der Offshore-Racing-Branche mit- und nebeneinander arbeiten.

Sabrina Millien © polaryse

In einem Interview vor dem Start der Vendée Globe machte sie deutlich, dass sie sich der Risiken bewusst sei, die eine Einhand-Weltumseglung mit sich bringt. Sie unterstrich aber auch, dass sie volles Vertrauen in die Skipper-Qualitäten „ihres“ Kevin hat, der als einer der erfahrensten Hochseesegler Frankreichs gilt. Sie bezeichnet ihn als „Mann, der keine unnötigen Risiken eingehen würde, nicht zuletzt, weil zuhause eine Familie auf ihn wartet.“ 

Am 1. Dezember sinkt der IMOCA „PRB“ innerhalb weniger Sekunden, nachdem er in schwerer See strukturelle Schäden erlitten hatte und auseinander gebrochen war. Kevin Escoffier kann sich in letzter Sekunde in die Rettungsinsel retten, nicht mal die „Grab Bag“ mit der Kommunikationsausrüstung kann er mitnehmen. Lediglich ein PLB (Personal Life Beacon) in einer Tasche seines Überlebensanzuges sendet Ortungssignale. 

Kevin allein auf Hoher See – und Sabrina Millien zuhause mit den Kindern im Alptraum aller Skipper-Partner. 

Montag, 30.November, 15 Uhr

Ich erhalte diesen von allen Daheimgebliebenen so gefürchteten Anruf: “Wo bist du? Bist du allein? Sab – Kevin hat ein Notrufsignal ausgelöst! Im Moment haben wir keine weiteren Informationen. Ich rufe Dich zurück.“

Escoffier verlässt schwimmend Jean Le Cams IMOCA. © Marine Nationale / Défense

Und gleich bricht alles zusammen, alles fällt auseinander. Die Beine zittern. Tränen steigen auf. Und doch: Ich muss mich jetzt zusammenreißen. Dem Rest der Familie Bescheid geben, bevor die Nachricht öffentlich wird.

16 Uhr

Meine Mutter und eine Freundin kommen zu mir nach Hause. Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu warten. Wir haben noch nichts von ihm oder über ihn gehört. Wir wissen nicht, ob Kevin okay ist, wo er ist, ob er lebt, wo das Boot ist… Ich klammere mich an die Fakten: Er hatte Zeit, eine Nachricht an das Team zu senden; er hatte Zeit, einen Notruf abzusetzen, das heißt, er ist bei Bewusstsein und muss Zeit gehabt haben, sich vorzubereiten.

17 Uhr

Ein weiterer Anruf von Jean-Jacques Laurent, dem PRB-Chef: „Sab – Jean hat ihn gefunden, er ist in seiner Rettungsinsel”. Die Emotion dieses Moments werde ich nie vergessen. Ich könnte schon wieder zusammenbrechen, aber dieses Mal vor Erleichterung. Es geht ihm gut. Er ist am Leben.

Jetzt müssen wir nur noch auf Jean Le Cam warten, der ihn abholt. Ich erinnere mich, dass ich unseren Lieben schrieb: Die nächste Nachricht, die ich euch weiterleite, wird von Kevin sein!  Von Jeans Boot.“  Es wird alles wieder gut. Mein Telefon scheint vor lauter Nachrichten zu explodieren. Jetzt ist die Nachricht von der Havarie also öffentlich. 

Escoffier nach der Rettung auf dem Boot von jean Le Cam (im Hintergrund) © Kevin Escoffier / PRB

Meine Freundin eilt zur Schule, um unsere Tochter Ines abzuholen, bevor sie die Nachricht von anderen, von Fremden erfährt. 

Der Familien- und Freundeskreis organisiert sich. Alle halten zusammen, kümmern sich um die Kinder, unterstützen mich. Freunde kommen zum Übernachten. Ich habe beschlossen, den Kindern vorerst nichts zu sagen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wir wissen ja nichts. Ines geht “wie immer” bei meinen Eltern schlafen. 

20 Uhr

Immer noch nichts… Mehr und mehr Boote werden umgeleitet, um Jean zu helfen und Kevin zu finden. Der Stress wird immer größer. Und wir wissen immer noch nicht, was passiert ist. Ist er verletzt? Ist das Boot gesunken?

Ich denke an Jean (Le Cam), Yannick Bestaven, Sébastien Simon, Boris Herrmann. Ich kann mir kaum vorstellen, was sie durchmachen: Die Angst, den Stress, Kevin nicht zu finden, die Ermüdung beim Manövrieren dieser Art von Boot, um das ihnen zugeteilte Gebiet minutiös abzusuchen. 

