Volvo Ocean Race: Fehler und Comeback – Dongfeng-Skipper lässt hinter die Kulissen blicken

"Ich fühlte mich schuldig"

Zusammenfassung der letzten Volvo Ocean Race Woche:

 



 

Die zweite Etappe beim Volvo Ocean Race ist mit einem spannenden Duell geendet, das mit einer Minute Differenz entschieden wurde. – Dongfeng-Skipper Charles Caudrelier spricht ehrlich über den kolossalen Fehler.

Der erstaunliche Fehler des Dongfeng Teams war einer der spannendsten Momente auf der Königsetappe von Lissabon nach Kapstadt. Dabei hätte man gerne gesehen, was im Moment der Erkenntnis wirklich an Bord passiert ist.

Navigator Pascal Bidegorry ließ sich zwar filmen, als er das plötzliche 100 Meilen Defizit zu Mapfre seinem Team im Cockpit mitteilte und garnierte die Zahlen mit dem Kraftausdruck: “we’re completely fucked”. Aber Skipper Charles Caudrelier blieb Tage in der Versenkung verschwunden.

Man konnte schon befürchten, dass es mächtig Knatsch im Team gegeben hat, aber die Erklärungen des Skippers in den folgenden Interviews nach dem Ziel wie auch das finale Ergebnis zeigen, dass er ein echter Klassemann ist.

Caudrelier navigiert zu 30 Prozent selbst

So lässt er keinen Zweifel daran, dass er sich selbst den Fehler ankreidet und auch einige Zeit lang damit zu kämpfen hatte. Dabei gewährt er Einblicke in seine Zusammenarbeit mit dem Navigator Bidegorry. Im Gegensatz zu anderen Crews sei er, Caudrelier, an der Entscheidungsfindung  beteiligt. “Zu 20 bis 30 Prozent”, sagt der Skipper.

Charles Caudrelier Bidégorry

Pascal Bidégorry (r.) und Charles Caudrelier bei der gemeinsamen Arbeit vor dem Bildschirm.

Schließlich verfüge er selber als Einhand- und Shorthand-Segler über umfangreiches navigatorisches Wissen. Caudrelier hat wie Bidegorry seinen Sieg bei der härtesten Onedesign Einhand-Regatta Solitaire du Figaro für den Sprung in die Vollprofi-Segel-Karriere genutzt. Erstmals mit an Bord ist auch Jérémy Beyou, der vergangene Vendée Globe-Dritte und dreimalige Figaro-Sieger. Auch er mag seine navigatorische Meinung einfließen lassen.

Yachting World Interview:

Caudrelier sagt gegenüber Yachting World: “Ich war Navigator auf vielen verschiedenen Yachten. Deshalb kann ich zu Pascal nicht einfach sagen: mach du. Also tun wir es zusammen. Und das macht uns machmal stärker als die anderen, weil wir zu zweit denken. Aber manchmal bedeuten zwei Köpfe auch zwei verschiedene Arten des Denkens und dann trifft man keine Entscheidung. Und ich glaube, das ist es, was passiert ist. Wir waren unentschieden, ob wir früh halsen. Wir diskutierten zu viel, und am Ende entschieden wir etwas, das wir eigentlich beide nicht wollten, und das Ergebnis war dramatisch.”

“Es war mein Fehler”

Die Strategie und Taktik folge nie klaren, einfachen Überlegungen. Es liege immer ein Mix aus Wettervorhersage und Taktik zu den anderen Booten sowie Risikomanagement zugrunde. Die Balance sei wichtig. Es gehe ja nur um minimale Unterschiede: eine Viertelstunde früher oder später halsen. “Da ist es manchmal schwieriger und nicht gut, wenn man zwei Pläne an Bord hat.”

Aber er habe der Crew gesagt: “Es war mein Fehler, nicht Pascals.” Und dann sei er auch einige Stunden wirklich “down” gewesen. “Ich fühlte mich schuldig.” Aber dann bin ich zum Kartentisch zurück, und habe gesehen, dass es eine Möglichkeit für ein Comeback gibt. “Wir müssten schnell segeln und nicht zu sehr auf die Konkurrenz sehen.” 48 Stunden später lag Dongfeng wieder auf Rang zwei.

Ein immenser Speed-Boost hat das möglich gemacht. Bei starkem Wind segelte das Team teilweise mit bis zu zwei Knoten mehr Geschwindigkeit an Brunel und Vestas vorbei. Caudrelier hatte das Glück, Bedingungen und den Kurswinkel vorzufinden, bei denen seine Crew das Schiff schneller puschen kann, als die direkte Konkurrenz.

Erfahrung bei den Trimm-Einstellungen

So etwas sollte eigentlich nicht möglich sein bei einem Onedesign-Boot. Aber es zeigt, wie unterschiedlich professionell die Vorbereitung der verschiedenen Crews ist. Die ersten vier Teams haben eben schon das vergangene Volvo Ocean Race absolviert, die letzten drei nicht.

