Vendée Globe: Yannick Bestaven macht Druck – Porträt eines Seglers, der unbedingt „will“!

„Wie die Wildschweine“

Yannick Bestaven peilt bei der Vendée Globe als Vierter das Podium an. Er teilte IMOCA-Erfahrungen mit Yves Parlier und Ellen MacArthur. Dann siegt er bei der Mini Transat. Doch die Segelkarriere ist alles andere als geschmeidig. 

Yannick Bestaven ist eben ein reinlicher Mensch – ein Video aus Zeiten, als er noch Zeit zum Duschen hatte!

Neulich bei (einer früheren) Vendée Globe: „Nie wieder! Mit der Vendée Globe könnt Ihr mir gestohlen bleiben! Dieser Blödsinn verschlingt Unsummen Geld, kostet das letzte bisschen Nerven, das man nach zwei bis drei Jahren Vorbereitungszeit noch übrig behalten hat und dann kommt die Palme von oben – in der Biskaya!“  Viele der Fans von Yannick Bestaven werden sich noch an dessen Auftritt erinnern, als der „Nazariste“ (so genannt, weil geboren in St. Nazaire) kurz, viel zu kurz nach dem Start der Vendée Globe 2008 dieselbe gleich wieder wegen Mastbruch aufgeben musste. Bestaven hatte Tränen in den Augen. Tränen der Wut, Tränen der Enttäuschung.

Schluss mit lustig?

Alle, die Yannick Bestaven noch nicht ganz so gut kannten, vermuteten: „Das war’s dann wohl mit seinen Ambitionen für großes Hochseekino!“ Andere, die ihn schon länger beobachteten, mussten schmunzeln. Ein Yannick Bestaven, der sich von dem bisschen Regattapech unterkriegen lässt? Jamais – niemals!

Wie so oft spielt sich die darauf folgende Realität irgendwo dazwischen ab. Tatsächlich hatte Bestaven erstmal von dem ganzen Vendée Globe-Zirkus die Nase gestrichen voll. Nicht zuletzt, weil er nach diesem frühzeitigen Regatta-Aus auch finanziell schwer ins Straucheln geriet. Doch Bestaven gehört zu diesem Typus Mensch, der – einmal ein Ziel gesetzt – genau dorthin will. Basta.

Daily Motion-Porträt VOR der Vendée Globe 2020

Egal, welche Steine respektive UFOs einem in den Weg gelegt werden; egal, wenn die Masten nicht immer in der Vertikalen bleiben.

Heute, 12 Jahre später, segelt er bei der Vendée Globe mit aktuellem Kurs auf Kap Leuwin/Australien sage und schreibe auf Rang Drei. Und hat auf seiner „Maitre Coq“ immerhin schon (fast) schmerzfrei ein Drittel seiner Traumregatta absolviert. 

Aufs Podium lauern

Yannick Bestaven ist einer dieser seglerischen Überflieger, der von den gut informierten französischen Segelfans als ein Typ wahrgenommen wird, der „will“. Ein Könner, der Resultate abliefert, aber wenig „Bohei“ daraus macht. Einer, der einstecken kann und trotzdem weitermacht. Und gerade deshalb sein Leben voll und ganz dem Segelsport widmet – beruflich wie privat. Wobei das Eine buchstäblich fließend in das Andere übergeht.

Angefangen hat’s bei dem heute 47-Jährigen mit einer Jugend in Arcachon. Wer in dem berühmten Atlantik-Städtchen mit Europas höchster Düne im Hintergrund aufwächst, wird in einer kleinen, aber sehr feinen Segelszene groß. Irgendwann wurde der berühmte Yves Parlier auf Yannick aufmerksam. Der hatte 1996 und 1998 bereits an Weltmeisterschaften auf der J24 teilgenommen, war im gleichen Zeitraum in den Mini-Zirkus eingestiegen, wo er im ersten Jahr gleich das Mini-Classement anführte. 1999 ging er als einer der Favoriten in die Mini-Transat und wurde… 12ter! Was ihn wie eine Ohrfeige schmerzte, letztendlich aber zu mehr, viel mehr inspirierte. 

Einer der will… und kann: Yannick Bestaven © liot

Yves Parlier hatte jedenfalls genug von dem jungen Segler gesehen und holte ihn sich 1999 an Bord seiner IMOCA „Aquitaine Innovations“, um prompt das damals höchst populäre Teamrennen „Course de l’Europe“ zu gewinnen. Ach ja, mit an Bord war noch eine gewisse Ellen MacArthur. 

Niederlagen, die schmerzen

Vom Mini kommt Bestaven aber erstmal nicht weg, die „Niederlage“ bei seiner ersten Transat-Teilnahme macht ihm zu schaffen. Der angehende Ingenieur baut sich einen Prototypen selbst und gewinnt die Mini Transat 2001 überlegen (Sieg in beiden Etappen). 

Dieses Transat-Rennen war übrigens für die Hochsee-Szene sozusagen zukunftsweisend: Bei den Prototypen nahmen neben Bestaven auch Arnaud Boissieres (gleiches, selbst gebautes Boot wie Bestaven, Rang 3), Sam Manuard, Yves LeBlevec, David Raison, Samantha Davies und bei den Serienbooten Boris Herrmann (Rang 11) teil.

Zurück zu Yannick Bestaven. Der fühlte sich nach seinem Mini-Transat-Sieg dazu inspiriert, voll und ganz in der Hochsee-Regatta-Szene aufzugehen. Die nächsten Jahre segelt er „so ziemlich alles, was sich irgendwie vom Wind in Fahrt bringen lässt“: Tour de France a la Voile (Farr 30), Route du Rhum auf einem Open 50 – in Führung liegend verliert er seinen Kiel. Er skippert Figaros, segelt mit Yves Parlier das Tragfächenboot Hydroplaneur, mischt die Class 40 auf und erhält 2008 unverhofft die Chance, auf IMOCA „Aquarelle“ an der Vendée Globe teilzunehmen. Resultat: siehe oben! 