Während dieser langen Stunden hielt ich unsere Familien und Freunde über die WhatsApp-Gruppe auf dem Laufenden, die ich vorher eingerichtet hatte und in der ich regelmäßig Updates postete.

Sie auf dem Laufenden zu halten, ihnen sachliche Informationen zu geben, half mir „in der Spur“ zu bleiben, nicht in Panik auszubrechen, in Angst zu versinken. Das hat mich beruhigt. Und sie haben ein Recht darauf, alles zu erfahren. Kevin ist mein Mann, der Vater meiner Tochter, aber er ist auch ein Sohn, Bruder, Freund. Und die Ängste, die ich lebe, leben sie auch. Wenn ich sehe, was ich durchmache, kann ich sie nicht einfach so, ohne Informationen, zurücklassen.

Kevin Escoffier bei der Arbeit in der Nacht. © Kevin Escoffier / PRB

Mit dieser Angst lernen wir, die Lebensgefährtinnen und Lebensgefährten der Segler und Seglerinnen da draußen, zu leben. Aber wir vergraben das alles irgendwo ganz unten, damit wir in diesen wilden Zeiten normal leben und schlafen können.

Und wenn dann der Anruf kommt: Die Angst steigt auf und explodiert regelrecht. Es ist unglaublich gewalttätig. Mir ist zum Kotzen zumute. Ich zittere. 

21 Uhr

Jean sieht ihn nicht mehr, hat ihn aus den Augen verloren. Das weiß ich. Ich bitte das Team um Bestätigung: “Sab, wir sagen Dir lieber gleich die Wahrheit: Jean kann ihn nicht mehr sehen, hat ihn nicht wiedergefunden“. Und dann überkommt mich die Panik. Ich werde wütend. Schreckliche Ideen gehen mir durch den Kopf.

Ich versage. Ich gebe mein Telefon meinen Freunden, weil ich die Anrufe nicht mehr bewältigen, die Nachrichten nicht mehr sehen kann. Ich habe nicht die Kraft, die Sorgen all’ der Menschen, die mir schreiben, aufzunehmen und zu beantworten.

23 Uhr

Uns erreicht die Nachricht, dass Kevin in einem Überlebensanzug steckt.

Ich werde schlagartig wach, denke wieder einigermaßen klar: Er ist in seinem Floß, er trägt einen Überlebensanzug, er hat Jean gesehen und weiß daher, dass Hilfe unterwegs ist. Kevin ist ein Kämpfer. Das dürfte genügen.

Dienstag, 1. Dezember, 00:30 Uhr

Mein Kopf ist kurz davor zu explodieren, wir sitzen zu Hause auf der Couch mit drei Freunden, die über Nacht geblieben sind, und wir schauen einen Film. Wir versuchen mit allen Mitteln, uns abzulenken. Dieser Film im Hintergrund nimmt einen Raum ein, bringt eine Präsenz, bildet einen Block um mich herum. Ich spüre, wie die anderen in Panik geraten, ich kann es in ihren Augen sehen, aber sie versuchen, sich nichts anmerken zu lassen. Um mich zu schützen.

Für Kevin Escoffier wurde PRB mit Foils nachgerüstet. Das Boot galt als schnellster “alter” IMOCA. © CHRISTOPHE FAVREAU-DÉFI AZIMUT

Ich schließe endlich die Augen. Ich möchte schlafen. Es scheint unglaublich zu sein, aber ich schließe meine Augen, das gibt mir ein gutes Gefühl und in meinem Kopf spreche ich mit Kevin. Ich sage ihm, dass er durchhalten soll, dass ich nicht die Kraft habe, den Kindern zu sagen, dass Papa nicht zurückkommen wird, dass alles gut wird, dass ich bei ihm bin.

2:13 Uhr

Meine Freunde wechseln sich ab, so dass immer einer auf Standby auf meinem Telefon ist. Das Telefon klingelt, ich werde geweckt “Sab! Sab!“

Ich nehme den Hörer ab und höre: „Sab – er ist okay. Er ist mit Jean an Bord.“

Ende des Alptraums.

Sabrina Millien hat diesen Text in diversen französischen Tageszeitungen und Magazinen veröffentlicht. Sie nennt ihn “40° S/09° O – eine schlaflose Nacht während der Vendée Globe.”

avatar

Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

Ein Kommentar „Vendée Globe: Was zuhause geschah, als Kevin Escoffier gesucht wurde – Zum Mitheulen“

  1. avatar Sven 14Footer sagt:

    Wow, das geht unter die Haut. Die Arme, was hat sie durchgemacht. Zum Glück ist alles gut ausgegangen!

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 10 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

5 × 2 =