Volvo Ocean Race: Nord-Atlantik zeigt die Zähne – Rekordfahrten bei Extrembedingungen

"Sehr, sehr nass"

Die Volvo Ocean-Race-Flotte nähert sich mit Höchstgeschwindigkeit Europa. 24-Stunden-Rekorde purzeln, dramatische Power-Bilder entstehen und die Holländer sind am schnellsten. Aber das dicke Ende kommt noch.

Der Chinese Horace auf Dongfeng in voller Montur. © Jeremie Lecaudey/Volvo Ocean Race

“Sehr, sehr nass”! So beschreibt die Holländerin Carolijn Brouwer die aktuellen Bedingungen auf dem Nord-Atlantik. 40 Knoten Phasen, relativ flaches Wasser und günstige Strömung beschleunigen die VO65 auf Rekord-Geschwindigkeiten.

Zuerst nutzte Bouwe Bekking die südlichere Luv-Position, um Brunel ordentlich laufen zu lassen und sich vor die Nord-Gruppe zu setzen. Dabei brach er den bestehenden Klassen-Rekord für die VO65-Klasse, der beim vergangenen Volvo Ocean Race von Abu Dhabi auf 550.8 Seemeilen festgesetzt worden war.

Noch weht der Wind und AkzoNobel liegt vorne. Aber die Flauten-Barriere wartet schon.

563 Meilen absolvierte das gelbe Boot in 24 Stunden, aber kurz darauf legten die niederländischen Kollegen auf AkzoNobel noch drei weiteren Meilen drauf. Die beiden führenden Boote auf dieser Etappe puschten sich immer weiter, und Brunel holte sich die prestigeträchtige Auszeichnung mit 576 Meilen zurück, nur um kurze Zeit später erneut von AkzoNobel mit 579 Meilen überlaufen zu werden.

Monohull-Rekord

Diese Zahlen sagen in einem Rennen nicht viel aus, da sie zufällig zustande kommen, wenn die Bedingungen gerade dem schnellsten Kurs zum Ziel entsprechen. Und niemand wird die Schoten öffnen, um den Rekord näher zu kommen. Aber der Vergleich mit den absoluten Rekord-Zahlen ist durchaus beeindruckend.

Wenn das Meer durchs Boot schwappt. AkzoNobel rast durch den Nord-Atlantik. © Konrad Frost/Volvo Ocean Race

So liegt der absolute Monohull-Rekord von “Ericsson 4” 2008 mit 596 nicht völlig außer Reichweite. Dabei war der Volvo Racer der damaligen Generation fünf Fuß länger und er durfte im Rahmen einer Box Rule frei konstruiert werden.

Die aktuellen VO65 sind Einheitsyachten und sicher nicht die schnellsten Monohulls. Das zeigt, wie sehr sie von den Crews gepuscht werden. Dabei haben die Rümpfe schon ein Volvo Ocean Race hinter sich – nur AkzoNobel wurde neu gebaut- . Die Teams haben sich noch weiter an die Limits herangetastet. Selbst der absolute 24-Stunden-Monohull-Rekord des 100 Fußers “Comanche” mit 618 Meilen aus dem Jahr 2015 scheint gar nicht so weit entfernt.

Klassement wirbelt durcheinander

Für die Volvo-Teams sind diese Zahlen allerdings nur eine Randnotiz. Es geht um wichtige Punkte bei der doppelt zählenden Etappe, die das Gesamtklassement noch einmal ordentlich durcheinander wirbeln können. Insbesondere Brunel hat Chancen, den ganz großen Wurf zu landen.

Sonnenaufgang im Spritzwasser bei Scallywag © Rich Edwards/Volvo Ocean Race

So konnte Bouwe Bekking den Abstecher nach Süden tatsächlich nutzen, um sich vor die Konkurrenten im Norden zu setzen. Er hält sich damit die Chance offen, im Falle eines Sieges möglichst viele Gegner zwischen sich und Dongfeng und Mapfre zu platzieren.

Dafür müsste er aber erst einmal wieder an AkzoNobel vorbei. Das blaue Boot ist im Starkwind gut 10 Meilen voraus gefahren. Und das viertplazierte Dongfeng-Team sollte auch nicht Vestas überholen, die auch nur noch 10 Meilen Vorsprung hat. Außerdem darf Mapfre mit gut 100 Meilen Rückstand nicht erneut das Comeback gelingen. Dann wäre der Ausgang dieses Volvo Ocean Races vor den verbleibenden zwei Etappen wieder völlig offen.

Aber so weit ist es noch lange nicht. Denn am Wochenende bremst erneut ein Hochdruck-Rücken die Flotte ein. Das Feld wird sich wieder zusammenschieben und es muss sich zeigen, wer die schnellste Passage durch das komplizierte Wetter findet.

Drei strategische Phasen auf dem Weg nach Cardiff. Am Ende wartet wieder eine Flaute.

Und auch danach ist noch nichts entschieden. “Es wird eine schwierige Ziel-Annäherung”, bestätigt Dee Caffari, die sich auf Rang vier immer noch knapp vor Mapfre halten kann. “Es kann wieder eine Lotterie werden.”

Ob Mapfre dann wieder auf seine Fortune setzen kann. So ein Finish wie bei der vergangenen Etappe, gelingt im Segeln nicht oft. Und 100 Meilen Rückstand zum jetzigen Zeitpunkt sind eine Menge Holz. Besonders der Rückstand zu Dongfeng mit 40 Meilen ist kritisch. Aber dem Team um Xabi Fernandez ist das erneute Comeback durchaus zuzutrauen.

Volvo Ocean Race Tracker

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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