Vendée Globe: Worauf es wirklich ankommt – kleine Stories rund um den Hochseesteg

Verrückt, verrückter… Vendée Globe

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Blick aus dem Krähennest von Yes, we cam! © vendée globe

Zweitausend Postkarten, VG-Windbeutel,Wecken mit Stromschlägen, vermisste Frauen und ganz schön teure Balkons. Ils sont fous!

Der Himmel hat sich im Laufe des Tages zugezogen, gleich wird es wohl zu regnen beginnen. Kein goldenes Herbstwetter mehr, heute Morgen gab es sogar Frost. Was weder zur frühen Stunde die Fans der Vendée Globe davon abhielt, am Freitag zum letzten Mal für einen Besuch auf dem Hochseesteg Schlange zu stehen. Noch kurz vor dem Dunkelwerden, Abertausende daran hindert, an den Booten vorbei zu defilieren.

Der letzte Publikumstag vor dem Start zur Vendée Globe gilt als echter „Hardcore-Tag“ für alle Beteiligten. „Allez, reißt Euch zusammen – diese letzten 24 Stunden Angegafftwerden schaffen wir auch noch,“ lautete allgemein die Parole.

Am Samstag vor dem Startsonntag gehört der Steg traditionell dann nur noch den Skippern, ihren Familien, Teams und einer Handvoll Journalisten, die für die ganz großen Medien berichten. Nichts, aber auch gar nichts soll die Skipper mehr von ihrem Abschied, vor dem, was vor ihnen liegt und von sich selbst ablenken.

Auf vollen Touren

Doch die „Maschinerie“ Vendée Globe in Les Sables d’Olonnes läuft weiterhin auf vollen Touren. Im Race Village drängeln sich Tausende durch die Zelte, Verkaufsstände und Hallen der Regattasponsoren. In der Vendée Globe-Halle stehen die Fans staunend und oft tatsächlich Maulaffen feilhaltend inmitten faszinierender Multi-Media-Shows, welche die Geschichte dieser Regatta aufzeichnen und jeden einzelnen Teilnehmer samt Boot vorstellen. Die großen französischen TV-Sender haben Interview-Zonen eingerichtet, in denen sie unter freiem Himmel die Stars und weniger Bekannten unter den VG-Skippern aufnehmen.

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Louis Burton: alte Freundin – neues Boot © vendée globe

Über den ganzen Tag hinweg werden (wirklich kompetente) Erklärungen über Lautsprecher abgegeben, die über das Rennen, die Skipper aber auch beispielsweise über die zu erwartende Wetterlage oder über so komplizierte Feinheiten wie die Regeln beim Start aufklären.

Informationen, die sich dieses Publikum auch tatsächlich so wünscht. Denn was auffällt: Die breite Masse der Zuschauer hat zumindest grosso modo Ahnung vom Segeln. Viele zeigen sogar im Gespräch mit den Medien oder Skippern echtes Know-how, kaum jemand, der „nur gucken“ kommt. Obwohl auch das durchaus legitim wäre und schon mal weitaus mehr ist, als andere Nationen aufbieten würden.

Algenbrot und Windbeutel

Nein, die Franzosen sind wirklich segelverrückt. Das zeigt sich einmal mehr an der wirklich liebevollen und durchweg stolzen „Aufmachung“ des Städtchens Les Sables d’Olonnes. Überall VG-Schriftzüge, Fahnen, transparente, Wandbemalungen… alles steht im Zeichen der Regatta. Ob spezielle Vendée Globe-Galettes angeboten werden (logisch, mit Meeresgetier), VG-Windbeutel (originell, oder?) gebacken oder VG-Drinks (nicht on the rocks, on the waves!) geschüttelt werden, ob ein spezielles Brot testweise auf den Markt kommt (mit Algen, echt lecker) oder sogar VG-Hautcremes (mit hohem Sonnenschutzfaktor, selbstredend) unters Volk gebracht werden – alle sind im Regattafieber.

Dabei entstehen unzählige kleine Geschichten, die sich beim Apéro erzählt, beim Bäcker getratscht oder schlicht in den Lokalzeitungen wiedergegeben werden.

Wie die von der Schulklasse, deren Schüler mit Postkarten eine Art Kettenbrief-Aktion zum Thema „Segeln um die Welt“ ins Leben gerufen haben und bereits knapp 2.000 Karten aus aller Welt erhielten. Ganz zu schweigen von den 100.000 Likes auf den Facebook-Eintrag, initiiert von einer Mutter.

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Ein Schweizer Tennisschläger segelt um die Welt © miku

Spanisch-französische Brandbekämpfung

Oder die von der Freiwilligen Feuerwehr, deren Brandbekämpfer mitgekriegt hatten, dass der spanische Skipper Costa ebenfalls Feuerwehrmann von Beruf ist. Also luden sie ihn zu einer grenzübergreifenden Übung ein, die angeblich erst verdammt spät endete.

Viele Mütter und Ehefrauen, in deren Familien Fischer (oder sogar Segler) aktiv sind, waren zu Tränen gerührt, als sie erfuhren, dass Sebastien Josse nur vor dem Einen Angst hat: Nicht mehr nach Hause zu kommen und das Schicksal so vieler Menschen, die auf See blieben, teilen zu müssen.

