Volvo Ocean Race: Wie der Vestas-Unfall passierte – Erstmals äußert sich der Skipper

"Völlig überrascht von der Kollision"

Die Untersuchungen zur Vestas-Kollision, bei der ein Fischer verstarb, sind abgeschlossen. Nun gibt Co-Skipper Mark Towill, der in der Verantwortung stand, erstmals Details zum Unglück preis.

Vestas hat nun bei zwei Etappen keine Punkte geholt, liegt aber nur drei Punkte hinter einer Podium-Platzierung. © Vestas 11th Hour Racing/Volvo Ocean race

Lange hat die Crew von Vestas geschwiegen, wenn Fragen zu dem Unfall während der vierten Etappe beim Volvo Ocean Race kurz vor dem Ziel in Hong Kong gestellt wurden. Sie verwiesen auf die andauernden Untersuchungen der Behörden, und wollten sich juristisch nicht angreifbar machen. Aber nun erhielten sie die Nachricht, dass die Ermittlungen offiziell abgeschlossen sind, und keine Vorwürfe gegen das Segelteam erhoben werden.

Der offene Bug vor dem Einsetzen des neuen Elements. © Vestas 11th Hour Racing/Volvo Ocean race

Erleichtert gibt Co-Skipper Mark Towill (29) nun Details zum Unfall preis. Der Amerikaner stand auf dieser Etappe erstmals alleine in der Verantwortung, weil der eigentliche Skipper Charly Enright ungeplant den Start durch einen familiären Krisenfall verpasste. Sein zweijähriger Sohn war an einer bakteriellen Lungenentzündung erkrankt.

Towill erzählt auf der eigenen Website, wie es zu dem Unfall kam:

“Wir waren etwa 30 Meilen vom Ziel entfernt, und ich habe vor dem Bildschirm das Radarbild und die AIS-Signale kontolliert. Die Kommunikation mit der Crew an Deck erfolgte über die Sprechanlage. Drei Schiffe waren über das AIS in unserer Nähe zu sehen. Wir hatten gerade einen Kabel-Leger passiert, ein anderes Schiff passierte vor unserem Bug und wir identifizierten ein drittes Fahrzeug als Fischerboot.

Unglücks-Skipper Mark Towill. © Vestas 11th Hour Racing/Volvo Ocean race

Die Nacht war dunkel und wolkig. Der Wind wehte etwa mit 20 Knoten und der Wellengang war moderat. Die Crew erkannte das identifizierte Fischerboot hell erleuchtet  auf dem Wasser, und wir änderten den Kurs nach Steuerbord, um uns frei zu halten.

Völlig überraschende Kollision

Ich beobachtete das AIS-Signal und kommunizierte der Crew Abstand und Peilung. Kurz vor dem erwarteten Cross kam es völlig überraschend zu einer Kollision. Wir wurden auf den anderen Bug herumgedreht. Die gesamte Crew kam an Deck. Niemand war verletzt.

Charly Enright übernimmt nach einer Familienkrise wieder das Skipper-Amt für die nächste Etappe. © Vestas 11th Hour Racing/Volvo Ocean race

Wir überprüften den Bugbereich und sahen das Loch auf der Backbordseite. Wasser drang ein und wir machten uns Sorgen darüber, wie schwer die Struktur des Bugs beschädigt ist. Wir krängten stark nach Steuerbord, um das Leck aus dem Wasser zu bekommen. Die Segel waren dafür ja schon auf der richtigen Seite platziert, der Ballasttank war gefüllt und wir beließen den Neigekiel auf der neuen Leeseite.

So konnten wir den Wassereinbruch minimal halten. Mit der Notpumpe brachten wir das Wasser aus dem Bug. Aber das Schiff war mit der starken Krängung schwer zu manövrieren. Wir benötigten etwa 20 Minuten, um das Boot unter Kontrolle zu bekommen. Dann fuhren wir zur Unfallstelle zurück.

Reanimierung an Bord

Die Crew eines nahen Fischerbootes leuchtete mit Taschenlampen ins Wasser, und es sah so aus, als wenn sie jemanden suchten. Deshalb starteten wir sofort eine Such- und Rettungsaktion. Nach einiger Zeit sahen wir eine Person im Wasser.

Die schwer gebeutelte Vestas beim Frachter-Transport von Hong Kong nach Auckland. © Atila Madrona/ Vestas 11th Hour Racing

Die schwierigen Bedingungen und unsere limitierte Manövrierbarkeit behinderte unsere Möglichkeiten, das Opfer zu bergen. Ein Beiboot des Kabel-Legers bot Hilfe an und mehre Boote halfen. Nach mehreren Versuchen konnten wir das Opfer schließlich bergen. Unsere medizinisch geschulten Segler begannen mit Reanimationsversuchen.

Wir alarmierten das Hong Kong Marine Rescue Coordination Centre und sie bestätigten, dass Unterstützung aus der Luft unterwegs sei. Das Opfer wurde schließlich per Helikopter in ein Krankenhaus nach Hong Kong gebracht, aber auch dort konnte der Fischer nicht wiederbelebt werden.

 

Dongfeng bot Hilfe an, aber wir hatten schon einen Übersetzer auf dem Kabel-Leger, der Chinesisch und Englisch sprach und bei der Kommunikation vermittelte. Wir rieten Dongfeng weiterzusegeln, da zahlreiche Schiffe näher am Unglücksort waren. Als AkzoNobel eintraf, fand gerade der Luft-Transport statt, und wir entließen auch sie aus der Standby-Position.”