Doch Yannick Bestaven bleibt trotz aller wütenden Enttäuschung am Ball. Weil für ihn, wie für viele andere auch, die Vendée Globe der „Gral des Hochseesegelns“ ist. Er will, er muss wieder an den Start. Doch was Bestaven von vielen anderen unterscheidet: Er ist geduldig. Und kann konsequent auf ein Ziel hinarbeiten. 

Watt & Sea

Also bleibt der Ingenieur nicht nur in der Hochsee-Manege und segelt auf semi-professionellem Niveau ausgesprochen erfolgreich weiter. Vielmehr gelingt ihm auch mit der Erfindung des ersten, wirklich korrekt funktionierenden Hydrogenerators (übrigens nach einer Idee von Eric Tabarly) und der Gründung der heute in dieser Domäne führenden Firma „Watt & Sea“ ein echter Coup. 

Maitre Coq – ein Verdier-VPLP-Riss aus dem Jahre 2015. Bis heute eines der leistungsstärksten Boote in der IMOCA-Flotte © liot

Auf Class 40 wird er vor allem bei den Transat Jacques Vabres erfolgreich, die er 2011 und 2015 gewinnt. Und mit Watt & Sea geht es ebenfalls rasant vorwärts, bis zum ausgesprochen schwarzen Jahr  2017: Da brennen die Produktionsstätten, die Pläne und das Lager von Watt & Sea ab. Doch Bestaven und sein Partner Michou geben nochmals Gas – heute ist Watt & Sea wieder voll im Rennen. 

Wie Yannick. Zur aktuellen Vendée Globe wurde er folgerichtig vom Sponsor Maitre Coq nicht nur wegen seiner seglerischen Fähigkeiten geladen, sondern wegen seiner hohen technischen Kompetenz, seinem Geschäftssinn und… seinem Durchhaltevermögen. Last not least: Bestaven kümmert sich um sein Projekt von A bis Z. Was in der aktuellen Hochseeszene keineswegs selbstverständlich ist.

All’ dies spielt Yannick Bestaven seit dem 8. November, dem Starttag der Vendée Globe 2020/21, voll und ganz aus. Gegenüber den Medien gibt er sich eher zurückhaltend, viel mehr als die obligatorischen Gespräche und Mini-Videos mit den Organisatoren liefert er nicht. Er gibt sich mit ironischem Unterton erstaunt, dass er weiter als die Biskaya gekommen ist. Er lebt an Bord „wie ein Wildschwein“, weil ihm aufgrund der harten Aufschläge in den Wellen „dauernd das Essen aus dem Trog“ schwappt und er es„auf allen Vieren“ mit dem Händen vom Boden futtert. „Hygiene? Vergiss’ es!“

Ganz zu schweigen von den endlosen Kursen mit „doofen Windeinfallswinkeln und noch dooferem Seegang“ durch den Atlantik. 

Es geht schweinisch zu

Bei alledem lauert er stets in der zweiten Reihe, auf den Rängen 9 – 5. Bloß nicht verrückt machen lassen, den Anschluss behalten und dann – wenn alles gutgeht – auf den richtigen Moment warten, um das Podium in Angriff zu nehmen. 

Eine Zeit, die jetzt gekommen scheint. Nachdem er, gemeinsam mit seinem ehemaligen Mini-Mitstreiter Boris Herrmann, zur Rettung von Kevin Escoffier beordert wurde (der letztendlich von Jean le Cam aus dem Wasser gefischt und bei einer Fregatte der Französischen Marine abgeliefert wurde , SR-Artikel), schlich sich Yannick Bestaven regelrecht nach vorne. Und das u.a. durch konsequente Verringerung seiner Geschwindigkeit. 

Vor allem und allen: Team-Chef! © liot

In einer der letzten Vendée Globe-aktuell-Sendungen sagt er, dass alle ja eigentlich in diesem Rennen seien, um richtig schnell zu segeln. „Doch die Tiefs vor und hinter mir müssen umfahren werden!“ Oder man mache es wie Yannick Bestaven und warte ab, bis die 40-Knoten-Fronten vorbei gezogen sind. „Wir haben schon bei den Atlantik-Stürmen gelernt, dass man bei solchen Bedingungen alles, bloß nicht schnell segeln darf. Solche Tiefs sind Boat-Breaker, die hauen alles kurz und klein wenn man nicht aufpasst.“

Gerne anderen den Vortritt lassen – vorerst

Es sei schon eine sehr große Genugtuung für ihn, sagt Yannick Bestaven, dass er überhaupt so weit kommen durfte. „Und was ich dabei erlebt habe, wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Die Front vor Portugal, das Tiefdruckgebiet vor den Kanaren, die Flauten vor Brasilien, die Rettung von Kevin Escoffier, die jetzt schon legendär ist, der Indische Ozean, der diesmal keine Geschenke gemacht hat… 

Doch das Rennen habe eigentlich jetzt erst begonnen. „Ich werde einen Teufel tun und mit voller Kraft nach vorne segeln. Ich bleibe vorsichtig, lasse gerne den anderen den Vortritt, wenn sie unbedingt wollen. Erst müssen wir durch den Southern Ocean und am Kap Hoorn vorbei kommen. Erst dann wird abgerechnet. Und vielleicht werde ich mich bis dahin sogar an dieses Schweineleben gewöhnen!“

Race-Tracker

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Michael Kunst

Näheres zu miku findest Du hier

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