Was kaum jemand so richtig nachvollziehen konnte, aber respektvoll mit „es sind eben schnelllebige Zeiten“ kommentiert wurde: Louis Burton, vor vier Jahren jüngster Skipper am Start der letzten Vendée Globe und der bereits vor Portugal mit einem Fischtrawler kollidierte, hat jetzt – kurz vor dem Start zu seinem nächsten Versuch – schon mal ein Boot für die VG 2020 gekauft. Sein Sponsor Bureau Vallée machte es möglich und erwarb schon mal die „Banque Populaire“, mit der Armel Le Cleac’h dieses Jahr noch gewinnen will.

Schnäppchen für 3,5 Millionen

Apropos kaufen: wer sich schnell entscheidet, kann für 3.5 Millionen Euro jetzt schon die „Gitana“ von Sebastien Josse erwerben, wie heute Morgen bekannt wurde. Könnte deutlich teurer werden, wenn Josse darauf gewinnt…

Bleiben wir noch ein wenig beim Geld. Das wollen auch ein paar Mütterchen machen, die rein zufällig in Häusern mit Sicht auf den berühmten „chenal“ (Kanal) von Les Sables d’Olonnes wohnen, durch den die IMOCA unter Zuschauer-Farewell-Rufen traditionell hinaus aufs Meer geleitet werden. Die Damen bieten schon seit Wochen ihre Fenster, vor allem aber ihre kleinen (irgendwie baufällig wirkenden) Balkons feil. Seit gestern geht das Gerücht um, dass sie jeden verfügbaren Platz vermietet haben. Über Preise schweigt frau sich aus, aber die eine Balkonmiete, die wurde dann doch stolz ausgeplaudert: 1.400 Euro zahlt ein (ausländischer) TV-Sender für fünf Stunden Drehzeit. Olalala!

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Dieser Blick ist einem TV-Sender 1.400 Euro wert – für ein paar Stunden Drehzeit © vendée globe

Frauen werden vermisst

Die Abwesenheit von weiblichen Skippern bei dieser Vendée Globe ist auch so ein Thema, über das immer wieder lamentiert, diskutiert und referiert wird. Man könnte meinen, dass Samantha Davies, Star der letzten Vendée Globe-Ausgabe, nur hierher gereist ist, um sich immer wieder für ihre Abwesenheit und die ihrer Kolleginnen zu entschuldigen. Bei Davies ist die Sache klar: Sie hat zu viel Zeit für das Volvo Ocean Race geopfert (bei dem sie dem bisher ersten reinen Frauenteam vorstand), um sich auch noch um eine Vendée Globe-Kampagne zu kümmern.

Warum keine anderen Frauen dabei sind? Großes Schulterzucken allerseits, nicht zuletzt, weil es das erste Mal seit 1992 ist. Catherine Chabaud, die erste Frau, die 1997 bei einem Rennen einhand, nonstop die Welt umrundete (VG 1997), winkt jedoch ab. Sie glaubt ganz fest an ein „heranwachsendes“ weibliches IMOCA-Potential, das sie bei den Figaristinnen (wie etwa VOR-Kollegin Justine Mettraux) genauso ausmacht wie bei der Class 40 (Isabelle Joschke, Anna Maria Renken) und letztendlich auch bei den Mini 6.50. Doch ob die angesprochenen Seglerinnen überhaupt Lust auf die IMOCA-Seglerei haben, wurde nicht erwähnt…

Mit dem Tennisschläger um die Welt

Richtig entspannt ging es übrigens an einem der Seitenstege zu, an den der Schweizer Alan Roura gegen Abend seine IMOCA gelegt hatte. Grund war die etwas verspätete Taufe seines Bootes auf den Namen „La Fabrique“. Dafür konnte er die Schweizer Tennisspielerin Belinda Bencic als Taufpatin gewinnen, die ihm wiederum sinnigerweise einen Tennisschläger schenkte, den der jüngste Teilnehmer dieser Vendée Globe doch bitteschön um die Welt segeln soll. Mal sehen, ob Alan an jedem Kap einen Ball in die Wellen schmettern wird.

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Virtuell kann jeder mitsegeln, auch mit kleinem Budget © vg

Übrigens, wer sich unter die 144.800 Skipper im virtual Race mischen will: Hier geht’s lang zur Startlinie!

Vielleicht noch ein kleines Augenzwinkern, fast zum Schluss: Man sagt ja immer so leichtfertig „der Mann steht unter Strom“. Bei Alex Thomson stimmt das nun aber wirklich! Der Skipper von „Hugo Boss“ lässt sich während der kommenden Vendée Globe tatsächlich von einer Uhr per Stromschlag aus den 30-Minuten-Schlafphasen wecken. Je nachdem, wie wenig Schlaf er vorher hatte, kann er die Stärke der Stromstöße variieren. Vor allem in den angeblich engen Korridoren im Southern Ocean wird Thomson wahrscheinlich auf 100% stellen – es drohen empfindliche Zeitstrafen, wenn man über die Restriktionslinien hinaus rast.

Das letzte Wort soll der amerikanische Teilnehmer Rich Wilson haben: „Wenn Trump bei den Wahlen gewinnt, nehme ich mir noch mehr Zeit für die Weltumseglung!“ Politische Einflussnahme auf den Sport, nennt man sowas!

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Rich Wilson hat das letzte Wort © Lloyd, dppi, vendee globe

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Michael Kunst

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Ein Kommentar „Vendée Globe: Worauf es wirklich ankommt – kleine Stories rund um den Hochseesteg“

  1. avatar Andreas Borrink sagt:

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