Volvo Ocean Race: Die unglaubliche Dramaturgie des Finales – Brunel sah wie der Sieger aus

Als das rote Boot noch um die Ecke kommt

Was für eine Dramatik. Das Volvo Ocean Race war für Dongfeng längst verloren, aber schließlich gelang den Franzosen doch noch der einzige und entscheidende Etappensieg. Wie sich das Finale entwickelte.

Dongfeng

Dongfeng segelte am schnellsten um den Planeten. © Ainhoa Sanchez/Volvo Ocean Race

Man hätte kein spannendere Drehbuch schreiben können. Wieder einmal hat der Segelsport gezeigt, welche Spannung er generieren kann, welche Entwicklungen auf einem Regattakurs möglich sind.

Die Konstellation vor dem Finale war ja schon unglaublich. Dass nach zehn Etappen um die Welt gleich drei Teams punktgleich vorne liegen würden, konnte man besser nicht planen. Eine perfekte Marketing-Maßnahme für die nach dem Ausstieg von Volvo schwer unter Druck geratene Regatta.

Umso erstaunlicher, dass das Volvo Ocean Race auch beim letzte Abschnitt noch einmal alle Facetten dieses speziellen Sport-Wettlampfes zeigen konnte. Starker Wind machte erneut großartige Drohnen-Bilder und sichtbar anstrengenden Sport möglich, Winddrehungen unter Land kreierten viele Überholspuren, und das abwechslungsreiche Spielfeld hielt die Entscheidung bis kurz vor dem Ziel offen.

Höhere Macht im Spiel?

Charles Caudrelier (44) hatte mit seinem Dongfeng-Team schon in der Anfangsphase dieses Finals gezeigt, dass er endlich eine Etappe gewinnen wollte. Sein französisch geprägtes Team hatte auf der Strecke um die Welt so viele Führungspositionen verloren, dass man  schon auf die Idee kommen musste, eine höhere Macht wollte den Gesamtsieg mit aller Macht vereiteln.

carolijn brouwer

Carolijn Boruwer, die erste Frau, die beim dritten Anlauf das Volvo Ocean Race gewinnt © Ainhoa Sanchez/Volvo Ocean Race

Und auch diesmal schien es wieder nicht zu klappen für das rote Schiff mit dem treuen chinesischen Sponsor. Die wichtige Entscheidung auf der Nordsee über eine Route nahe unter Land oder weiter draußen auf See beantworteten die beiden heißen Konkurrenten anders. Und plötzlich stand Caudrelier mit seiner Entscheidung alleine da.

Dongfeng verlor in der Gegenströmung unter Land auf der virtuellen Strecke bis zu 50 Meilen. “Wir wussten, dass wir bei dieser Option erst zurückfallen und wenn, dann erst später aufholen würden”, sagt der französische Skipper. “Und als wir Sonntag Mittag den letzten Positionsreport erhielten und wir zum Ziel noch 27 Meilen, sie aber nur noch 20 Meilen zurücklegen mussten, dachten wir, es sei vorbei. Aber dann habe ich noch ein kleines Wetterrouting durch den Computer laufen lassen, und das zeigte, dass wir eine Meile in Führung liegen würden. Ich weckte alle auf und sagte: Lasst uns noch mal richtig puschen.”

Plan vom Wetter-Router gefolgt

Caudrelier erklärt, dass sie diesmal genauer dem Plan gefolgt seinen, den sie an Land mit dem erfahrenen Wetter-Router Marcel van Triest ausgearbeitet hatten. Sie seien seinem Rat auf dem Atlantik nicht gefolgt und lagen falsch. Diesmal haben sie es anders machen wollen.

Pascal Bidegorry

Navigator Pascal Bidegorry hat als Skipper des Maxi Tirs “Banque Populaire V” selber Rekorde gebrochen. © Ainhoa Sanchez/Volvo Ocean Race

“Wir haben immer gewusst, dass wir es können. Auch wenn niemand geglaubt hat, dass wir diese letzte Etappe gewinnen, so hatte ich doch immer ein gutes Gefühl. Ich habe gesagt, wir können nicht verlieren, wir können nicht verlieren, wir können nicht verlieren…und dann haben wir gewonnen.” 

