Volvo Ocean Race: Groupama zieht Bilanz. Neue VO70 langsamer als die alten?

Endlich zuhause

Franck Cammas muss es komisch vorgekommen sein, die Sektflasche in die Hand gedrückt zu bekommen und auf der Bühne herumspritzen zu müssen. Er ist zwar Dritter der Etappe aber auch letzter. Eigentlich überwog Frust statt Siegesfreude.

Groupama auf den letzten Metern vor Kapstadt. Der Rückstand betrug mehr als 800 Meilen. © PAUL TODD/Volvo Ocean Race

Aber der Franzose machte gute Miene zum bösen Spiel. Er flitzte wie ein Derwisch mit der Flasche herum und absolvierte die diesmal ungeliebte Pflicht-Show- Aufgabe professionell für sein Groupama Team.

Denn eigentlich schlichen die Franzosen wie geprügelte Hunde ins Ziel, nachdem sich ihr strategischer Fehler am dritten Tag der Etappe als entscheidend für den Abschnitt herausgestellt hatte. Ihr Rückstand wurde immer größer und summierte sich auf 825 Meilen, nachdem sie kurz vor Kapstadt noch einmal zwei Tage in der Flaute des St. Helena Hochs gelegen hatten.

Groupama endlich zuhause. Der Sohn erklärt seinem Papa die Welt. Wie unwichtig plötzlich dieser blöde Schlenker nach Afrika wird. © IAN ROMAN/Volvo Ocean Race

In der Groupama Pressemitteilung wird versucht, dem Ganzen etwas Positives abzugewinnen. Der Sieg von Telefonica, die mehr oder weniger als Schwesterschiff von Designer Juan Kouyoumdjian gezeichnet worden sei, habe gezeigt, dass die Konstruktionslinie passe. Und Cammas habe gezeigt, dass er und seine Crew nicht nur den anderen hinterher segeln, sondern gewillt sind, strategische Initiativen zu ergreifen.

Das ist nun keine Kunst, wenn man dabei in die Grütze segelt, aber kann ja mal klappen. Die Daten hätten jedenfalls gezeigt, dass die Juan K. Boote (auch Puma) bei Downwind-Bedingungen zwischen 60 und 110 Grad Windeinfallswinkel schneller seien als das Botin Design von Camper.

Franck Cammas erklärt die missglückte erste Etappe. © IAN ROMAN/Volvo Ocean Race

Die Team Analysten wollen auch festgestellt haben, dass Groupama raumschots bei Windgeschwindigkeiten über 18 Knoten Vorteile gegenüber Telefonica und Puma hatte. Den erstaunlichsten positiven Aspekt beschreibt die Pressemitteilung der Franzosen wie folgt:

“Franck Cammas und seine Männer haben deutlich mehr Manöver als die anderen Crews ausgeführt, und sie wissen jetzt, wie sie mit ihrem Schiff bei wenig Wind umgehen müssen, der die nächsten beiden Etappen dominiert.” Hört sich so an, als seien sie absichtlich in die Flaute gesegelt, um für die nächsten Etappen zu trainieren.

Auch die Franzosen haben noch zum Tafelberg geschafft. Vor dem Ziel peinigte sie noch das St. Helene Hoch. © IAN ROMAN/Volvo Ocean Race

Dennoch ist nichts verloren für Groupama. Platz drei bringt ordentlich Punkte, auch wenn er unbefriedigend zustande gekommen ist. Das Schiff scheint schnell genug, um seine Besatzung an der Spitze mitsegeln zu lassen.

Unklar ist noch, wie schnell die neue Generation der VO70 allgemein ist. Dem Etmal Rekord von “Ericsson4” (596,6 Meilen) konnte Camper mit 554 Meilen noch nicht besonders nahe kommen. Der erfahrene Telefonica Wachführer Neal McDonald glaubt, dass der absolute Speedpotenzial der neuen Schiffe nicht so hoch ist wie bei den alten. Die durften eine schwerere Kielbombe anbauen und mehr Segel schneidern. Dennoch denkt er, dass die neue Generation im Durchschnitt auf dem Kurs schneller sind.

Abu Dhabi schwimmt wieder in Kapstadt. © Heger/DHL

Der große Unbekannte bleibt das von Bruce Farr gezeichnete Abu Dhabi Schiff, das früh mit einem Mastbruch ausschied. Das Schiff ist jedenfalls in Kapstadt angekommen und schwimmt schon wieder. Puma muss dagegen noch einige Ängste ausstehen, bis das Schiff sicher auf dem Frachter steht und heil in Kapstadt ankommt.

Pumas Chef-Logistiker Kimo Worthington beschreibt seine Probleme: “Worüber ich mir sorgen mache? Darüber wie der Mast in einem Stück bis nach Kapstadt kommt. Dass der Frachter beim Schiff eintrifft. Dass das Wetter für An- und Abreise passt. Dass unser Boot sicher auf das den Frachter gehievt wird. Dass die Jungs in dieser Situation ihre positive Einstellung behalten.”

 

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Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.
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2 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: Groupama zieht Bilanz. Neue VO70 langsamer als die alten?“

  1. avatar Olli sagt:

    Downwindbedingungen bei 60-110 Grad Windeinfallswinkel? Da sind sie also schneller. Könnte man auch übersetzen mit: “sie werden schneller sein ab dem Tag, an dem die Spatzen Schleppsäbel tragen”, also nie. Gemeint ist wahrscheinlich 60-110 AWA. Das ist tatsächlich eher bergab. Die Raketen haben zumindest bis zu mittleren Windgeschwindigkeiten bei 135° TWA nur noch 60° AWA.

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    • avatar stefan sagt:

      …welcher “Wind fällt denn ein”? AWA oder TWA

      …mit Windeinfallswinkel ist natürlich AWA gemeint, was sonst?

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