Volvo Ocean Race: Gründe für die Bruchserie. Alinghi Designer Rolf Vrolijk spricht

"Niemand geht mehr vom Gas"

Designer Juan K dünnhäutig

Der Argentinier Juan Kouyoumdjian ist zurzeit der erfolgreichste Yacht-Designer der Welt. © Martin Raget

Schon wird diskutiert, ob möglicherweise in Zukunft mit Einheitsyachten um die Welt gesegelt wird. Das würde zum Beislpiel Star-Designer Juan Kouyoumdjian überhaupt nicht schmecken. Deshalb reagierte der Argentinier, der Puma, Groupama und Telefonica zeichnete, äußerst dünnhäutig mit einem ungewöhnlichen Wortbeitrag.

Ausnahmsweise wolle er die goldene Regel brechen und sich während eines Rennens öffentlich äussern, und er gehe bewusst die Gefahr ein, arrogant zu klingen: “Aber ich erkenne eine bewusste Manipulation der Wahrheit.”

Man könne nicht generalisieren und müsse zwischen Rigg und Rumpf-Problemen unterscheiden. Seine drei Boote seien schließlich ohne große Rumpfschäden in Brasilien angekommen. Telefonicas Stopp bei Kap Hoorn sei nicht unbedingt nötig sondern eine schlaue strategische Entscheidung gewesen, nachdem der dritte Platz gesichert war.

Kouyoumdjian macht klar, dass bei der Konstruktion einer Volvo70 Yacht Bruch generell  nicht ausgeschlossen werden kann. “Das kann es bei keinem Um-die-Welt-Racer.” Deshalb liegt nach seiner Meinung die Verantwortung für Materialprobleme bei der Crew.

Vrolijk: “Früher ist man beigedreht.”

Diese Meinung wird vom Kollegen Rolf Vrolijk unterstützt. Der Alinghi America’s-Cup-Konstrukteur beobachtet die Szene von Bremerhaven aus ganz genau. Auch er hatte Anfragen für einen Volvo70 von Teams, die schließlich aber nicht zustande kamen.

Rolf Vrolijk und sein alter Alinghi Weggefährte Schümann. © Ian Roman/Audi MedCup

Vrolijk sieht ebenfalls die Segler in der Verantwortung. “Früher ist man beigedreht, wenn der Sturm zu heftig wurde, heute ist daran nicht mehr zu denken”, sagt Vrolijk gegenüber SegelReporter. Heute werde mit über 40 Knoten Speed über Wellen gerast. Die Rümpfe setzen so heftig auf wie bei schnellen Motorbooten. Für diese Belastungen seien die Schiffe aber nicht gemacht.

Niemand gehe mehr vom Gas. Ein Indiz für diese These ist der Bruch des Ring-Schotts bei dem neuseeländischen Camper Team. Die Kiwis standen unter Druck, die fünfte Etappe unbedingt gewinnen zu müssen, um den anvisierten Gesamtsieg noch realisieren zu können.

Sie wussten eigentlich, dass ihr Botin-Design bei harten Raumschots-Bedingungen langsam ist. Dennoch waren sie plötzlich in der Lage, im direkten Zweikampf die eigentlich schnellere Groupama zu überholen und sich einen Vorsprung von 17 Meilen auf direktem Kurs zu erarbeiten. Der Verdacht liegt nahe, dass sie bei 30 bis 40 Knoten Wind zu sehr auf das Gaspedal drückten. Es ging um alles oder nichts.

Seemännisches Verhalten mag heutzutage nicht mehr hoch im Kurs stehen, vermutet Vrolijk. Die Volvo70 weichen den Tiefdruckgebieten nicht mehr aus, sie rasen mitten hindurch. Im Vergleich dazu passiere bei den fragileren Mehrrümpfern relativ wenig. Denn für sie ist längst klar, dass sie extremem Wetter ausweichen müssen.

avatar

Carsten Kemmling

Der Mann von der vordersten Front. Mehr zu ihm findest Du hier.

6 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: Gründe für die Bruchserie. Alinghi Designer Rolf Vrolijk spricht“

  1. avatar Stefan Z sagt:

    Was soll denn eine Einheitsklasse bringen? Sind nicht die Kosten für das Boot selber relativ gering? Von den 20 Mio € sind doch der größte Anteil Personalkosten. Einheitsklasse bedeutet doch auch, dass alle versuchen werden, im Rahmen der Möglichkeiten soviel wie möglich an den Schiffen zu tunen. Dafür braucht man viele schlaue Leute und das kostet…

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 6 Daumen runter 0

  2. avatar Schlaufux sagt:

    Ich weiss ja nicht, ob man dem Konstrukteur der drei schnellsten Boote wirklich einen Vorwurf machen kann.
    Rausgefallen Ringschotten und Delamination im nahezu unbelastetem Mittschiffsbereich deuten ja doch eher auf Produktionsmängel hin.
    Ich denke es wird kein weg an einem “nahezu” Einheitsboot vorbeiführen.
    Warum soll man Formel 1 Prototypen im Südpolarmeer testen ?!
    Das kann Leben kosten.

    Die Aussage, dass die Offshore-Profis (auf Mehrrümpfern) Tiefdruckgebieten ausweichen ist dummes Zeug.
    Selbst beim letzten VOR haben die Teams Tiefs gesucht und waren in der Lage im Südpolarmeer auf den Sturmfronten mitzufahren. Ansonsten sind die Durchschnittsgeschwindigkeiten nicht machbar.
    Neu sind ja nur die “Sponsoretappen” seit der letzten Edition.
    Ken Read meinte letzte Ausgabe dazu “das ist wie mit nem Formel1 Auto in der 30-Zone”.

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 2 Daumen runter 9

    • avatar Wilfried sagt:

      man muß die Aussagen auch lesen. Dort steht nicht das Tiefdruckgebieten ausgewichen wird sondern Extremwetter ausgewichen wird. das ist etwas völlig anderes. Fast niemand von uns kann auch nur im Ansatz beurteilen was schief gelaufen ist.

      Like or Dislike: Daumen hoch 3 Daumen runter 0

  3. avatar Hansjörg Neun sagt:

    Super Beitrag, jedoch müßte der Titel heißen: “Niemend geht mehr vom Gas” oder “Niemand geht mehr auf die Bremse”.

    Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 7 Daumen runter 0

  4. avatar HENK sagt:

    *klugschei…* Volvo ist schon ein Weilchen chinesisch ….

    Like or Dislike: Daumen hoch 1 Daumen runter 0

Schreibe einen Kommentar zu Wilfried Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Sicherheitsfrage (SPAM-Schutz): *