Dabei geht es einfach um Erfahrungen zu Trimm-Einstellungen bei möglichst vielen verschiedenen Bedingungen. Im Mittelmeer oder an der europäischen Atlantikküste können eben die langen Wellen des Southern Oceans nicht simuliert werden.

Volvo Ocean Race, Dongfeng

Dongfeng im Vollgas-Modus. © dongfeng

So war es kein Zufall, dass Dee Caffari (Tun the Tide) und David Witt (Scallywag) diese zweite Etappe zum privaten Two Boat Test umgestalteten. Beide Teams haben den größten Nachholbedarf in Bezug auf den optimalen Trimm der Onedesign Volvo65, und das wochenlange Nebeneinander-Herfahren auf dieser Etappe, das Anpassen der Geschwindigkeit, das Austesten verschiedener Trimms, deren Auswirkungen im Vergleich zum Nachbarboot sofort erkannt werden können, sollte beide Crews weiter gebracht haben.

Allerdings ist das im Wettkampf langsam. Man macht so etwas normalerweise beim Training. Aber die Vorbereitung beider Teams war aus finanziellen und zeitlichen Gründen nicht ausreichend professionell. Es ist schwer vorstellbar, dass beide Crews auf der nächsten harten Etappe im Southern Ocean nach Australien eine größere Rolle spielen können.

Fotografieren verboten!

Darauf freut sich schon Charles Caudrelier. In der Comeback-Phase hatte der Dongfeng-Skipper dem Onboard-Reporter strengstens verboten, Bilder an die Außenwelt zu liefern, die der Konkurrenz Hinweise zum Segeltrimm liefern. Irgendetwas machen die Franzosen bei extremen Starkwind-Bedingungen deutlich anders, als die Gegner. Wenn die das Geheimnis nicht lüften, dürfte es schwer sein, Dongfeng auf den folgenden harten Etappen zu stoppen.

Volvo Ocean Race Route

Die Volvo Ocean Race Route um die Welt. © VOR

Caudrelier stapelt allerdings tief: “Der Speed ist die Arbeit der gesamten Crew und die Stimmung deutlich besser nach unserem fantastischen Comeback. Als ich sagte, dass wir die Möglichkeit zum Aufholen haben, war ich mir nicht sicher, ob das wirklich möglich sein würde. Aber ich wollte, dass wir die Hoffnung nicht verlieren. Außerdem glaube ich, dass man sich immer ein wenig Glück verdient, wenn man nur hart genug arbeitet und gut segelt.”

Der Dreikampf in Sichtweite kurz vor dem Ziel:

Das Glück, das er meint, waren die Bedingungen, die eine kurze Zeit die hinteren Boote bevorteilte. AkzoNobel konnte dann aber knapp nicht mit der Geschwindigkeit der Front mithalten, rutschte in die Flaute und rettete sich nur um Minuten vor den beiden Nachzüglern ins Ziel.

Vom Leichtwind-König zum Hack-Spezialisten

Aber Dongfeng schloss auf und nutzte schließlich seinen Speed-Vorteil. “Im vergangenen Rennen waren wir noch die Könige der leichten und mittleren Winde und langsam bei Hack”, sagt Caudrelier. “Und deshalb haben wir im Winter hart gearbeitet, um Lösungen zu finden. Diese Investition hat sich nun gelohnt.”

Er könne kaum glauben, wie schnell sie manchmal waren. “Es hat mich an die alten Zeiten mit Groupama erinnert, als wir oft einen Knoten schneller waren.” Damals 2012 erwuchs der Über-Speed aber besonders aus der Überlegenheit des Designs im Rahmen einer Box Rule. Und da hatten die Franzosen mit dem größten Budget und der meisten Zeit den besten Job gemacht. Caudrelier war neben Skipper Franck Cammas eine der Schlüsselfiguren an Bord.

Der nächste Schritt bei der Dongfeng Speed-Entwicklung erfolgte beim Testen mit Mapfre, ausgerechnet dem härtesten Konkurrenten im Kampf um den Gesamtsieg. Eigentlich konnte man vorher erwarten, dass beide Crews als Favoriten ins Rennen gehen. Deshalb war es umso erstaunlicher, dass sie eine Test-Kooperation vereinbarten, wie sie auch im Olympischen Segeln üblich ist.

Aber diese Einstellung zeugt von der Professionalität beider Syndikate. Caudrelier betont, dass die gemeinsamen Tests mit Mapfre im August vor dem spanischen Sanxenxo noch weitere Erkenntnisse gebracht habe. Doch der Speed komme auch durch die Leistungen am Steuer zustande, die insbesondere von den Neuzugängen Daryl Wislang und Stuart Bannatyne erreicht werden. Der Skipper lobt aber auch Marie Riou, die Nacra 17 Dreifach-Weltmeisterin, die am Rad hervorragende Werte erreicht.

 

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

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