Vendée Globe: Wie Thomas Ruyant in ein Loch fiel nachdem er sein Foil abgesägt hatte

"An die Grenzen gestoßen"

Thomas Ruyant schien bei der Vendée Globe lange Zeit die besten Karten für einen Sieg zu haben. Dann knackste sein Backbord-Foil. Er fiel langsam aber sicher zurück – bis auf Rang sechs.

Thomas Ruyant im Flugmodus mit seiner schnellen LinkedOut. © Pierre Bouras

Als Thomas Ruyant (39) am 28. Januar den Fuß auf trockenen Boden setzte, stiegen ihm Tränen in die Augen. Verständlich, weil er nach fast zwei Monaten auf See seine Familie wieder sah – aber er sagt nun, dass die Emotion eher ein Ausdruck größter Enttäuschung war. Er hatte sich bei dieser Vendée Globe mehr als Platz sechs erhofft. Sein Schicksal war vielleicht psychologisch eines der am härtesten zu ertragenden bei dieser Regatta.

Das lässt ein Interview erahnen, das Ruyant der französischen Zeitung Ouest France zwei Monate nach dem Zieleinlauf gegeben hat. Der Franzose, der sich im Verlauf des Rennens nicht gerade durch besondere Offenheit ausgezeichnet getan hat, lässt diesmal tiefer in seine Gefühlswelt blicken.

Thomas Ruyant mit Leinensalat auf seiner LinkedOut. © Thomas Ruyant / LinkedOut

So gibt er zu, dass die Rückkehr an Land für ihn ziemlich schwer war. Ein Wunschergebnis sei Rang sechs beileibe nicht gewesen. Insbesondere nicht, nachdem Ruyant mit seiner Linkedout im Atlantik die Führung übernommen hatte und sein Verdier-Neubau das schnellste Schiff der Flotte war. 20mal wies ihn das Positionsupdate an der Spitze aus. Dazu schaffte er mit 515,3 Meilen den besten 24 Stunden-Schnitt – knapp zehn Meilen mehr als Charlie Dalin mit dem Schwesterschiff. Gerade bei perfekten Foiling-Bedingungen zeigte Ruyant, dass er der Schnellste sein kann. Alex Thomson etwa hatte im direkten Vergleich keine Chance.

Der Vendée-Blues

Als es bei der Umfahrung des St. Helena Hochs taktisch schwierig wurde, musste er Dalin ziehen lassen. Doch alles schien auf ein spannendes Duell um den Sieg hinzudeuten. Es kam schließlich anders. In der Nähe der abgelegenen Insel Tristan Da Cunha brach das Backbord-Foil und Ruyant musste ein Stück absägen, um größere Schäden zu verhindern.

Längst legendär: Thomas Ruyant sägt die Spitze seines Foils ab.

Danach wurde das Rennen mühsam. “Ich wusste, dass ich gerade zum Schluss einen hohen Preis zahlen müsste.” Denn bei der Rückkehr über den Atlantik, als er eigentlich mit seinem Neubau im Südost-Passat richtig Gas hätte geben können, funktionierte sein Schiff nicht. Die Konkurrenz zog vorbei. Drei Boote verlor er schließlich auch noch durch die Zeitkompensation wegen der Rettungsaktion.

Für die Psyche sei es ziemlich hart gewesen, nicht dagegen halten zu können. Mit Wind von Backbord fehlten einfach die nötigen PS. Wie sehr es im Unterbewusstsein rumorte, lässt sich aus der Reaktion erahnen, die sein Körper beim Familienrurlaub in den Bergen 14 Tage nach dem Zieleinlauf einforderte. Es sei wie ein Schlag gewesen. Ruyant lag flach. Er hatte den Vendée-Blues, hielt es danach nicht mehr alleine zuhause aus, ging lieber arbeiten.

“Längst nicht allles richtig gemacht”

Es war wohl die Enttäuschung. “Ich segelte fast bei dem gesamten Rennen auf eine Podiumsplatz. Im Ziel gratulieren dir alle und sagen dir, dass es gut ist… aber im Nachhinein sehe ich, dass ich längst nicht alles richtig gemacht habe.” Das sei nur schwer zu ertragen.

Anders als viele seiner Kollegen hat Thomas Ruyant bei seiner Vorbereitung nicht die Dienste eines Mentaltrainers, Coaches oder Psychologen in Anspruch genommen. “Ich hatte nie das Bedürfnis, mir mental helfen zu lassen”, sagt der Einhandskipper. “Und jetzt bin ich vielleicht an meine Grenzen gestoßen… Das ist sicherlich etwas, das ich ausprobieren muss. Für die bessere Nachbereitung, aber besonders auch auf dem Wasser, um meine Stimmungen zu managen. Ich hatte auf dem Wasser große Schwierigkeiten, über meine beschädigte Tragfläche hinwegzukommen… Also werde ich versuchen, in diesem Bereich Fortschritte zu machen. Ein schönes persönliches Ziel für die nächsten vier Jahre.” Es gebe viele schöne Momente bei einer Vendée Globe aber noch mehr harte. “Zum Glück erinnert man sich nach einiger Zeit nur noch an die schönen Dinge.”

Ruyant will jedenfalls in vier Jahren zum dritten Mal angreifen. Es ist nicht ganz klar, ob er für den möglichen Sieg einen neuen IMOCA bauen will. “Wir stellen uns natürlich die Frage, ob wir das Boot wechseln müssen, um wieder wettbewerbsfähig zu sein.” Normalerweise benötige man einen Neubau.

Aber für ihn habe die neueste Generation von Foilern durchaus ihr Potenzial unter Beweis gestellt. “Wir haben große Fortschritte bei der Leistung der Boote gemacht.” Vielleicht brauche man aber andere Rümpfe, um noch mehr herauszuholen. Eigentlich hätten ihm und Dalin nur ein paar Stunden Zeit im Südatlantik gefehlt, um den Absprung vor der Flaute zu erreichen. Dann wäre der nötige große Vorsprung zustande gekommen, der normalerweise eine Vendée Globe entscheidet.

Erst einmal ist sicher, dass Ruyant das Boot für die nächsten beiden Höhepunkte, Transat Jacques Vabre 2021 und Route du Rhum 2022 benutzen wird. Auch bei The Ocean Race steht er auf der Teilnehmer-Liste.

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

neun + sechs =