Als wenn es so einfach gewesen wäre. Der Schlag ganz nahe entlang der deutschen und holländischen Küste war kein Verzweiflungsschlag, der aufgrund einer ausweglosen taktischen Position erfolgte, so wie Scallywag zwei Spitzenplätze gelungen sind. Vielmehr folgte die Strategie einer ausgeklügelten Wetter-Analyse.

Mapfre konnte schon Siegesfeier planen

Aber sicher konnten sich die Franzosen nicht sein. Insbesondere Mapfre hielt sich lange die gleiche Option offen, und wäre im begrenzten Seeraum zwischen den Sperrgebieten kaum einzuholen gewesen, wenn Fernandez auch den Weg unter Land gewählt hätte.

Er tat es aber nicht und drehte spät ab nach Westen. Eigentlich zu spät. Brunel rutschte auf der Anliegelinie knapp durch, und das hätte beileibe nicht passieren dürfen. Es schien die Entscheidung bei diesem Volvo Ocean Race zu sein. Denn mit Dongfeng rechnete zu diesem Zeitpunkt schon niemand mehr.

Doch dann kamen die Spanier doch noch einmal zurück, überholten Bekking, hielten ihn im direkten Zweikampfmodus in Schach und konnten sich eigentlich schon auf die Siegesfeier vorbereiten.

Dongfeng auf dem Weg zum Volvo Ocean Race Sieg. © Stichelbaut/Dongfeng

Dann kam doch noch das andere rote Boot aus der Ecke. “Wir vertrauten unsere Wahl, die anderen sind uns nicht gefolgt und so haben wir gewonnen”, fasst Caudrelier einfach das Geschehen zusammen. Wachführer Stu Bannytyne, ex Volvo Ocean Race Sieger mit Illbruck, erklärt, dass diese Routenwahl ihre eigenen Gefahren Herausforderungen bereit hielt. “Schwierige Navigation. Viele Sandbänke, Verkehrstrennungsgebiete, Windfarmen und sehr wechselhaftes Wetter.” Doch der Wind sollte unter Land länger halten, und das tat er dann auch. 

Bis zehn Minuten vor dem Ziel habe er es nicht glauben können sagt Caudrelier. “Ich habe immer gesagt, irgendwas passiert noch. Wir hatten in den vergangenen neun Monaten so viele Frust-Momente zu überstehen und nie eine Etappe gewonnen. Wir waren nach dem Start immer in einer guten Position und sind immer wieder gescheitert. Das war so hart für mich als Skipper.”

Aber nun machten die anderen ihre Fehler. Besonders Mapfre, die wohl eher Brunel als stärkeren Gegner einschätzten und lieber auf deren Route einschwenkten. “Unsere Entscheidung für die westliche Route kam spät”, sagt Mapfres Blair Tuke, der wie seine Kollegen Peter Burling auf Brunel das angestrebte Tripel aus Olympia-, America’s Cup- und Volvo-Sieg verpasste. “Deshalb haben wir viele Meilen zu Brunel und AkzoNobel verloren, die sich früher entschieden haben.”

Und Bouwe Bekking sagt: “Der dritte Platz ist immer noch gut, und wir können sehr stolz auf das Team sein. Wir dachten, die richtige Route weiter offshore gewählt zu haben, weil wir eine Winddrehung dort erwartet hatten. Aber die kam 90 Minten zu spät, und das war’s dann. Aber so ist Regattasegeln. Und natürlich gratulieren wir Dongfeng und Mapfre.”

Der entscheidende Mapfre-Angriff mit einer Halse. Das Brunel-Team scheint wie versteinert zuzusehen:

Tracker Volvo Ocean Race

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: Die unglaubliche Dramaturgie des Finales – Brunel sah wie der Sieger aus“

  1. avatar Harrie Jasses sagt:

    Klasse Zusammenfassung!!

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  2. avatar Slutsky sagt:

    Ja, sehr gute Zusammenfassung, und insgesamt schöne Berichterstattung zum ganzen Event, danke!

    Außerdem: am Wochenende war in der New York Times ein sehr lesenswerter Bericht über das Thema Frauenquote beim VOR:

    https://www.nytimes.com/2018/06/21/sports/volvo-ocean-race.html

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