Warum mit Vollgas durch die gefährliche Zone?

Offenbar ist Vestas demnach mit einem unbeleuchteten nicht per AIS identifizierbaren Fischerboot kollidiert, die in dem Gebiet zahlreich unterwegs sein sollen. So stellt sich die Frage, warum Towill sein Schiff mit Vollgas und mehr als 20 Knoten mit beschränkter Sicht durch die gefährliche Zone rauschen ließ.

Das Stück Außenhaut kurz vor dem Einsetzen. © Brendon O’Hagan

Die Schablonen stellen sicher, dass die Reparatur den Onedesign-Vorgaben entspricht. © Vestas 11th Hour Racing/Volvo Ocean race

Der Bugbereich nach dem Einsetzen des aus Italien nach Auckland eingeflogenen Stücks. © Vestas 11th Hour Racing/Volvo Ocean race

Das machte nicht nur seemannschaftlich, sondern auch sportlich wenig Sinn. Man hätte Speed rausnehmen können. Der Vorsprung auf Dongfeng betrug fast 20 Meilen. Das war 30 Meilen vor dem Ziel nicht mehr aufzuholen. Und auch nach vorne ging nichts mehr. Scallywag war schon im Ziel. Mit dem starken zweiten Etappen-Platz wäre dieser auch in der Gesamtwert erreicht.

Aber Charly Enright Freund und Mitgründer des Teams nimmt jede Verantwortung von seinem Kumpel. “Wäre es anders gekommen, wenn ich an Bord gewesen wäre? Zweifellos nicht!” Was soll er auch sagen?

Die gute Nachricht

Der Unfall mit Todesfolge lastet schwer auf dem Team. Und auch sportlich hätte es für Vestas das Ende der Regatta bedeuten können. Aber dieses Szenario ist jetzt endgültig vom Tisch. Die schwierige Reparatur der Yacht ist erfolgreich bei der Werft Yachting Developments in Auckland ausgeführt, und das Schiff wird die folgende Königsetappe um das Kap Hoorn nach Brasilien bestreiten.

Die gute Nachricht für das US-Team unter dänischer Flagge ist der aktuelle Punktabstand. Obwohl Vestas zweimal nicht punkten konnte, ist sportlich noch mehr zu holen, als die Crew erwarten konnte. Die Ergebnisse wurden so sehr durcheinander gewürfelt, dass Vestas zurzeit auf Rang fünf rangiert nur drei Punkte hinter der drittplatzierten Scallywag. Selbst Brunel liegt noch achteraus.

Gesamtergebnis nach sechs von elf Etappen.

 

Die Vorzeichen stehen nicht schlecht. Schließlich hat Charly Enright gute Erfahrung mit der Kap-Hoorn-Etappe gemacht. Beim Volvo Ocean Race 2014-15 fürhrte er das damalige Alvimedica Team mit einem 15-minütigen Vorsprung um das Kap.

 

 

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Carsten Kemmling

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7 Kommentare zu „Volvo Ocean Race: Wie der Vestas-Unfall passierte – Erstmals äußert sich der Skipper“

  1. avatar coist sagt:

    Was ich noch nicht herausgelesen habe: sind sie überraschend mit dem identifizierten Fischerboot dann doch kollidiert oder mit einem anderen Boot, als sie gerade dabei waren, das identifizierte Boot zu passieren?

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  2. avatar eku sagt:

    As we approached the fishing vessel that we had identified on AIS, the on-deck crew confirmed visual contact – the fishing vessel was well lit – and we headed up to starboard to keep clear. I was watching AIS and communicating the range and bearing to the crew. The crew confirmed we were crossing the fishing vessel when, before the anticipated cross, there was an unexpected collision.
    http://www.vestas11thhourracing.com/media/boatlog/q-and-a-with-mark-towill

    Das ist mE doch etwas mager – Noch viel Interpretationsspielraum
    Schwimmt das “well lit” Boot danach noch? …
    Kein Wort von einem weiteren Fahrzeug.

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  3. avatar Christoph sagt:

    Also ich muss trotz der geringen Fehler oder Ungenauigkeiten die hier bei ein paar Übersetzungen der Aussagen von Mark Towill vorliegen mal ein Großes Lob aussprechen.
    Ich habe gerade den Artikel und die Übersetzung des Interviews auf Yacht online gelesen und die Übersetzung dort ist einfach richtig schlecht. Sie wurde offensichtlich von einem Übersetzer angefertigt der keine Ahnung von Segelbegriffen hat, oder aber der Übersetzer hat einfach wörtlich übersetzt ohne auf den sinn der Aussage zu achten.

    Ihr macht das viel besser SR. Danke dafür

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  4. avatar Peter Müller sagt:

    Ist der Navigator doch nicht eingeschlafen Herr Kemmling?

    Heisse Debatte. Was meinst du? Daumen hoch 11 Daumen runter 9

  5. avatar Bee sagt:

    Es war ein weiteres unbeleuchtetes Fischerboot, mit dem die Vestas kollidiert ist und nicht der AIS sendende, hell erleuchtete Fischer.

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  6. avatar Henk sagt:

    Wurde denn kein Radar verwendet?

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    • avatar Sven 14Footer sagt:

      lese mal den Text nochmal. Mark Towill berchtet, dass er unten in der Navi vorm Bildschrim sitzt, wo ihm Radar und AIS Signale gezeigt werden. Über Sprechfunk ist er mit der Crew an Deck in Kontakt.

      Super Beitrag, mehr davon! Like or Dislike: Daumen hoch 4 Daumen runter 0

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