Warum eine beinahe 70 Jahre alte Klasse dem Segelsport das Fliegen lehrte

Der A-Kat als Ideengeber für eine neue Generation

Glenn Ashby während der EM im Rahmen der Warnemünder Woche. Bild: Pepe Hartmann

Der Auftritt Glenn Ashbys bei der A-Kat-EM im Rahmen der Warnemünder Woche sorgte für Furore. Allzu oft schaut kein America’s Cup Sieger in Deutschland vorbei und nimmt an einer der deutschen Segelwochen teil. Die fliegenden Katamarane lagen im Fokus der Medien. Die wenigsten wissen, dass diese Klasse bereits stramm auf die 70 zugeht. Ein kleines Klassenporträt der inspirierenden sowie innovativen Klasse.

Geboren in den 1950er Jahren aus dem Versuch des Weltseglerverbandes, die Katamaran-Vielfalt zu ordnen, ist der A-Kat nach wie vor die Konstruktionsklasse, die Segler, Konstrukteure und Bootsbauer begeistert.

Dabei haben die Väter der Klassenvorschrift dem Boot nur ein minimales Regelwerk mit auf den Weg gegeben: Länge, Breite und Segelfläche sind die wesentlichsten Eckdaten, innerhalb derer die Konstrukteure nach dem Optimum suchen.

In den ersten Jahrzehnten entwickelte sich die Klasse evolutionär-getrieben vom jeweiligen Stand der Technik (Kohlefaser in Rümpfen und Masten) und des Designs. Wavepiercing-Rümpfe, C-Schwerter und ein im Topp fast ein Meter breites Fat-Head-Groß, um auf Downwindkursen den Luvrumpf zu fliegen, so sahen bis vor wenigen Jahren die führenden Boote aus. In dieser Ära war auch eine Hochzeit des deutschen A-Cat-Bootsbaus, getrieben von Aicher & Egner (Flyer) sowie Nils Bunkenberg (Nikita). Diese Bootstypen dominierten das Geschehen der 2000er-Jahre.

Doch der Schritt zum Foilen war nicht mehr weit. So schuf der mittlerweile legendäre Konstrukteur und A-Cat-Segler Martin Fischer (u.a. Groupama Little Americas Cup und AC-Team) mit dem MayFly den Urtyp eines foilenden A-Cats.

Befeuert durch die America’s-Cup-Segler, die den A-Cat als Trainingsplattform für sich entdeckten, haben Segler wie Glenn Ashby und Peter Burling die Jahre um den AC 2013 dominiert und mit dem Team-Knowhow die Entwicklung des Foilens befeuert. Dies ist umso bemerkenswerter, als dass die Regelhüter der A-Cats den „L-Foils“, wie sie bis heute beim AC 45 oder GC 32 verbreitet sind, einen Riegel vorgeschoben haben – zugunsten der einfachen Bedienbarkeit. Gefordert ist das Einsteckens der Schwerter von oben sowie ein Mindestabstand der Schwerter unter dem Boot. Wie bei jeder einschränkenden Regel spornte dies den Wettbewerb der Konstrukteure umso mehr an und hat über mehrere Evolutionsstufen die heutige Z-Foil-Form hervorgebracht. Die ermöglicht es in Verbindung mit den Winglets an den Spitzen der Ruderblätter, den A-Cat ins Fliegen zu bringen, ohne wie bei den L-Foils jeweils das Luvschwert aufholen zu müssen.

Dieses 4-Punkte-Foil-Konzept hat sich als Standard aller A-Cat-Designs der vergangenen Jahre durchgesetzt und ist bringt nun auch den olympischen Nacra 17 zum Fliegen. Seit einigen Jahren geht die Entwicklung nun daran, das Gesamtpaket Foils-Plattform-Mast-Segel zu optimieren: Durch die hohen Geschwindigkeiten und das Downwind-Foilen sind die Rümpfe auf Aerodynamik optimiert, was sich neben dem Verzicht auf voluminöse Rümpfe auch in doppelten Trampolinen, aerodynamisch geformten Beams und unter Deck verlegten Schoten ausdrückt.

Das Segeldesign hat eine radikale Entwicklung weg vom großen Fat-Head hin zu druckpunktsenkenden und aerodynamisch effizienten Segeln genommen, die bis aufs luftdichte Trampolin reichen – die sogenannte Decksweeper-Form bei einem schmalen Kopf. Hier gibt es auch eine Renaissance des baumlosen Segels, das der amtierende Weltmeister und Segelmacher Steve Brewin perfektioniert hat.

Die Balance der Boote um die Längsachse hat die Schwertpositionen weiter nach vorn rutschen lassen, um so den „Radstand“ zwischen Schwert und Ruder zu vergrößern. Neben dem Foilen auf dem Downwind ist so mittlerweile auch das Foilen an der Kreuz möglich.

Diese Entwicklungen wären nicht möglich ohne das Wettrennen der Entwickler des DNA F1 aus den Niederlanden und dem polnischen Exploder-Team mit ihrem AD3 A-Cat.
Während die Philosophie des DNA-Teams den Anspruch hat, ein Boot aus einer Hand zu liefern, folgt das Exploder-Team einem Ansatz innerhalb eines globalen Frameworks zwischen Spanien, Polen und Australien. Weiterhin ist noch die Scheurer-Werft aus der Schweiz zu nennen, die mit einem sehr eigenständigen Design und direktem Feedback ambitionierter und erfolgreicher A-Cat-Segler innovative Boote liefert.

Mögen die Wettläufe an der Spitze auch noch so erfolgreich sein, ist es für eine Bootsklasse existenziell, die Basis mitzunehmen. Das Foilen im A-Cat ist nicht nur eine Frage des Materials, sondern will in vielen Wasserstunden solide erarbeitet werden, ist inzwischen aber auch dem durchschnittlichen Foiler-Piloten möglich. Doch nicht alle wollen den Schritt zum Foilen mitgehen: Die Klasse hat reagiert und bietet Classic-Wertungen.

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Ralf Abratis

... ist unser Mann aus der "Segelhauptstadt" Kiel. Mehr zu ihm findest Du hier.
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